Urvertrauen in die Menschen

von Anna Schindler
min
01.10.2026
Tamara Rottach leistet Sanitätsdienste bei Sport- und Freizeitveranstaltungen und bietet Kurse in Erster Hilfe an. Tamara Rottach ist Samariterlehrerin und Präsidentin des Samaritervereins Herisau. Sie erzählt von ihrem Hobby und wie wichtig es ist, in Notsituationen Verantwortung zu übernehmen.

Warum engagieren Sie sich freiwillig als Samariterin und geben Nothilfekurse?

Mich hat es gleich beim eigenen Nothilfekurs gepackt. Da habe ich gespürt, das ist meins. Die Erkenntnis, dass ich Leben retten kann, finde ich grossartig. Ebenso wertvoll finde ich es, einer Person, die verletzt ist, zu helfen. Wenn jemand tatsächlich in einer lebensbedrohlichen Situation ist, habe ich die Fähigkeit, Zeit zu überbrücken, bis der Rettungsdienst da ist. Es ist mir ein grosses Anliegen, die Leute zu sensibilisieren und ihnen das Gefühl geben: Hey, ihr könnt das auch!

 

Sie sind in ihrem Leben immer wieder an Notsituationen geraten. Ist das Zufall?

Jein. Ich glaube schon, dass ich das anziehe. Aber das ist nur die eine Seite. Zum anderen wissen die Leute in meinem Umfeld, dass sie zu mir kommen können. Sie kennen mich als Samariterin oder von der Feuerwehr. Darum werde ich gerne aufgeboten, wenn es den Leuten nicht gut geht oder sie Hilfe benötigen. Und wenn wir Sanitätsdienst an einer Veranstaltung leisten, entscheiden wir ja bewusst, zu helfen.

 

Sie leisten vielseitigen Einsatz als Ersthelferin. Können Sie diesen Begriff erklären?

Ersthelfer:innen sind die Personen, die zuerst am Unfallort sind und Erste Hilfe leisten. Wir unterscheiden zwischen Laien- und Profihelfern. Wir Samariter:innen machen das in unserer Freizeit, im Gegensatz zum professionellen Rettungsdienst oder der Rega.

 

Bin ich als Laie verpflichtet, zu helfen?

Ja. Wir sind nach Artikel 128 des schweizerischen Strafgesetzbuches verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Und zwar nach bestem Wissen und Gewissen. Wichtig ist dabei, sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Wenn ich zum Beispiel Blut sehe und weiss, mir wird schlecht oder ich falle in Ohnmacht, kann ich keine blutige Wunde stillen. In diesem Moment ist es wichtig, nicht davonzulaufen, Hilfe zu holen und Verantwortung zu übernehmen. Nur wenige sind gerne die Ersten am Unfallort. Das ist eine uns bekannte Hemmschwelle. Wenn schon jemand dort ist, bieten fast alle Leute ihre Hilfe an. Es ist die Unsicherheit und die Angst vor möglichen Konsequenzen, die Ersthelfer hemmt, Verantwortung zu übernehmen.

 

Was genau bietet der Samariterverein Herisau für Kurse an?

Da gibt es den klassischen Nothilfekurs für Fahranfänger oder den Reanimationskurs (BLS/AED Kurs). Zudem bieten wir einen Refresh-Kurs an für jene, bei denen der Kurs schon lange zurückliegt oder die sich einfach wieder informieren möchten. In drei Stunden wird das Wichtigste wiederholt und es gibt Gelegenheit, auf Wünsche und Fragen der Teilnehmenden einzugehen. Ähnliche Angebote bieten wir für Firmen. Wir schulen Nothelfer in Betrieben, die ein Kernteam von Ersthelfern bilden. Und es gibt Kurse für Nothilfe bei Kindern zum Beispiel für Eltern, Grosseltern, Kita-Mitarbeitende und Tageseltern.

 

Um was geht es bei diesen Kursen für Nothilfe bei Kindern?

Der Kurs 0 – 4 Jahre beschäftigt sich unter anderem mit Krankheitsbildern im Säuglings- und Kleinkindalter, der Prävention und der Wiederbelebung. Eine unserer wichtigsten Botschaften ist, dass ein Baby nie geschüttelt werden darf. Das führt zu einem Schütteltrauma. Wir erklären, was sie machen können, wenn das Kind hohes Fieber und Durchfall hat oder erbricht. Auch praktische Tipps gehören dazu: Chemikalien und Putzmittel sollten unerreichbar für Kinder sein. Wichtig ist uns die Botschaft: Habt keine Angst vor dem Leben. Besonders wenn ein Kind selbständiger wird, gehören Verletzungen dazu. Der Kurs 5 – 15 Jahre beinhaltet Themen, die Kinder und Jugendliche betreffen. Es gibt nicht für alles Patentlösungen. Nothilfe ist auch Intuition. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die sich zu etwas Grösserem entwickeln können. Insektenstiche gehören dazu, wenn plötzlich jemand allergisch reagiert. Es gibt eine grosse Bandbreite an Erfahrungen und Tipps, die wir mitgeben können.

 

Was raten Sie jemandem, der ahnungslos an eine Unfallsituation läuft?

Möglichst rasch professionelle Hilfe organisieren. So ziemlich alle von uns haben ein Handy im Sack. Hilfe zu rufen, traue ich allen zu. Das geben wir schon unseren Kindern mit auf den Weg. Wir haben in Herisau eine Kinder-Samaritergruppe: die HELPis. Die Kinder lernen bereits ab dem zweiten Kindergarten spielerisch, Erste Hilfe zu leisten. Wenn das Kinder können, kann das eine erwachsene Person auch. Und im Zweifelsfall lieber einmal zu oft den Rettungsdienst anrufen als einmal zu wenig. Gut ist es, eine Notrufnummer im Kopf zu haben. Die 144 für den Rettungsdienst in der Schweiz, die 112 gilt in ganz Europa – vergleichbar mit 911 in den USA.

 

Was mache ich bei einem psychischen Notfall?

Psychische Notfälle sind ein stetig wachsendes Thema. Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit werden von der ENSA, einem Programm der Stiftung Pro Mente Sana, angeboten. Der Samariterverein bietet das nicht an. Bei den ENSA-Kursen vermitteln Instruktoren mit fundiertem Fachwissen grundlegendes Basiswissen zu psychischen Erkrankungen.

 

Gibt es ein Beispiel aus Ihrer Arbeit als Ersthelferin?

Ich habe in 25 Jahren sehr viel erlebt. Ein eindrückliches Beispiel: In einem Nothilfekurs hatte ich einen Jugendlichen, der so gar nicht mitmachen wollte. Ich hatte das Gefühl, er interessiert sich überhaupt nicht, er hört nicht zu und ist nur da, weil er den Kurs für das Autofahren machen muss. Zwei Jahre später bin ich an einen schweren Autounfall geraten. Und der Erste, der hinter mir anhielt, war dieser Jugendliche – inzwischen ein junger Mann. Da dachte ich, oh nein, ausgerechnet der. Aber er hat mich toll unterstützt, gemeinsam konnten wir die Unfallsituation meistern. Er hat gezeigt, wieviel mehr er damals mitbekommen hat, als ich dachte. Später war er sogar einige Jahre Mitglied in unserem Samariterverein. Ich habe das Urvertrauen in die Menschen, dass sie helfen wollen und können – und dies auch tun.

 

Tamara Rottach, vielen Dank für das Interview.

Wichtige Telefonnummern und Adressen

-            Schweizerischer Rettungsdienst 144

-            Europäischer Rettungsdienst 112

-            REGA 1414

-            Die dargebotene Hand 143

-            Pro Juventute, Notfall für Kinder und Jugendliche 147

-            Erste-Hilfe-Kurse der Samariter in AR und AI: https://www.samariter-appenzell.ch

-            ENSA-Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit: https://ensa.swiss/de/ersthelfer/kurs/

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