Ver-Antwort-ung

von Annette Spitzenberg
min
01.10.2026
Unser Redaktionsteam hat eine inspirierende Fortbildung besucht bei einem Journalisten, der uns Mut machte, auch andere, neue Formen von Texten zu schreiben. Eigentlich sollte dieser Text eine Glosse werden. Doch manchmal macht die Muse etwas Anderes. Eine kleine Geschichte ist entstanden.

«Kommst du?», ruft sie. «Nein!», schreie ich genervt. Wütend knalle ich die offene Türe zu und brüte vor mich hin. Was meint die eigentlich? Ich doch nicht, ich will nicht, ich kann nicht, auf gar keinen Fall. Ich verkrieche mich in mein Bett, nehme meine Kopfhörer und blende alles aus.

«Kommst du?», ruft sie am nächsten Tag wieder. «Nein, lass mich allein», schluchze ich. Verzweifelt weine ich, trauere, bin zutiefst verstört. Warum ich? Warum will sie mich? Das ist nicht fair.

«Kommst du?», ruft sie am dritten Tag. Ich bleibe stumm. Nein, ruft es immer noch in mir. Ich will nicht, ich kann nicht, nicht ich. Ich schaffe das nicht.

«Kommst du?», ruft sie am vierten Tag. «Nein», antworte ich und öffne entschlossen die Tür. Da steht sie, wie ich sie mir vorgestellt habe. Hässlich, grau, verkrümmt. Lauernd starrt sie mich an. «Geh weg, geh einfach weg und lass mich in Ruhe. Such dir jemand anderen!», schreie ich und gehe wieder in mein Zimmer, schlage die Türe so nachdrücklich zu, wie ich nur kann.

Angst ergreift mich. Ich habe den Eindruck, da nie wieder rauszukommen.

«Kommst du?», ruft sie am fünften Tag. Ich schaue mich im Zimmer um. Da liegt ein kleiner Handbesen. Das muss genügen. Entschlossen ergreife ich ihn und stürme hinaus. Sie steht da, unverändert grau und hässlich. Mit meinem Handbesen stürme ich auf sie los und schlage auf sie ein. Abwehrend hält sie die Hände vor ihr Gesicht, schlägt aber nicht zurück. Ich schlage so lange, bis meine Arme müde werden. Sie aber steht immer noch da. Etwas Trauriges liegt nun in ihrem Blick. Das halte ich nicht aus. Ich fliehe zurück ins Zimmer. Zitternd schliesse ich die Türe, lehne mich dagegen, sinke an ihr nieder und weine zum ersten Mal haltlos.

«Kommst du?», ruft sie am sechsten Tag. Ich schleiche zur Tür, öffne sie einen Spalt, sehe sie dastehen. Ich schaue in ihre Augen und sehe Mitgefühl inmitten dieses hässlichen Gesichts. «Ich komme», antworte ich.

Es wird ein langer Tag, dieser sechste. Denn dieses Haus hat viele Zimmer. Wir besuchen jedes Einzelne von ihnen. In einem der Zimmer liegt viel Unrat und Gerümpel. Ich erkenne Gegenstände aus meiner Kindheit. Wir schaffen Ordnung, versorgen, entsorgen. Im nächsten Zimmer steht ein Bett. Ich lege mich hin, völlig erschöpft. Ich ruhe mich aus, schlafe ganz lange. Sie bringt mir Tee, Suppe, meine Lieblingsmusik. Und irgendwann habe ich die Kraft, stehe wieder auf und folge ihr. Im nächsten Zimmer, in das sie mich führt, treffe ich auf Menschen, die ich in meinem Leben habe gehen lassen müssen. Verstorbene und Lebende.

Da steht eine lichtgrüne, wunderschöne Gestalt, die mich voller Liebe anschaut.

Hier in diesem Raum ist Ehrlichkeit möglich. Wir können einander sagen, was wir uns bedeuten. Tränen fliessen. Dann führt sie mich durch einen dunklen, engen Gang. Angst ergreift mich. Ich habe den Eindruck, da nie wieder rauszukommen. Doch sie geht immer weiter. Ich folge ihr, obwohl es meinen Hals zuschnürt. Am Ende des Ganges betritt sie ein geräumiges Zimmer, in welchem ich hohe Bücherregale erblicke und gemütliche Sofas. Ich atme erleichtert auf. Staunend wandere ich den Regalen entlang, entdecke Bücher, die mich zu lesen scheinen. Ich blicke mich um, mir liebe Menschen betreten den Raum. Wir sehen einander, hören und verstehen einander und wir trauen uns was zu. Mein Herz ist von Glück erfüllt. Und da sehe ich sie wieder. Sie lächelt mich an und deutet auf eine Türe in der Aussenwand. «Kommst du?». «Ich komme», sage ich. Sie öffnet sie, draussen ist es hell, sonnig, warm, grün. Ich schaue sie an, meine Krankheit (da dürfen Sie gerne Ihre Fantasie walten lassen und etwas Eigenes einsetzen) und staune. Da steht eine lichtgrüne, wunderschöne Gestalt, die mich voller Liebe anschaut und leise lächelt.

«Ja», sage ich am siebten Tag, und trete hinaus in den Garten.

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