Das letzte Drittel
Kürzlich war ich für eine Nanosekunde lang genau ein Zweidritteljahrhundert alt. Also 66,666666… Jahre. Auf solche Zahlenspielereien komme ich manchmal, wenn ich nachts wach liege. Das chronologische Alter, das sich in Jahren und Tagen messen lässt, sagt nicht alles aus über das Leben. Es gibt auch das biologische und das psychologische Alter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das volle Jahrhundert nicht erreiche. Das sage ich ohne Bedauern, mein bisheriges Leben war so reich. Selbst wenn ich die mindestens drei Wochen abziehe, die ich insgesamt verloren habe, weil ich jeweils am Anfang einer DVD die immer gleiche Botschaft lese, dass es total verboten ist, den folgenden Film öffentlich zu zeigen, weder in einer Kirche noch auf einer Bohrinsel – und ja, da bin ich ganz Old School, ich streame nichts. Oder die Monate, die ich auf dem Fahrrad an Ampeln verbrachte, die nie auf Grün schalten. Als gesetzestreuer Bürger fahre ich dann nie los. Auch um Mitternacht nicht, wenn weit und breit kein anderer Mensch unterwegs ist. Über die verlorene Zeit in überflüssigen Sitzungen spreche ich nicht,
es war eh viel zu viel. Das sind Momente, in denen ich das Vergehen der chronologischen Zeit fast physisch spüre.
Psychologisch bin ich gleichzeitig viel älter und viel jünger, als der Kalender mir sagt. Wenn ich darüber nachdenke, was ich schon alles erlebt habe, kommt es mir vor, als habe das alles gar nicht Platz in einem einzigen Leben. Mal abgesehen vom Geschenk, erwachsene Kinder zu haben, die alle ihren ganz eigenen Weg gehen und mich – oft auch zusammen mit ihren Freundinnen und Freunden – immer noch gerne sehen: Das lässt mich viel jünger fühlen, als ich bin. Weil es mich geistig lebendig erhält, mich auf ihre Welten und Ansichten einzulassen und meine eigenen Erfahrungen neu anzusehen.
Daneben ist mein Leben geprägt von unwahrscheinlich vielen Begegnungen, und viele davon waren auch ziemlich unwahrscheinlich. Damit meine ich nicht nur Momente, in denen ich mit einer Olympiasiegerin auf einem Podium sass, oder den Briefwechsel mit einem grossen Schriftsteller, der eine Schachtel füllt. Manchmal sind es kleine Begegnungen, die etwas auslösen. Oder ich nehme allen Mut zusammen und spreche jemanden an, und daraus entsteht zwischen uns etwas Neues. Etwas, was vorher noch nicht in der Welt war. Ungeplant und unvorhersehbar. Menschen sehen mich. Menschen wollen von mir gesehen und gehört werden. Dafür lebe ich. Darum liebe ich das Leben.
Meine Enkel haben mich schon gefragt, wie alt ich werden will. Das hängt davon ab, wie lange ich gesund genug bin, aktiv sein kann. Lange leben wollen viele, aber Altsein ist eine grosse Herausforderung. «Alt» habe ich seit vielen Jahren immer definiert als «mein aktuelles Alter plus 20 Jahre». Dieses Konzept muss ich vielleicht neu überdenken. Ich lebe sehr gerne. Das Altern lerne ich Schritt für Schritt.
Ich bin gespannt auf das, was noch kommt.

Martin Dürr, inzwischen pensionierter Pfarrer, leitete zuletzt das Pfarramt für Industrie und Wirtschaft in Basel-Stadt und Baselland. Neben seinem «Enkeldienstag» engagiert er sich unter anderem für die Wibrandis-Stiftung im Gemeindehaus Oekolampad.
Das letzte Drittel