Miriam Rose

«Wir können gar nicht nicht hoffen»

von Tilmann Zuber
min
12.10.2026
Die Theologin Miriam Rose über den Unterschied zwischen Hoffnung und Optimismus, die zerstörerische Verführungskraft der Populisten und warum eine Predigt keine Prophezeiung sein darf. Ende Oktober diskutiert Rose an einer Basler Tagung, wie die Wissenschaft Hoffnung stiften kann.

Die Theologieprofessorin Miriam Rose forscht zu Hoffnung und Kreativität. An der Theologischen Fakultät Basel geht sie der Frage nach, wie die Geisteswissenschaften stärker zu einer positiven Entwicklung der Gesellschaft beitragen können. Die Dogmatikerin gehört zu einer Gruppe junger Wissenschaftler, die nach konstruktiven Vorschlägen sucht, statt Kritik zu üben. In der Fachwelt spricht man vom «Constructive Turn». Im Oktober findet dazu eine Tagung des Karl-Barth-Zentrums statt, an der Ökonomen, Literaturwissenschaftlerinnen, Soziologen, Theologinnen und KI-Fachleute gemeinsam neue Ansätze entwickeln. «Wir wollen nicht mehr nur erklären, was falsch ist», sagt Miriam Rose.

Miriam Rose, wann haben Sie zuletzt gehofft?

Heute Morgen beim Aufwachen. Ich hoffte, dass der Tag gut wird, dass es den Menschen gut geht, die ich liebe. Dass der Frieden in der Gesellschaft ein wenig wächst. Der Mensch kann gar nicht nicht hoffen.

Das klingt nach Optimismus.

Ist es aber nicht. Optimismus hat etwas Blauäugiges: Es wird schon gut gehen. Wer optimistisch ist, lässt das Negative oft nicht an sich heran. Hoffnung dagegen wurzelt in der Liebe. Wer Menschen, die Natur oder die Gerechtigkeit liebt, nimmt auch deren Schmerz ernst. Hoffnung und Klage gehören zusammen.

Und wenn sich die Hoffnung nicht erfĂĽllt?

Meist erfüllt sie sich anders als gedacht. Das ist schon in der Bibel so. Vor einigen Jahren wollte ich dringend eine neue Stelle und habe mir alles Mögliche ausgemalt. Die Ausschreibung aus Basel habe ich gar nicht auf mich bezogen, andere mussten mich darauf hinweisen. Nun bin ich hier, und es ist besser, als ich es mir vorgestellt hatte. Christlich hoffen heisst: offen sein dafür, dass es ganz anders kommt.

Gesellschaftlich scheint die Hoffnung abhandengekommen zu sein. Viele haben angesichts der Klimakrise, des Ukrainekriegs oder der wirtschaftlichen Schwierigkeiten resigniert.

Viele haben Hoffnung für ihr eigenes Leben, aber nicht für die Welt. Die jungen Leute, mit denen ich arbeite, sind persönlich zuversichtlich und sagen zugleich, die Welt gehe unter. Wir wissen, dass es nicht ewig aufwärtsgehen kann. Aber wir haben keine Alternative. Wenn es nicht mehr besser wird, können wir uns nur vorstellen, dass alles schlechter wird. Was fehlt, ist eine Vision vom guten Leben trotz Verzicht: mehr Gemeinschaft, mehr Solidarität. Darüber reden wir viel zu wenig, auch in den Kirchen.

Reden allein genügt nicht, auch nicht in der Kirche. Die Brüdergemeinschaft Taizé begeistert die Jungen seit mehr als 50 Jahren nicht mit Worten, sondern mit gelebter Gemeinschaft.

Das lässt sich nicht trennen. Die Brüder von Taizé hatten eine Idee – schlicht und ökumenisch leben, offen sein für alle – und haben sie praktiziert. Daraus entstanden neue Impulse. Wenn eine Kirchgemeinde ehrlich fragt, wie sie mit weniger Geld und weniger Mitgliedern gut Gemeinschaft sein kann, entstehen Projekte. Und die ziehen andere an.

In den Achtzigerjahren war die Lage kaum besser: Das Wettrüsten der beiden Supermächte UdSSR und USA drohte zu eskalieren, es gab Waldsterben und verseuchte Gewässer, in denen niemand baden wollte. Trotzdem gab es Aufbruch, etwa bei den Grünen oder in der Friedensbewegung. Warum damals und heute nicht?

Damals war die Welt schlecht, aber auf eine schlechte Weise stabil. Man konnte Bewegung hineinbringen. Und es gab viele Initiativen, in denen Menschen gemeinsam dachten, wohnten und handelten. Durch die Aktionen und das Zusammenleben hatte man sich gegenseitig gestärkt. Das fehlt heute weitgehend. Im Moment verändert sich alles so rasend schnell, dass wir nur noch hinterherhetzen. Wo bleibt da Raum für den Einzelnen?

Und die Antwort ist der RĂĽckzug ins Kleine? Das klingt nach Biedermeier.

Die Versuchung gibt es: Wenn die Welt schon untergeht, will ich es wenigstens im Wohnzimmer schön haben. Oder noch an einem schönen Strand unter Palmen, solange es ihn gibt. Ich meine das Gegenteil. Wir müssen wieder verstärkt auf die kleinen Dinge achten, darauf, wo wir in der Nachbarschaft den Unterschied bewirken können. Wer gemeinsam mit anderen einen Biohof rettet oder in der Stadt Gemüse anbaut, geht aus seinem Wohnzimmer hinaus. Vielleicht sind es nur zwanzig Leute. Aber sie hoffen, dass es fünfzig werden.

 

Miriam Rose ist seit August 2024 Professorin für Systematische Theologie/Dogmatik an der Universität Basel. Zuvor lehrte sie ab 2011 an der Universität Jena. Sie forscht zu Dogmatik, Theologiegeschichte und Ökumene. In Basel setzt sie zudem Akzente zum Thema Kreativität, etwa mit einem Theologischen Salon und einem Schreibworkshop.

 

Ist Hoffnung aktiv?

Auf Dauer kann nur hoffen, wer das Gefühl hat, etwas beitragen zu können. Sonst bleibt Hoffnung kraftlos. Das kann auch das Gebet sein. Ich bete jeden Tag für Gerechtigkeit. Auch wer im Krankenbett liegt, beteiligt sich so.

Kann man Hoffnung lernen?

Einüben, ja. Indem wir darüber reden. Wir erzählen einander ständig, woran wir leiden, aber selten, worauf wir hoffen. Oder indem wir die kleinen Hoffnungen in eine grössere stellen: Ich hoffe, dass meine Freundin gesund wird – und noch stärker, dass Gott sie Geborgenheit erfahren lässt, wie immer es ausgeht. Ich bin auch Schreibcoach und halte viel von Dankbarkeitstagebüchern, sofern darin auch Kummer und Sorgen Platz haben.

Heute steht das Negative stark im Zentrum, vor allem in den Medien.

Ja. Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, prägt unsere Haltung. Konstruktiver Journalismus ist keine Schönfärberei, er fragt auch: Wo gelingt etwas? Ein Beispiel: Der 2025 verstorbene Fotograf Sebastião Salgado erbte die Farm seiner Eltern in Brasilien. Die Täler ringsum, die in seiner Kindheit bewaldet waren, waren verödet. Mit seiner Frau hat er eine ganze Landschaft wieder aufgeforstet, heute fliesst dort wieder Wasser. Ihre Methode wird weltweit angewendet. Solche Geschichten hören wir viel zu selten.

Ist die KĂĽnstliche Intelligenz eine Hoffnungsgeschichte?

Die Künstliche Intelligenz ist Chance und Risiko zugleich. Bisher entschieden wir, ob wir Technik für Waffen und Vernichtung oder für Pflege und Aufbau einsetzen. Neu ist, dass KI nicht bloss ein Werkzeug ist, sondern eine eigene Handlungsmacht entwickelt. Sie entscheidet selbstständig, wie sie agiert, ob fürs Gute oder fürs Schlechte. Ausserdem: Wer glaubt, Technik allein löse Probleme wie den Klimawandel, irrt.

Andere setzen ihre Hoffnung auf rechte Populisten wie Donald Trump oder die AfD.

Ich komme aus Deutschland, mich besorgt die Entwicklung sehr. Beide nähren die Illusion, ein Einzelner könne radikal etwas verändern. Das trifft eine Sehnsucht, denn viele haben das Gefühl, nichts mehr bewirken zu können. Trump verändert tatsächlich viel, aber ausschliesslich destruktiv. Ihm und anderen ist die Zerstörung offenbar lieber als Stillstand. Viele wählen die Populisten, obschon sie eigentlich wissen, was sie erwartet.

Was können wir dieser Entwicklung entgegensetzen? An den Informationen liegt es ja nicht.

Kreativität. Sie ist das Gegenteil von Zerstörung: Man baut etwas auf, gewinnt Mitstreitende, das braucht Zeit und Geduld. Aber es verändert die Welt zum Positiven. Kreativität heisst nicht nur, etwas Neues zu schaffen, sondern die Chancen im Bestehenden wahrzunehmen. An der Theologischen Fakultät Basel beschäftigen wir uns mit «Konvivialität». Es geht um die Frage, wie sehr verschiedene Menschen zusammenleben können, ohne ihre Freiheit aufzugeben. Konkret heisst das: Nachbarn gestalten gemeinsam ihre Strasse oder einen Spielplatz schöner und erzählen einander dabei von ihrem Leben. Für die Kirchen ist es eine riesige Chance, sich an solchen Prozessen zu beteiligen – auch dort, wo ein Kirchengebäude aufgegeben und zum Treffpunkt fürs Quartier wird.

Hoffnung war einst das Kerngeschäft der Kirche. Jürgen Moltmanns «Theologie der Hoffnung» war vor 60 Jahren ein Standardwerk. Heute kennt es kaum noch jemand.

Als ich studierte, galt Moltmann als nett, aber naiv. Man sprach lieber über das Stabile als darüber, wie sich die Gesellschaft aus dem Glauben heraus verändern muss. Nach dem Mauerfall glaubte man, die grossen Probleme seien gelöst. Erst angesichts von Klimawandel, Rechtspopulismus und Kriegen knüpft man wieder an Moltmann an. Er wollte Hoffnung in dieser Welt, nicht nur im Jenseits. Er betonte den Zusammenhang zwischen Hoffnung und Liebe. Wer liebt – egal ob Menschen, Tiere, Umwelt oder die Gerechtigkeit – hofft, dass es sich zum Guten verändern kann. Veränderung ist möglich, sie wird von Gott geschenkt, er lädt uns ein, mitzuwirken.

Das klingt nach einer Vision. Was darf die Kirche versprechen?

Keine Prognosen. Wir sind keine Hellseher. Wir können nicht sagen, der Klimawandel sei in zehn Jahren gestoppt. Aber wir können sagen: Gott will das Gute für alle Geschöpfe, und mit seiner Kraft können wir einen Unterschied machen. Wir sind keine ohnmächtigen Opfer – weder der Geschichte noch der KI.

Am Sterbebett wird von Seelsorgenden manchmal erwartet, dass sie Hoffnung vermitteln.

Das müssen sie nicht. Angehörige sagen oft: «Du wirst wieder gesund, du kommst in den Himmel.» Seelsorge kann jedoch Raum öffnen für Sätze wie: «Ich möchte vertrauen, aber ich habe Angst. Ich fühle mich unendlich traurig, ich bin enttäuscht.» Hoffnung lässt sich nicht einimpfen, man kann sie nur verkörpern. Wem das Hoffen gerade schwerfällt, der ist trotzdem willkommen. Dann hoffen eben andere stellvertretend für ihn. Hoffnung wird einem immer wieder geschenkt. Bei der Vorbereitung der Abdankung helfen die Bilder der Bibel, etwa das ewige Gastmahl, zu dem Christus einlädt. Man kann sich eine verstorbene Tante dort vorstellen – versöhnt mit allem, was sie erlitten und anderen zugefügt hat.

Welcher Bibelvers trägt Sie?

«Gott wird alle Tränen abwischen.» Darin ist klar, dass Tränen dazugehören. Wir dürfen weinen, ratlos und verletzlich sein. Aber Gott nimmt Anteil und eröffnet Neues.

 

Tagung: «Hinter dem Horizont geht’s weiter»

Internationale Konferenz des Karl-Barth-Zentrums zu Nutzen und Nachteil hoffnungsvoller Denkformen. 29. bis 31. Oktober, Theologische Fakultät der Universität Basel, Kollegienhaus, Hörsaal 120, Anmeldung bis 15. Oktober, an tagungszukunft-theo@unibas.ch, www.theologie.unibas.ch

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