Uniformes Denken

von Heinz Mauch-Züger
min
01.04.2026
Uniformierungen als sichtbare Kennzeichnungen von Zugehörigkeit gibt es auch ich Bereich des Denkens. Und genau wie im Bereich von Kleidung und Besitz ist ihre Wirkung fragwürdig – sollte also hinterfragt werden.

Vom Denken

Denken ist eine Fähigkeit, die erlernt werden muss. Es beginnt mit beobachten und nachahmen. Mit der Zeit weitet sich das Aufnahmefeld aus, es bilden sich Vorlieben und Abneigungen und je nach Umfeld wird die Wahrnehmung vielfältig und Interesse bildet sich aus oder es verstärken sich Misstrauen und Ablehnung. Wir alle tragen diese Anteile in uns. Wir mögen, was uns bestätigt und wir haben Mühe mit dem, was uns in Frage stellt. Wenn wir Menschen treffen, welche dasselbe mögen oder nicht mögen wie wir, entsteht Nähe. Wir fühlen uns verstanden und wahrgenommen und tendieren dazu, möglichst in diesem Umfeld zu bleiben. Wir neigen dazu, Ansichten aus diesem Umfeld anzunehmen und unsere Weltanschauung gleicht sich dem Umfeld an. Darin liegen Chancen und Gefahren.

Uniformes Denken nützt

Uniformes Denken nützt vor allem im Arbeitsleben. Wenn uniformes Denken heisst, rasch und zielgerichtet zu handeln, kann es Leben retten: Erste Hilfe bei Unfällen, Bergung und Rettung von Unfallopfern, Notoperationen, Löschen von Feuer, Eindämmen von Fluten, Reparieren einer lecken Leitung, Stoppen von Datenverlust usw. In allen solchen Fällen und vielen mehr sind eindeutige Vorgaben und damit verbundenes Wissen elementar. Verschiedene Menschen handeln im Gleichklang und ermöglichen so Schadensbegrenzung, weil sie alle auf der gleichen Grundlage denken.

Uniformes Denken schadet

Uniformes Denken schadet im weiteren gesellschaftlichen Bereich. Dort, wo die beruflichen Fachleute mit ihrem hilfreichen und nützlichen Denken sich mit andersartigen Verhaltensweisen und Motivationen auseinandersetzen müssen. Dort, wo Rollen und Einfluss einfach durchgesetzt werden, ohne Klärung von Hintergründen. Dort, wo Ansichten als unumstösslich und daraus resultierende Verhaltensweisen als folgerichtig und notwendig deklariert werden. Dort wird uniformes Denken in allen Lebensbereichen gefährlich. Wirtschaft, Politik, Religion, Bildung, Wissenschaft – überall kann sich uniformes Denken bilden. Uniformes Denken entsteht aus der Ein- und Unterordnung unter die Ansicht einer einflussreichen, charismatischen Persönlichkeit oder einer einflussreichen Gruppe. Der positive Aspekt von uniformem Denken, nämlich das sichere, unzweifelhafte Abspulen von Gedanken und Verhaltensweisen, die man kennt, behagt dem Gehirn. Routine im Beruf ist hilfreich, im Leben sollte man sich nicht zu viel auf sie einbilden. Es kommt oft anders, als man denkt. Wie entgeht man den Gefahren des uniformen Denkens?

Selbständig Denken

Es ist, wie mit allem im Leben, nützlich, immer mal wieder über die Komfortzone hinauszugehen. Neues Kennenlernen, Interesse trainieren mit dem Besuch von Orten, die man nur vom Hören-Sagen kennt, etwas lesen, das einem auf den ersten Blick nichts sagt. Mit Menschen sprechen, die viel jünger oder viel älter sind und an sich selbst auch mal zweifeln, wenn sich das «Du-bist-der-Grösste-Gefühl» breit macht. Selbständiges Denken beginnt mit selbstkritischem Denken. Es ist das lebenslange Training, sich und damit die Menschen und Themen zu relativieren. Das ist kein natürlicher Vorgang, es ist eine Leistung von Kultur. Man kann es nicht kaufen, man kann es tun – es ist, wie jede Arbeit, mit Aufwand verbunden.

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