Kulturgut Trachten
Viele Jahre später sah ich erstmals eine schwarze, statt der vertrauten blauen oder braunen Ausserrhoder Werktagstracht. Sie gefiel mir so gut, dass ich unter Anleitung einer Trachtenschneiderin meine eigene Tracht nähte. Sie ist schlicht und strahlt Würde und Eleganz aus. Wenn ich sie trage, fühle ich mich selbstsicher, festlich und stolz, eine Appenzellerin zu sein. Es freut mich, dass mehrere unserer Kinder, Schwieger- und Grosskinder die Freude an Trachten und Traditionen teilen. Mit Begeisterung nähe und ändere ich immer wieder Kindertrachten, damit sie passen.
Trachten und Traditionen als geistige Landesverteidigung
Bis ins 18. Jahrhundert waren Trachten vor allem in ländlichen Regionen Alltagskleidung. Sie wurden jedoch zunehmend von modischer Kleidung verdrängt oder durch Gewand, das sich besser für die Arbeit in Fabriken eignete, ersetzt. Als 1906 der Schweizerische Heimatschutz gegründet wurde, gehörte der Erhalt von Trachten und Volksbräuchen zu seinen Aufgaben. In einer Zeit wachsender Unsicherheit wurde das Bekenntnis zur eigenen Kultur zu einem Zeichen von Heimatliebe und Zusammengehörigkeit und war Teil der geistigen Landesverteidigung.
Eine Tracht aus Künstlerhand
Im Frühjahr 1925 wurde in Bern für den folgenden Herbst ein grosser Umzug angekündigt. Männer und Frauen aus allen Kantonen sollten in ihrer Tracht daran teilnehmen. Während in katholischen Gegenden Trachten als Teil der kirchlichen Traditionen stets bewahrt und gepflegt wurden, waren Frauentrachten in Ausserrhoden und vielen anderen Kantonen verschwunden. Der Heimatschutz musste daher rasch reagieren. Er beauftragte den Herisauer Maler Paul Tanner, Skizzen für Frauentrachten zu entwerfen. Einziger Anhaltspunkt war für ihn ein Modell, das im Historischen Museum St.Gallen ausgestellt war. Es gelang ihm, schlichte, bequeme und trotzdem festliche Trachten zu entwerfen. Ein Gremium wählte jene Modelle aus, die bis heute getragen werden. Bereits wenige Monate später nahmen sechs Frauen in den neugeschaffenen Trachten am Umzug in Bern teil. Ein Jahr später waren bereits 200 Frauen stolze Besitzerinnen der schönen Tracht.
Kulturgut erhalten
Bemerkenswert ist, dass sich in den vergangenen hundert Jahren nur wenig verändert hat: Materialien, Farben und Formen sind weitgehend gleichgeblieben. Ledige Frauen schmücken sich mit Silber, Verheiratete tragen Gold. Einzig die ursprüngliche Kopfbedeckung wurde durch die heutige Haube aus Seidenstoff, Tüll und weisser Spitze ersetzt. Bei den Werktagstrachten ist die Vielfalt grösser. Zwar beschränken sie sich auf die Farben braun, schwarz und blau, doch die Varianten an Schürzen, Stoffarten und Ausführungen sind zahlreich. Von der Trachtenvereinigung aufgestellte Richtlinien sorgen dafür, dass das Kulturgut Tracht nicht wahllos und nach eigenem Gutdünken verändert oder der aktuellen Mode angepasst wird.
Wir sind privilegiert
Ausserrhoden gehört zu den wenigen Kantonen, in denen eine Trachtenstube alles vereint. In ansprechenden Räumlichkeiten wird gearbeitet, beraten und ein breites Angebot an Stoffen sowie Zubehör für Männer-, Frauen- und Kindertrachten angeboten. Möglich wurde dies durch das Engagement der Trachtenvereinigung. Als die Firma Kündig in Stein ihr Lager an Trachtenstoffen aufgab, setzte die Vereinigung alles daran, die nötigen Mittel zu beschaffen, um die Stoffe zu übernehmen und eine Trachtenstube einzurichten.
Im Privathaus der Familie Lenz in Trogen führte Ruth Lenz – Trachtenschneiderin, Haubenmacherin und Trachtenberaterin für mehrere Kantone – die Trachtenstube mit grossem Fachwissen und Engagement zum Erfolg. Sie erinnert sich gerne an eine Diplomatengattin mit Appenzeller Wurzeln, die sich bei ihr eine Festtagstracht anfertigen liess und damit bei jedem offiziellen Anlass nicht nur stilvoll gekleidet war, sondern auch bewundernde Blicke auf sich zog. Nach Ruth Lenz' Pensionierung im Jahr 2013 wurde die Trachtenstube nach Teufen verlegt, wo sie seither von der versierten Trachtenschneiderin Monika Schmalbach erfolgreich weitergeführt wird.
100 Jahre Trachtenvereinigung
Dass sich die Bemühungen des Heimatschutzes anfangs des letzten Jahrhunderts lohnten, zeigt sich besonders in diesem Jahr: 1926 wurde das Trachtenwesen vom Heimatschutz getrennt und die Schweizerische Trachtenvereinigung gegründet. Im selben Jahr entstand die Ausserrhoder Trachtenvereinigung. Zehn Jahre später folgte Innerrhoden und bereits 1942 verfügte jeder Kanton über eine eigene Vereinigung. Schweizweit sind etwa zwanzigtausend Personen Mitglied und es gibt rund 700 verschiedene Trachten. Vor allem in grossen Kantonen unterscheiden sich die Trachten oft je nach Region, während in kleineren Kantonen eher Einheit herrscht. Wer je an einem Jodel- oder Trachtenfest war, konnte sich dem Zauber dieser Anlässe bestimmt nicht entziehen. Die riesige Vielfalt an Frauen-, Männer und Kindertrachten ist beeindruckend. Dazu die unterschiedlichsten Accessoires und Kopfbedeckungen: Von Strohhüten bis zu hohen weissen oder radförmigen schwarzen Hauben und unterschiedlichen Taschen. Unübersehbar sind der Stolz und die Freude, mit der Menschen verschiedenster Herkunft und jeden Alters ihre Trachten tragen. Es ist ein Kulturgut, das lebt, geliebt und gepflegt wird.
Ruth Lenz formuliert es treffend: «Die Tracht steht jeder Frau, ungeachtet der Figur.» Und natürlich auch Männern und Kindern.
Kulturgut Trachten