Kirche am Rockfestival

Zwischen Kreuz und Kutte – die Festivalseelsorge der Metalchurch

von Vera Rüttimann
min
12.06.2026
Nadine Zurbrügg weiss: An der «AnsprechBar» hat sie oft nur diesen einen Moment. Als Festivalseelsorgerin der Metalchurch ist sie auch diesen Sommer am Greenfield Festival in Interlaken für Menschen da – zwischen dröhnenden Gitarren, Schlafmangel und grossen Gefühlen.

Inmitten des Trubels des Greenfield-Festivals steht «The Chapel», die Zelt-Kapelle der Metalchurch. Darin gibt es einen Altar und Kirchenbänke. Gegenüber steht die «AnsprechBar». Nadine Zurbrügg. Sie ist Sozialdiakonin bei der Metalchurch und arbeitet hier als Festivalseelsorgerin. Die 43-jährige trägt eine auffällige Festivalkutte: Vorne verziert mit Nieten und Aufnähern. Hinten prangt das Motto der Metalchurch «Hard Music, Strong Message». Dazu ein rotes christlich-keltisches Kreuz.

 

Kirchenbänke, Metal-Altar, Glasfenster-Banner: Die Chapel der Metalchurch ist mitten auf dem Festivalgelände eingerichtet. | Foto: Vera Rüttimann

Kirchenbänke, Metal-Altar, Glasfenster-Banner: Die Chapel der Metalchurch ist mitten auf dem Festivalgelände eingerichtet. | Foto: Vera Rüttimann

 

Aus der Metal-Szene

Wenn die Frau aus dem Berner Oberland das weitläufige Gelände des Greenfield in Interlaken betritt, trifft sie all das an, was sie an einem solchen Grossanlass liebt: «Ein Festival ist das volle Leben im Konzentrat.» Ein Ort der grossen Emotionen. «Alkohol und Schlafmangel verstärken diese und führen zu einer Riesenparty. Oder einfach tief ins bodenlose Elend.»

Festival-Seelsorgerin wird man nicht einfach so. Das muss man im Blut haben. Nadine Zurbrügg war schon in ihrer Jugend an Festivals. Im Herzen ist sie selbst «Metallerin». Ihre Szene beschreibt sie als friedlich und dem Gegenüber offen: «Sie sehen vielleicht böse aus. Die Metalheads sind aber sehr sozial.»

Nadine Zurbrügg ist reformiert aufgewachsen. Die neue Form kirchlicher Präsenz fand die studierte Sozialdiakonin schon immer spannend. So fand sie den Weg zur Metalchurch, die
auch am Summerside-Festival in Grenchen und am Riverside-Festival in Aarburg präsent ist.

 

Drei Tage volles Leben auf engem Raum: Das Greenfield-Festival in Interlaken zieht jedes Jahr Tausende an. | Foto: Vera Rüttimann

Drei Tage volles Leben auf engem Raum: Das Greenfield-Festival in Interlaken zieht jedes Jahr Tausende an. | Foto: Vera Rüttimann

 

Einsamkeit, Trauer, Süchte

An der Ansprechbar bietet Nadine Zurbrügg mit ihrem Team Zuhören, Sozialberatung oder psychosozialen Krisenintervention an. Von Metaller zu Metaller. «Ein Festival ist ein Ort, wo man auch mal etwas ansprechen kann, was sonst schwieriger fällt.» Und es kommen einsame Menschen. Sie sagt: «Sie sind zum Feiern gekommen und jetzt ist ihnen plötzlich gar nicht mehr danach.»

Ihr begegne auch Trauer und Verlust, wenn plötzlich einer aus der Clique beim Festival fehlt. Schön sei es, wenn sie in der Zelt-Kapelle eine Kerze anzünden und im Gästebuch ihre Gedanken niederschreiben können.

Vor dieser Kapelle steht ein grosses Kreuz. «Damit sind wir auf dem Festivalgelände als Kirche klar erkennbar.» Diese Form der Transparenz sei wichtig. Aber: «Wir haben keinen Missionsauftrag. Wir wollen Menschen primär begegnen, nicht sie bekehren.»

 

Zwischen Festivalzelten und Bergen: Das Kreuz der Metalchurch ist weithin sichtbar. | Foto: Vera Rüttimann

Zwischen Festivalzelten und Bergen: Das Kreuz der Metalchurch ist weithin sichtbar. | Foto: Vera Rüttimann

 

Kirche mittendrin

Eine Kirche, die mitten im Leben steht. Dieses Kirchenverständnis gefällt Nadine Zurbrügg. Die Metalchurch ist eine Kirchgemeinde ohne Territorium. «Da sind wir in Bern-Jura-Solothurn, also in unserem Kirchengebiet, Vorreiter.» Sie fügt an: «Wenn wir glaubhaft Kirche für die Metal-Szene sein wollen, dann müssen wir dort sein, wo sich die Metal-Szene trifft. Und wenn die Metal-Szene unsere Kirchgemeinde ist, ist das Festival unser Dorffest.»

 

Für Zurbrügg (Mitte) ist die Metal-Szene ihre Kirchgemeinde – und das Greenfield ihr Dorffest. | Foto: Vera Rüttimann

Für Zurbrügg (Mitte) ist die Metal-Szene ihre Kirchgemeinde – und das Greenfield ihr Dorffest. | Foto: Vera Rüttimann

 

Unterstützt wird Nadine Zurbrügg von einem breiten Team aus Seelsorgenden. Darunter sind Pfarrpersonen, Diakone und Sozialarbeitende verschiedener Konfessionen aus der ganzen Schweiz. Wichtig, sagt die Zurbrügg, sei der gemeinsame Teamgottesdienst am Vorabend des Festivals: «Er bringt uns als Team zusammen.»

 

Nadine Zurbrügg mit ihrem Team an der Ansprechbar. | Foto: Vera Rüttimann

Nadine Zurbrügg mit ihrem Team an der Ansprechbar. | Foto: Vera Rüttimann

 

Oft nur dieser eine Moment

Die Festivalseelsorge der Metalchurch funktioniert nicht wie eine klassische Seelsorge, wo jemand über Monate begleitet wird: «Wir haben oft nur diesen einen Moment. Und da versuchen wir unser Bestes zu geben.» Sie schiebt nach: «Wir wissen meist nicht, was aus diesen Menschen wird. Und wenn wir dann etwas zurückbekommen, dann ist das auch für mich sehr wertvoll.» Umso mehr bleiben die Rückmeldungen in Erinnerung, die doch noch ankommen. Wie diese: «Letztes Jahr kam ich an der Ansprechbar vorbei und dachte, das seien so Kirchenfuzzis. Und dann hatte ich ein richtig gutes Gespräch. Und ja, jetzt bin ich wieder hier.»

Magischer Morgen

Für Nadine Zurbrügg gibt es viele schöne Momente an einem solchen Festival. Zum einen seien da die Umarmungen nach fast jedem Gespräch: «Das gehört dazu, das ist ein Teil der Metalkultur.» Oder wenn sie an einem frühen Morgen das Festivalgelände betritt, wo alles noch sauber und aufgeräumt daliegt: «Ein neuer Tag beginnt. Man weiss nie, wer heute an die Ansprechbar kommt.»

 

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