Ach, diese Uniformen
Ich musste lange suchen, bis ich einen Arzt fand, der nicht auf die weisse Berufskleidung bestand, wohl weil er sie auch nicht gerne trug. Das war für mich dann der perfekte Arbeitsplatz. Und ich genoss ihn. Für mich war die Uniform bei Laborarbeiten völlig in Ordnung, nicht aber beim Empfang oder bei den Sekretariatsarbeiten, weil Kleidung die individuelle Persönlichkeit mit ausdrückt. Uniformen aber vereinheitlichen die Menschen, stehlen ihnen ihre ureigenen Charaktereigenschaften, dämpfen sie zumindest. Dominant werden die Wesenszüge, welche das Unternehmen mit seiner Uniform ausdrückt. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass ich beim Empfang mit den Menschen, gerade beim ersten Mal, viel leichter ins Gespräch kam und von ihnen für meinen Chef, einen Neurologen mit Zweitausbildung Psychiatrie, etliche wichtige Informationen sammeln konnte, gerade weil ich keine weisse Schürze trug.
Und dann kam sie wieder, die Uniform
Als ich im Alterswohnheim zu arbeiten begann, war die Berufsbekleidung dann wieder da und obligatorisch. Zum Glück handelte es sich um ein warmes Gelb, damit hatte ich keine Mühe, auch nicht beim nachfolgenden lindengrün. Kommt jemand in diesen Uniformen auf mich zu, dann erhellen die Farben den Raum. Es stimmt fröhlich. Wie eine aufgehende Sonne oder wie Frühling, wenn sich die ersten grünen Blättchen zeigen. Das Leben ist ein Fest, scheinen beide Farben zu rufen. Johann Wolfgang von Goethe schrieb einst: «So ist es der Erfahrung gemäss, dass das Gelbe einen durchaus warmen und behaglichen Eindruck mache. Das Auge wird erfreut, das Herz ausgedehnt, das Gemüt erheitert, eine unmittelbare Wärme scheint uns anzuwehen.» Die psychologische Wirkung von Grün wird wie folgt beschrieben: «Grün ist eine lebensbejahende Farbe, die Glückshormone auslöst. Grün motiviert zu dem, was man gerade tut. Bereits ein grünes Kissen zu Hause erzielt diese Wirkung» und über Weiss steht: «Symbolisiert Reinheit, Leichtigkeit und Frieden. Wenn es hell wird, schwinden auch die Ängste.» Natürlich schwinden bei Helligkeit die Ängste, aber das Weiss in einer Praxis, und davon bin ich überzeugt, kann auch Distanz schaffen. Es «schützt» quasi die Trägerin, den Träger. Aber gerade in einem Beruf, in welchem Kommunikation überaus wichtig ist, kann das Weiss anstelle von Vertrautheit auch eine gewisse Barriere darstellen. Diese kann sehr klein, aber auch enorm gross sein. Und es kommt natürlich auch auf den persönlichen Trigger an. Was wurde bereits erlebt mit einer Person in weisser Berufskleidung.
Sie werden farbig
Deshalb ist es schön zu sehen, dass die Berufskleider in Arztpraxen nun auch langsam etwas farbiger werden. Meist sehr dezent, aber schon eine sanfte Farbe bereitet mir Freude, wenn ich in eine Praxis komme. Nun, ich bin ein Farbenmensch. Deshalb hat es mir auch in Indien dermassen gut gefallen. Denn dort herrscht ein wundervolles Farbengewirr in den Strassen. Als ich dann zurück in die Schweiz kam, sah ich vor allem grau, braun und schwarz. Das stört mich auch heute noch im Alltag. Etwas mehr Farbe und damit Authentizität, auch in der Kleidung, wäre angesagt. Nicht nur das «Nachahmen», das «Kopieren» von, ja von wem? Die Farben betreffen auch die Uniformen, die im Umkreis der Berufe in Zusammenhang mit der Medizin weiss waren, weil man sie so gut desinfizieren, sprich sieden, konnte. In der heutigen Zeit können auch farbige Stoffe gut gewaschen werden, also spricht nichts gegen Farbe.
Ach, diese Uniformen