Zwischen Melancholie und Euphorie

von Isabelle Kürsteiner
min
01.05.2026
Eine eigentliche Lieblingsmusik habe ich nicht. Dafür Musik und Lieder, die mich je nach Stimmung schon seit meiner Kindheit begleiten.

Mir wird warm ums Herz, wenn ich Alphorn-, Hackbrett-, Dudelsack- oder Panflötenspiel höre. Dann möchte ich mich am liebsten ins weiche, grüne Gras legen und einfach geniessen. Es sind die Töne, nicht die Interpretierenden, die mich so berühren. Das gleiche Gefühl hatte ich auch beim Konzert von Bruce Springsteen im «Joggeli» vor Jahrzehnten, als er sich hinsetzte, seine «Schnoregiige» hervorkramte und weltvergessen spielte. Ebenso als ich per Zufall «The Kelly Family» beim Bahnhof in London, mit Säugling Maite auf den Armen der Mama, zuhörte. So authentisch habe ich danach nie mehr Singende erlebt. Einzigartig auch der Auftritt der Opernsängerin Jessye Norman mit «Amazing Grace» an der Ehrung von Sidney Poitier. Er wurde für sein Lebenswerk als einer der ersten schwarzen Hollywood-Stars geehrt. Hier war die prickelnde Atmosphäre durch den Fernseher zu spüren und ich werde nicht müde, das Lied zu hören.

Hühnerhaut und Hängemattengefühl

Und dann gibt es weitere Lieder, die mir Hühnerhaut verursachen. Nur zu gerne läge ich dann in einer Hängematte, so bei «The Sound of Silence» von Simon & Garfunkel oder der Beginn des Liedes «Kung Fu» von Jim Helms. Eine ganz andere Stimmung, nachdenklich, beinhaltet die bittersüsse Ballade wie «For the Good Times» von Kris Kristofferson. «They Killed Him» stammt ebenso von ihm. Beim amerikanischen Countrysänger fasziniert mich insbesondere das Timbre seiner Stimme.

Reisen und Heimkommen

Wiederum eine andere Motivation sind die Lieder von John Denver für mich: Sie laden zum Reisen, aber auch zur Heimkehr ein. Ich weiss nicht, wie oft ich mir den Ohrwurm «Take Me Home, Country Roads» schon angehört habe. Auch Peter, Sue & Marc, später Peter Reber, animierten, sich in der weiten wundersamen Welt umzusehen. Fernweh pur! Diese drei Künstler verfolgte ich wohl auch durch ihre Karrieren, weil ich sie in Kloten in einem kleinen Saal ganz nah miterlebt habe, ebenso wie Sina und Reinhard Mey.

Sprachumgang und Protest

Reinhard Mey begleitet mich schon seit meiner Kindheit mit seinen Liedern. Einzigartig sein Lied «Über den Wolken», das ich nicht oft genug hören kann. Am eindrücklichsten aber ist für mich «Nein, meine Söhne geb ich nicht», das er mit Freunden singt. Das Musikvideo beeindruckt immer wieder zutiefst. In der heutigen, unruhigen Zeit ein wichtiges Statement. Ebenso wie sein Lied «Kai» oder «Es ist an der Zeit» (mit Hannes Wader und Konstantin Wecker) sowie «Sag mir, wo die Blumen sind» von Wader. Und dann noch «Sei wachsam». War Reinhard Mey hellsichtig? Denn heute tönt das Lied wie ein neu komponiertes. In «Ich glaube nicht» geht es um andere Beobachtungen und Gedanken, um Religion. Nochmals eine andere Dimension beschreibt «Lass nun ruhig das Ruder los». Ein Lied voller Poesie zum Thema Sterben.

Liebe ist alles

Und obwohl der Tod vom ersten Tag des Lebens an dazugehört, soll dieser Beitrag mit der allumfassenden Liebe und dem herrlichen Leben enden. Einer, der die Alltagssituationen in fantastischem Deutsch und wunderbaren Chansons besingen konnte, war auch Mani Matter. Seine Lieder wie «I han es Zündhölzli azündt» oder «Dr Ferdinand isch gstorbe», aber auch «Hemmige» sind nicht mehr wegzudenken. Eine ebenso gute Interpretin ist Sina mit «Sohn vom Pfarrär» oder «Wartu uf ds Glick». Wie wär’s mit dem richtigen Augenblick, dem Finden des Glücks. Zuletzt nochmals Reinhard Mey mit «Liebe ist alles, Liebe ist mehr» und dem Aufruf, Kleinigkeiten zu geniessen. So entstehen Glücksmomente, im Alltag. Wenn dann noch das tupfrichtige Lied aufspielt, wird das Glück ein Wundermoment und der Spruch an meiner Schoggi wird wahr: «Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiss, wie Wolken schmecken!»

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