Ein Lied als freie Lebenskunst

von Annette Spitzenberg
min
01.05.2026
Von den vielen musikalischen Vorlieben, die sich je nach Alter und Stimmung stark verändern, kristallisiert sich schliesslich ein Lieblingssong heraus.

Ich habe viel Lieblingsmusik. In meiner Teeniezeit als Reggaefan wäre es beispielsweise «Get Up, stand Up» von Bob Marley, meinem damaligen, jung verstorbenen Idol, oder «You Can Get It If You Really Want» von Jimmy Cliff. Gerne erinnere ich mich an meine ersten Jugenddiscos, in denen ich dazu tanzte. Dazu passt aus meiner Glamrockphase von Sweet: «Love Is Like Oxygen». Das Kaddisch der italienischen Sängerin Alice mit ihrer wunderbaren Altstimme, gesungen auf ihrer Klassik-CD, wäre auch ein Kandidat. Als junge Pfarrerin hatte ich ein unvergessliches Erlebnis mit dem Sinfonischen Orchester Arbon mit dem Stück «Fratres» des estnischen Komponisten Arvo Pärt, von dem ich sofort Fan wurde. Die CD «Vision» von Richard Souther, der Lieder von Hildegard von Bingen in die Gegenwart holt, zusammen mit der unvergleichlichen Stimme von Sister Germaine Fritz (Benediktinerin), hörte ich eine Weile lang ständig. Unvergesslich auch die Tanzwoche, in der wir zu «Twelve Moons» des norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek tanzten. Später hat mich beim wunderschönen Film «Salmonberries» mit k.d. lang (Künstlername von Kathryn Dawn Lang) ihr Lied «Barefoot» sehr berührt.

Königin

Ich habe mich für ein Lied entschieden, das mich in unterschiedlichen Situationen meines Lebens begleitet hat, es ist die «Bohemian Rhapsody» von Queen, deren Musik mich schon in der Jugend begleitete. Damals faszinierte mich als passionierte Velofahrerin aber auch «Bicycle» mit seinem neckischen Fahrradklingeln. Mich begeistern die Arrangements mit dem mehrstimmigen Gesang, auch die mitreissenden schnelleren Stücke wie «Crazy Little Thing Called Love», welches Freddie Mercury in ungefähr 10 Minuten komponiert haben soll!

Was für ein genialer Musiker und was für ein Gesangstalent Freddie Mercury war, wurde mir in der Mitte meines Lebens richtig bewusst. Seine Stimme war aussergewöhnlich, so sang er einmal mit der Opernsängerin Montserrat Caballé (Barcelona). Mercury war ein Parse, so nennt man die ursprünglich persisch-iranischen Zoroastrier, die seit der Islamisierung des Irans grossenteils in Indien leben. Er wurde auf Sansibar geboren mit britischer Staatsangehörigkeit. Als er 1975 die «Bohemian Rhapsody» (frei interpretiert: «lebenskünstlerische freie Liedform») komponiert hatte, sagte man ihm, sie würde niemals ein kommerzieller Erfolg werden, da sie zu lang sei und viel zu komplex durch ihre Mischung mit Opern- und Rockelementen. Sie wurde der Nummer-eins-Hit.

Persönliche Stationen mit dem Lied

Meine Geschichte mit dem Lied ist eine persönliche. Immer wieder taucht es an unterschiedlichen Stellen meines Lebens auf.

Verknüpft ist es mit einer intensiven Begleitung als Spitalseelsorgerin. Ich unterstützte damals längere Zeit ein junges Paar, der Mann kämpfte um sein Überleben, seine Partnerin begleitete ihn hingebungsvoll, beide waren sehr musikalisch. Schliesslich war die Krankheit stärker. Sie erzählte mir, dass er unter den Klängen der «Bohemian Rhapsody» gestorben war in dem Moment, als die Schlussakkorde erklangen mit der Strophe «And anywhere the wind blows» (Wohin auch immer der Wind bläst).

Im Quartierchor, in dem ich lange Jahre war, sangen wir in einem unserer Konzerte einige Songs von Queen. Das Highlight war die Bohemian Rhapsody. Wir mühten uns mit ihr auch ab, denn das Lied ist schwierig. Doch die Freude, es im Chor zu singen, bleibt mir unvergessen.

Nochmals eine neue Facette öffnete sich mir, als ich mit einer Freundin einen Auftritt des Secondhand Orchestra zu Queen besuchte. Hier wurde detailliert der komplexe Text der «Bohemian Rhapsody» interpretiert und mit Mercurys Homosexualität, und seinem Ringen damit, in Beziehung gesetzt. Es ist wie mit einem guten Bibeltext, immer wieder ergeben sich neue Facetten, Erfahrungen und Gesichtspunkte.

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