Seelsorge auf dem Strassenstrich
Livia Wenger schwitzt. Sie ist in Winterjacke, Pullover und Halstuch gewickelt. Die beiden Frauen, die ihr gegenüberstehen, tragen indes nur kurze, seidene Kimonos und offene Schlappen. In diesem Haus in Wangen bei Olten erinnert das Klima auch im Januar eher an die tropischen Temperaturen von Bangkok als an Schweizer Minusgrade. Aber Livia Wenger ist nicht für einen Saunabesuch hier. Es ist der erste Halt auf ihrer Runde durch das «Milieu»: die verschiedenen Häuser und Orte, an denen man in Olten Sexarbeiterinnen antrifft.
Die beiden Frauen, die Wenger hereingelassen haben, sind Thailänderinnen und begrüssen sie freudig auf Englisch. Livia Wenger ist ein bekanntes Gesicht und ein gern gesehener Gast – vor allem, wenn sie wie heute Kuchen mitbringt. Livia Wenger ist als Sozialarbeiterin im Auftrag von Rahab Olten unterwegs, einem christlichen Verein, der Sexarbeiterinnen im Milieu besucht und berät. Kuchen und Crêpes sind eine Brücke zum Gespräch über tiefere Anliegen. Indem sie etwas Zeit mit den Frauen gewinnt, vertrauen diese ihr oft ernstere Anliegen an.
Was wir bieten können, ist, die Frauen auch in ihren geistlichen Anliegen abzuholen und niederschwellig zu beraten.
Auch die zwei Frauen haben ein Anliegen: Die Mitarbeiterinnen müssen zur gynäkologischen Routineuntersuchung. Wer nicht krankenversichert ist, zahlt dafür jedoch mehrere hundert Franken. Sie fragen nach einer kostengünstigeren Anlaufstelle. Livia Wenger nickt nachdenklich. «Ich kenne eine Gynäkologin in meiner Kirche», sagt sie. «Ich spreche mit ihr und melde mich wieder.»
Anlaufstelle fĂĽr geistliche Anliegen
Rahab Olten wurde 2002 von einer Gruppe christlicher Frauen gegründet. Damals war Olten für den längsten Strassenstrich der Schweiz bekannt: Auf zwei Kilometern boten regelmässig bis zu 150 Sexarbeiterinnen im Oltner Industriegebiet ihre Dienste an, Männer aus der ganzen Schweiz und sogar aus Deutschland wurden davon angelockt. Olten als Verkehrsknotenpunkt – in jederlei Hinsicht.
Rahab Olten hatte von Anfang an zum Ziel, den Frauen im Sexgewerbe persönlich und auf Augenhöhe zu begegnen. Bis heute geht einmal im Monat ein kleines Team von bis zu vier Frauen ins Milieu, ausgerüstet mit heissen Getränken und Schokolade.
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Silvia Tanner (links) und Livia Wenger bringen Heissgetränke und Kuchen. Oft bauen sie so eine Brücke zum Gespräch über tiefere Anliegen. | Foto: Susanne Seiler
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Zwar sind die Ressourcen des Vereins zu klein, um eine effektive Ausstiegshilfe anzubieten, aber Livia Wenger betont: «Wir sind eine zusätzliche Kontaktstelle.» Auch die Fachstelle Lysistrada besucht die Sexarbeiterinnen regelmässig vor Ort und hat durch einen Leistungsvertrag mit dem Kanton die Mittel, um sie zu unterstützen. «Was wir bieten können, ist, die Frauen auch in ihren geistlichen Anliegen abzuholen und niederschwellig zu beraten», so Wenger.
Livia Wenger arbeitet seit fünf Jahren in einem 20-Prozent-Pensum für Rahab. Sie ist damit als erste Person bei dem Verein fest angestellt. Sämtliche Arbeit wurde bis dahin ehrenamtlich geleistet, was Beratungen praktisch unmöglich machte. Seit Wengers Anstellung konnte der Verein bereits drei Frauen dabei unterstützen, aus der Sexarbeit auszusteigen. Zwar können sie, lenkt Wenger ein, den Prozess nicht komplett begleiten, ihn aber zumindest unterstützen und die Frauen an die richtigen Supportstellen schicken.
Die Frauen geben alles, um ihre Familien zu unterstĂĽtzen
Die nächste Station, ein Cabaret, ist nur wenige Autominuten entfernt. Livia Wenger zieht vorsorglich schon mal ihre Winterjacke aus, während ihre Begleiterin, die langjährige ehrenamtliche Mitarbeiterin Carmen, das Auto parkt. Dann wird der nächste Kuchen geschnappt, und schon geht’s durch die nächste Tür.
Die Frauen geben alles, auch sich selbst. Und dafür bezahlen sie einen hohen Preis. Fast alle Frauen, die wir treffen, machen diese Arbeit aus wirtschaftlicher Not.
Zwei Frauen stehen an einen langen Tresen gelehnt. Die roten Wände des Raums sind in schummriges Licht getaucht. Eine Discokugel wirft tanzende Lichter auf die leere Bühne, aus den Boxen tönt Latin-Pop. Bis auf die beiden Frauen ist das Lokal leer.
Livia Wenger legt den Kuchen auf den Tresen und fängt wieder von vorne an: Sie verwickelt die Frauen in einen Schwatz. Sie heisse Destiny, erklärt die grössere der beiden auf Spanisch. Zumindest hier. Ihren richtigen Namen hat sie in ihrer Heimat, der Dominikanischen Republik, gelassen. «Mein Sohn lebt in Italien», sagt sie. Mit dem Geld, das sie hier verdient, kann sie seine Ausbildung bezahlen. Wie für viele Frauen war die Sexarbeit für Destiny eine letzte Option, um für ihre Familie zu sorgen. «Die Frauen geben alles», so Wenger, «auch sich selbst. Und dafür bezahlen sie einen hohen Preis. Fast alle Frauen, die wir treffen, machen diese Arbeit aus wirtschaftlicher Not.»
Prostitution: Die Schweiz ist eines der liberalsten Länder der Welt
Die Schweiz ist eines der liberalsten Länder der Welt, wenn es um Prostitution geht. Der Beruf ist seit 1942 legal. Etwa 20’000 Menschen, die Mehrheit davon Frauen, sind im Sexgewerbe tätig, und jeder fünfte erwachsene Mann gibt mindestens einmal pro Jahr Geld für Sexarbeit aus. Dennoch hat die Legalität bisher nicht dazu beigetragen, Transparenz in das Geschäft zu bringen. «Prostitution ist kein anerkannter Beruf in der Schweiz, wie oft propagiert wird», sagt Silvia Tanner, die im Vorstand von Rahab Olten ist. Wäre es ein Beruf, müsste man auch eine Lehre machen können.
Aus der Prostitution auszusteigen, ist ein langwieriger Prozess. Der Schweizer Arbeitsmarkt wartet auf niemanden.
Tatsächlich werden Missstände nur selten gemeldet, geschweige denn rechtlich verfolgt. Politisch wurde bisher nur wenig für den Schutz der Sexarbeiterinnen getan. Dass in der Schweiz keine schärferen Gesetze bestehen, hat damit zu tun, dass die Prostitution bislang vor allem kantonal geregelt ist. Auf Bundesebene sind nur Menschenhandel, Zuhälterei und bezahlter Sex mit Minderjährigen strafbar, während Gesetze für Freier national noch nicht verankert sind. Derzeit wird eine Volksinitiative für ein nationales Prostitutionsgesetz geprüft, das Freier und Bordellbesitzer stärker in Rechenschaft ziehen soll.
Aus der Prostitution auszusteigen, ist ein langwieriger Prozess. «Der Schweizer Arbeitsmarkt wartet auf niemanden», sagt Tanner. Erst recht nicht auf ehemalige Sexarbeiterinnen ohne Ausbildung, Sprachkenntnisse oder Aufenthaltsgenehmigung. Die Frauen brauchen einen sicheren Ort zum Wohnen, in die Heimat können sie nicht immer zurückkehren. Das sind viele Faktoren, die sorgfältig beachtet werden müssen.
Dazu kommt, dass sich die Sexarbeit verstärkt ins Internet verlagert, wo Frauen auf Onlineplattformen Kontakte knüpfen. Die Freier treffen sie in privaten Wohnungen, in Hotels oder Airbnbs – abseits der herkömmlichen Räume. Dadurch können Organisationen wie Rahab oder Lysistrada den Frauen schlechter begegnen, und sie werden schutzloser.
Zwang und Menschenhandel lässt sich nur vermuten
Die Reise führt an dem Abend von Haus zu Haus, jedes von ihnen unscheinbar von aussen. Im Innern warten Menschen unterschiedlichster Herkunft. Da ist die junge Frau, die so dünn ist, dass Carmen und Livia Wenger später im Auto noch immer besorgt über ihre Gesundheit mutmassen. Da ist die geschwätzige Rumänin, die nicht genug von dem Kuchen bekommen kann. Da ist Melinda, eine Transfrau mit verschmiertem Makeup und dem verrutschten Kleid, das ihre Brust entblösst.
Über die Situation der Frauen lässt sich an dem Abend nur wenig in Erfahrung bringen. Wie sind sie hierhergekommen? Was hat sie in diese Situation gebracht? Es sei in der Vergangenheit schon vorgekommen, dass sie auf ihren Einsätzen fast die Polizei gerufen hätte, meint Wenger. Am Ende tat sie es dennoch nicht, denn Zwang und Menschenhandel lassen sich oft nur vermuten. «Es ist ein Spagat», sagt Wenger. «Auf der einen Seite wollen wir den Frauen helfen – auf der anderen Seite würden wir ihnen in den Rücken fallen, wenn sie zum Beispiel keine Aufenthaltsbewilligung haben.» Dafür arbeiten sie mit der Fachstelle ACT 212 zusammen. Auch dürfe man nicht voraussetzen, dass sich jede Frau in einer Notlage befände.
In dieser kalten Nacht sind nur zwei Rumäninnen auf dem Strassenstrich bei der Haslistrasse unterwegs. Sie erkennen Livia und Carmen schon von weitem, fragen sofort nach wärmendem Kaffee und zeigen auf die Geschenke im Korb. Es sind die Reste der Weihnachtsgeschenke: dicke Strumpfhosen für kalte Winternächte. Livia reicht ihnen beiden ein Paket und schenkt Kaffee aus.
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Einmal im Monat macht ein kleines Team vom Verein Rahab eine Runde an die Orte, an denen man in Olten Sexarbeiterinnen antrifft. | Foto: Susanne Seiler
Seelsorge auf dem Strassenstrich