Töne, die ins Herz gehen

von Anna Schindler
min
01.05.2026
Mit der Musik ist das so eine Sache: Im Hintergrund oder nebenbei geht gar nicht. Ich kann nicht weghören, wenn Radiogedudel oder Musik im Hintergrund läuft, sei es im Restaurant, Auto oder wenn ich zu Besuch bin. Meine Konzentration ist sehr gefordert. Musik höre ich gerne an einem Konzert oder ich setzte sie als szenisches Mittel ein, um das, was ich tue, gezielt zu unterstützen.

Erinnern in Tönen

Johann Sebastian Bach steht dabei ganz vorne. Seine Suiten, Konzerte und Fugen legen einen Boden, um Ordnung zu schaffen. Innerlich und äusserlich. Stapel und Haufen, die der Alltag angeschwemmt hat, werden kleiner und finden ihren Ort. Bach zu hören, bedeutet aber noch viel mehr. Seine Musik empfinde ich tief. Sie hat für mich eine spirituelle Kraft. Mozart wiederum versetzt mich in meine Kindheit. Bei Leopold Mozarts «Kindersymphonie» durfte ich einst mitspielen. Und in Begleitung meiner Grossmutter durfte ich am Abend einmal die Oper besuchen: Mozarts «Zauberflöte». Wir sassen mittig in der ersten Reihe und die Musik erzeugte einen Rausch in mir, der nachhaltig wirkte. Mikis Theodorakis' Filmmusik «Alexis Zorba» hilft gegen Fernweh und bringt mich in Gedanken auf die griechische Insel Ikaria und die Dorffeste mit Sirtaki. Mit Angélique Kidjos Lied «Naima» lief ich mit meinen Kindern, als sie noch Babys waren, durch die Wohnung und konnte sie damit beruhigen. Auch heute hat das Lied eine beruhigende Wirkung auf mich. Bin ich hässig und weiss nicht, wohin mit meinem Ärger, höre ich Nina Hagens «TV-Glotzer». Als Jugendliche war ich ein sehr wütender Mensch mit Irokesenfrisur und Sicherheitsnadel im Ohr. Ich habe mehrere Konzerte der Punk-Lady besucht. Nina Hagen machte damals so coole, freche und selbstbewusste Musik, das war für mich der Inbegriff von Emanzipation.

Musik ist ein Weinen in Melodien, ein Erinnern in Tönen, ein Gemälde in Klängen.

Weinen in Melodien

Wenn ich mich traurig und ohnmächtig der Welt gegenüber fühle, höre ich Taizé-Lieder oder das «Ave Maria» von Schubert. Oder ich gehe in leere Kirchen, singe die Lieder selbst als Gebete für die Welt. Auch das Zauren hat seinen Platz in meinen Ohren. Wo immer ich mich auf dieser Welt aufhalte, es bringt mich in meine Wahlheimat, insbesondere auf die Hundwiler Höhe mit Blick auf den Säntis und den Bodensee. Neu dazugekommen sind die Songs meiner Tochter, die unter dem Namen Charly Juna komponiert und singt. Diese Lieder sind für mich etwas Besonderes. Meine Lieblingslieder «Risse in der Wand» und «In einem Feld aus Blumen» sind melancholisch und zum Heulen schön. Aktuell höre ich Salonmusik. Menuette, Walzer, Polkas oder Tangos versetzen mich ins 19. Jahrhundert, in eine Zeit, in der die Welt noch analog war.

Gemälde in Klängen

So gesehen habe ich viele Lieblingsstücke, die je nach Stimmung und Phasen meines Lebens eine Rolle spielten und spielen. Sie erreichen Orte in mir, die mit dem Verstand nicht zu beschreiben sind. Ich mag das Zitat Robert Walsers, der schrieb: «Musik ist ein Weinen in Melodien, ein Erinnern in Tönen, ein Gemälde in Klängen.»

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