Musik-Geschichten

von Judith Husistein
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01.05.2026
Meine Musik-Vorlieben sind situations- und stimmungsabhängig. Es gibt unzählige Lieder und Melodien, die mich in frühere Lebensabschnitte zurückversetzen. Sie rufen Erinnerungen an traurige und festliche Momente, an besondere Menschen und einmalige Erlebnisse so lebendig wach, dass es sich anfühlt, als würde ich sie nochmals durchleben.

In den 1960-er Jahren machte der Günter Kallman Chor die «Elisabeth-Serenade» bekannt, die 1952 als Instrumentalstück zur Krönung der Queen Elisabeth bekannt wurde. Das Lied mit der zarten Melodie, dem romantischen Text und dem Glockenspiel wurde ein internationaler Hit. In unserer Familie bekam es einen besonderen Platz. Sobald es im Radio ertönte, drehte meine Mutter die Lautstärke auf. Für uns war es das Lied meiner Schwester Elisabeth. Später griff Mami jeweils zum Telefon, wenn es im Radio gespielt wurde, und rief sie an. Heute stelle ich bei der Elisabeth-Serenade WhatsApp auf Aufnahme, sende sie meiner Schwester und erinnere mich an unsere Kindheit. 

Sommergefühle

«Chirpy Chirpy Cheep Cheep», mit diesem Song stürmte die schottische Band «Middle of the Road» 1971 die Hitparaden. Lautstark ertönte das Lied in jenem Sommer vor dem Nachbarhaus, das eine Familie aus Zürich als Ferienhaus gemietet hatte. Höre ich es heute, drehe ich das Radio laut und fühle mich in jene Zeit versetzt. Ich bewunderte und liebte die Familie aus der Grossstadt. Sie brachte eine neue Welt in unseren Bauernalltag, verwöhnte uns an Werktagen mit Glace und anderen Köstlichkeiten und brachte Licht und Wärme in eine Zeit, in der unsere Familie Schweres erlebte.

Romantik

Als Kirchenmesmerin erlebte ich eine Hochzeit, bei der die Braut seit ihrer Kindheit davon träumte, eine Hochzeit wie im Film «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» zu erleben. Vom Brautkleid bis zum Kopfschmuck stimmte alles. Der Brautvater erschien im Frack und führte seine Tochter unter einem Blumenbogen zum Bräutigam an den Altar. Natürlich wurde der romantische Einzug in die Kirche von der bekannten Filmmusik begleitet. Viele Trauungen habe ich vergessen, diese bleibt.

Himmelszelt

«Up in the Sky»: Dieser Song von «77 Bombay Street» läuft regelmässig im Radio. Und jedes Mal halte ich inne und denke zurück: Das Schuljahr ging zu Ende. Wie üblich wurden die Jugendlichen, die das Ende der Schulzeit erreicht hatten, vor grossem Publikum verabschiedet, nicht ohne in einer Powerpoint-Präsentation ihre berufliche- oder schulische Zukunft vorzustellen. Einer der Buben hatte grosse Pläne. Er wollte die Welt erobern. Stolz, strahlend und selbstbewusst schritt er zu den Klängen von «Up in the Sky» mit einer Flagge auf die Bühne. Niemand ahnte, dass er wenige Jahre später ungewollt ins Blaue gehen, im Himmelszelt leben würde, wie es im Song beschrieben wird.

Seebühne

Die mächtigen und romantischen Melodien und Lieder aus der Oper «Der Freischütz» von Carl Maria von Weber sind faszinierend. Seitdem ich die Oper auf der Seebühne an den Bregenzer Festspielen erlebt habe, empfinde ich die Musik anders und neu. Ich sehe die beeindruckenden, immer wieder wechselnden Bühnenbilder vor mir, das Wasser, in dem Nixen tanzten, spüre Freude und Grauen und staune immer noch, wie der Mond an jenem Abend die Szenen erhellte und Fledermäuse über und mitten durch das Geschehen flatterten, als gehörten sie zur Choreografie. Ein unvergesslicher Abend, den ich mit allen Bildern und Gefühlen immer wieder erlebe, wenn irgendwo die bekannten Melodien erklingen.

Heimweh

Ich habe keine Lieblingsmusik, doch eines weiss ich: Wäre ich am anderen Ende der Welt und es würde Appenzellermusik oder ein Zäuerli erklingen, das Heimweh würde mich wohl augenblicklich nach Hause ziehen.

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