Verantwortung abgeben braucht Vertrauen

von Judith Husistein
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01.10.2026
«Ab jenem Moment, in dem eine Frau ihr erstes Kind zur Welt bringt, gehört sie nie mehr allein sich selbst.» Dieser Satz einer Schauspielerin, den ich vor vielen Jahren bei einem Theaterbesuch hörte, ist mir bis heute geblieben. Wie wahr er ist, wissen wohl alle Mütter – und auch für Väter verändert sich mit der Familiengründung vieles.

Im Gespräch mit Eltern von kleinen und grösseren Kindern und aus eigenen Erfahrungen wurde mir klar, dass Verantwortung besonders im familiären Umfeld stark mit Vertrauen verbunden ist. Schon während der Schwangerschaft passt die werdende Mutter ihre Gewohnheiten an und tut alles, um dem ungeborenen Kind nicht zu schaden. Und doch bleibt eine Geburt ein Wunder; es ist keineswegs selbstverständlich, ein gesundes Kind in die Arme schliessen zu dürfen. Mit Kindern wachsen Liebe, Freude und Herausforderungen. Gerade in den ersten Jahren tragen Eltern viel Verantwortung und stehen vor unzähligen Fragen: Was braucht unser Kind? Warum weint es? Wie entscheiden wir über Impfungen oder die Kinderbetreuung? Oft wünschen wir uns eine klare Antwort und müssen doch unseren eigenen Weg finden.

Vertrauen schenkt Freiraum

Wenn Kinder grösser werden, verändert sich diese Verantwortung. Ich erinnere mich gern daran, wie wir früher durch Wälder streiften, über Felsen kletterten und an Bächen spielten. Unsere Eltern wussten nicht immer genau, wo wir waren, vertrauten uns aber. Spätestens wenn der Hunger kam oder das Betzeitglöcklein läutete – das wir für ein Bettzeitglöcklein hielten – fanden wir den Weg nach Hause. Auch unsere Kinder durften diese Freiheit erleben. Eines der Mädchen verbrachte nach der Schulzeit ein Jahr in der Westschweiz – damals natürlich ohne Handy – und musste das Heimweh, eine neue Sprache, eine fremde Familie und ungewohnte Arbeit ohne ständigen Kontakt mit daheim meistern. Ein anderes reiste mit 18 wochenlang durch Kanada und Neuseeland. Ebenfalls ohne Telefon. Wir konnten es nicht erreichen und sorgten uns natürlich. Doch wir vertrauten darauf, dass es seinen Weg finden und Verantwortung übernehmen würde. Die Erfahrungen liessen sie reifen und machten sie dankbar für vieles, was zuhause selbstverständlich schien.

Beschützen oder loslassen?

Eltern von heute stehen vor zusätzlichen Herausforderungen. Ratgeber, der Vergleich mit anderen Familien und soziale Medien können verunsichern. Wann ist Schutz nötig, wann darf Vertrauen wachsen? Ein vierjähriges Kind allein in den Kindergarten gehen zu lassen, fällt vielen Eltern nicht leicht. Später nutzen sie das Handy, um jederzeit zu wissen, wo ihr Kind ist. Manche Eltern wünschen sich sogar tägliche Rückmeldungen aus dem Klassenlager, denn die Sorge um das eigene Kind ist übergross. Gleichzeitig brauchen Kinder Gelegenheiten, Verantwortung zu übernehmen, Probleme selbst zu lösen, Abmachungen einzuhalten und kleine Rückschläge zu bewältigen. So wachsen Selbstvertrauen und die Fähigkeit, auch später mit Herausforderungen umzugehen.

Mut zum Vertrauen

Zum Glück gibt es auch viele schöne Beispiele: Kinder, die selbst eine Zugreise durch die Schweiz planen und ohne Erwachsene unterwegs sind. Jugendliche, die mit dem Velo durchs Land fahren, und Grosseltern, die ihre Sorge nicht zeigen, obwohl ihnen die frühe Selbständigkeit der Enkel manchmal Kummer macht. Solche Schritte brauchen Vertrauen – und Erwachsene, die loslassen, auch wenn es nicht immer leichtfällt.

Verantwortung heisst nicht, jedes Risiko aus dem Weg zu räumen. Es heisst, da zu sein, Halt zu geben und Kindern nach und nach zuzutrauen, ihren eigenen Weg zu gehen. Vielleicht ist genau das das Geschenk, das wir ihnen mitgeben können: Wurzeln, die tragen, und Vertrauen, das Flügel verleiht.

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