Ein Licht, das niemals verlischt

von Lars Syring
min
01.05.2026
«In der Pubertät ist man dem Wahnsinn und dem Tod näher», habe ich neulich irgendwo jemanden sagen gehört. «Stimmt», habe ich gedacht und mir den Satz notiert. Weder vorher noch nachher habe ich mich in meinem Leben so intensiv mit dem Tod auseinandergesetzt.

Ich kam mir in den Jahren nach der Konfirmation nicht sonderlich liebenswert vor. Dabei war ich doch selbst so sehr verliebt und wollte, dass diese Liebe irgendwie erwidert wird. «I am human and I need to be loved / just like everybody else does.» (Ich bin ein Mensch und ich brauche es, geliebt zu werden, so wie jeder andere auch.), waberte es damals aus meinen Lautsprechern. «If you're so funny / then why are you on your own tonight? / I know because tonight / is just like any other night / that's why you're on your own tonight.» (Wenn du so witzig bist, warum bist du dann heute Abend allein? Ich weiß, weil heute Abend wie jeder andere Abend ist, deshalb bist du heute Abend allein).

Melancholische Musik ist für mich eine wichtige Tankstelle.

Gestärkt ins Leben zurück

Niemand konnte solche Zeilen dichten und mit so viel Weltschmerz singen wie Morrissey, der Sänger meiner Lieblingsband, The Smiths. Niemand hat mich je so gut verstanden, wie dieser Mann aus Manchester, der mich gar nicht kennt. Aber als die Plattentektonik meines Lebens ins Schwanken geraten war, waren seine Lieder der sichere Hafen. Dort konnte ich anlegen, durchatmen und gestärkt wieder ins Leben zurückkehren. Ich weiss nicht, was passiert wäre, wenn ich The Smiths nicht gehabt hätte. Okay. Es gab auch The Cure und Element of Crime und Yo La Tengo. Die sind auch toll! Überhaupt mag ich die traurige, melancholische Musik am liebsten. Sie ist für mich eine wichtige Tankstelle.

Die grossen Fragen des Lebens

Viele Gespräche drehten sich damals um den Tod. Einer meiner Mitschüler hatte sich in der elften Klasse erschossen. Und wir Weiterlebenden sassen am Ufer eines kleinen Teichs und bedachten die grossen Fragen des Lebens und des Sterbens. Ich konnte in jenen Jahren fühlen, wie die Erde auf meinen Kopf fällt. Ich habe viel in Liedzeilenfetzen gedacht und (wohl sehr zum Leidwesen meiner Mitmenschen) auch geredet. Das hat nicht unbedingt dazu beigetragen, dass ich besser verstanden worden wäre. Und wenn ich auf unseren Schulpartys als Einziger zu der Live-Version von «I Know It's Over» (Ich weiss, dass es vorbei ist) getanzt habe, hat es das auch nicht besser gemacht – obwohl es sich in meinem Herzen so ganz richtig angefühlt hat.

Ich hab's überlebt

Die Zeiten haben sich geändert. Ich hab's überlebt und bin älter geworden. Heute weiss ich, dass damals schon alles da war. Alles, was noch aus mir werden sollte, war schon angelegt, musste aber erst durchbrechen, sich seinen Weg bahnen. Im Laufe der Jahre habe ich mich in mich selbst entblättert.

Und ich habe fast 35 Jahre gebraucht, bis ich bemerkt habe, wie sehr mich einzelne Liedzeilen bis in meinen Glauben hinein geprägt haben. Morrissey singt im gleichnamigen Lied «There Is A Light That Never Goes Out» nicht nur vom Todescrash mit einem Doppeldeckerbus oder einem 10-Tonnen-Truck, sondern auch und vor allem von diesem Licht, das niemals (!) verlischt. Das ist das Licht der Hoffnung. Das Licht Gottes, das in jedem Menschen leuchtet. Das uns widerstehen lässt. Gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens, die in der Pubertät besonders schlimm empfunden werden. Gegen den Liebeskummer und den Weltschmerz. Und gegen das Entsetzen, als sich The Smiths aufgelöst haben. Das könnte auch ein wunderbarer Satz auf einem Grabstein sein.

Vergiss die Lieder nicht

Wenn ich heute an dem Teich vorbei komme und an früher denke, muss ich schmunzeln. Ich erinnere mich an mein Versprechen von damals: «But don't forget the songs that made you cry and the songs that saved your life.» (Vergiss aber nicht die Lieder, die dich zum Weinen brachten, und die Lieder, die dir das Leben retteten.) Niemals, Morrissey, niemals.

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