«Schaffe in mir, Gott, ein Herz ohne Angst »

von Anna Schindler
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01.09.2026
Die Theologin, Autorin und Lyrikerin Dorothee Sölle (1923 – 2003) hat die Allmacht der Kirche vom Sockel gehoben, was ihr grosse Kritik einbrachte. Sie trug den Stempel einer linken Feministin und Politikerin. Doch das ist nicht tief genug geschaut. Sie war auch überzeugte Theologin und Dichterin und sehnte sich nach Frieden und Wertschätzung für alle Menschen und die Umwelt.

Dorothee Sölle hat die Kirche geprägt. Ihr nachhaltiges Wirken nahm ihren Anfang 1968 in Köln. Sie war Mitinitiantin der politischen Gottesdienste, die unter dem Namen «Nachtgebete» in die Geschichte eingegangen sind. Zuerst untersagte die evangelische Kirche dieses Format. Dann kam die Erlaubnis, am Katholikentag 1968 in Essen einen politischen Gottesdienst abhalten zu dürfen, aber erst um 23 Uhr, darum wurden sie zu Nachtgebeten. Später fanden sie in Köln um 20 Uhr 30 in der evangelischen Antoniterkirche statt. Die Idee entstand dort, im ökumenischen Arbeitskreis. Auch Sölles späterer Ehemann, der Theologe Fulbert Steffensky, und der Autor Heinrich Böll wirkten mit. Religion und Politik zusammenzubringen, das war ihre Vision. Bei den Nachtgebeten wurde über Politisches informiert. Daraufhin gab es eine biblische Meditation. Zuletzt wurden Aktionsvorschläge gemacht und diskutiert.

Kirche wegen Überfüllung geschlossen

Es war das erste Mal, dass Themen wie die Frauendiskriminierung öffentlich in einer Kirche Deutschlands diskutiert wurden. Frauen durften damals ohne Erlaubnis ihrer Ehemänner keiner Lohnarbeit nachgehen. Auch in der Kirche waren Frauen untergeordnet. Sölle hatte zwar studieren können und als Religionslehrerin gearbeitet, aber als Familienfrau und kritische Theologin blieb ihr eine universitäre Professur verwehrt. Mit den Nachtgebeten gehörte die Kirche plötzlich auch den Frauen. Und sie kamen.

Gott ist nicht oben und nicht später, sondern jetzt und hier, bei uns, in uns.

Die monatlichen Nachtgebete waren so beliebt, dass die Kirche regelmässig wegen Überfüllung geschlossen werden musste. Dorothee Sölle forderte eine theologische Aufarbeitung nach Auschwitz, sie kritisierte die Allmacht Gottes und legte Wert auf inklusive Sprache. Und sie schrieb. Buch um Buch. Dorothee Sölles Werke sind heute noch aktuell und gegenwärtig. Ihr poetischer Dialog mit Gott liest sich, als wäre er eben erst geschrieben worden.

«Ich glaube an Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat (…). Ich glaube an Gott, der den Widerspruch des Lebendigen will und die Veränderung aller Zustände (...).»

Dorothee Sölles Gedichte bewegen. Sie sind voller Mystik, Mut und Zerbrechlichkeit. «Schaffe in mir, Gott, ein Herz ohne Angst.» Ihre Gedichte sind Gebete, Zwiesprachen mit Gott, Auseinandersetzungen mit der Bibel. Immer wieder findet sie in der Heiligen Schrift Worte, die sie als Aufforderung versteht, zu handeln. Ihren Töchtern schrieb sie ein Gedicht mit dem Titel: «Bitte lasst eure Zimmer nicht verkommen. Wenn eure Zimmer hässlich sind, werdet ihr euch selber nicht lieb und wert halten, wenn ihr euch selber nicht ehrt, werden eure Gedanken ohne Spannkraft sein…» Gottes Schöpfung zu erhalten, bedeutete für Dorothee Sölle, sich aktiv in der Welt zu engagieren. Die Sehnsucht nach dem Bewahren der Schöpfung, nach Frieden und sozialer Gerechtigkeit beantwortete sie auch mit Sitzstreiks und nahm an Demonstrationen teil. Sölle holte den Himmel auf die Erde. Ihre Gedichte tragen und nähren. Die Theologin prägte und prägt nach wie vor die Kirche und die Menschen, sich für eine gerechtere und weitere Welt einsetzen wollen. «… ich möchte nie mehr so jung sein, dass ich ohne Dankbarkeit lebte für die Schöpfung (…), dass ich vergässe das von Schwestern und Brüdern gemachte Blau.»

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