Die Flüchtlingsmutter Gertrud Kurz-Hohl
Gertrud Kurz erblickte am 15. März 1890 in Lutzenberg als Älteste von vier Kindern der Fabrikantenfamilie Hohl das Licht der Welt. Nach der Schulzeit absolvierte sie in Neuenburg eine Handelsschule und verlobte sich mit dem Naturwissenschaftler Albert Kurz, den sie 1912 heiratete. Sie zogen nach Bern, da er dort eine Stelle als Gymnasiallehrer antrat. Sie wurde Mutter von drei Kindern.
Gleichzeitig führte das Ehepaar von Anfang an ein offenes Haus und eine gastfreundliche Tischgemeinschaft. Die Treppe zum Haus wurde mit Kreuzen markiert, damit andere Obdachlose oder Menschen am Rande der Gesellschaft wussten, dass sie hier Hilfe bekommen würden. Dies taten sie aus tiefer christlicher Überzeugung.
In den Zwischenkriegsjahren wurde Gertrud Kurz inspiriert von der französischen Friedensbewegung des Pfarrers Etienne Bach «Ritter für den Friedensfürsten». Sie gründete in der Schweiz eine Sektion der «Kreuzritter» und begann mit ihrer Friedensarbeit.
Die Flüchtlingsmutter
Weder der drohende Krieg noch die Verfolgung der Juden liessen sich aufhalten. Bald erreichten erste jüdische Flüchtlinge die Schweiz. 1938 organisierte sie daher spontan eine Weihnachtsfeier für sie und trug aus der ganzen Nachbarschaft Geschirr und Besteck zusammen für die 130 Teilnehmenden. Eine wachsende Zahl von Helferinnen unterstützte sie, denn der Bedarf war gross. Das Engagement weitete sich aus auf andere Städte und Orte. Nicht nur praktische Hilfe wurde geleistet, Gertrud Kurz setzte sich auch politisch und anwaltschaftlich für Flüchtlinge ein. Sie tat dies durch direkte Intervention bei der damaligen Fremdenpolizei, durch zahlreiche Vorträge und 1942 durch einen direkten Kontakt zu Bundesrat Eduard von Steiger. Dies, nachdem die Schweizer Regierung beschlossen hatte, jüdischen Flüchtlingen generell die Aufnahme zu verbieten. Sie prangerte nicht Behörden an, sondern sprach von einem kollektiven Versagen der Schweiz. Sie war nun überall bekannt als Flüchtlingsmutter und gilt bis heute als Heldin im Zweiten Weltkrieg.
Friedensarbeit
1947 benannte sie ihre Organisation um in «Christlicher Friedensdienst» (seit 2023 «Frieda»). Sie organisierte Begegnungen zwischen verfeindeten Volksgruppen und weitete ihre Arbeit international aus, denn die Konflikte und Kriege gingen weiter (Kalter Krieg, Vietnam, Algerien, Naher Osten). Bis kurz vor ihrem Tod 1972 leitete sie die Organisation als Geschäftsführerin. Sie hat als mutige, prophetische, mitfühlende Frau das Gesicht von Politik und Kirche mitgeprägt.
Aktualität
Gertrud Kurz wurde mehrfach für den Friedensnobelpreis nominiert. Ihre Überzeugungen bleiben aktuell in einer Zeit, in der Migration zunehmend politisiert wird. 122 Mio. Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht. Eine schier unvorstellbare Zahl und Not. Ungefähr 25’000 von ihnen gelangen jährlich in die Schweiz und bitten um Asyl. Die Allerwenigsten dürfen bleiben. In der Presse erscheinen sie fast nur im Zusammenhang mit Kriminalität. Die Asylpraxis verschärft sich laufend, nicht nur in der Schweiz, in ganz Europa. Das kollektive Versagen, welches Gertrud Kurz angesprochen hatte, steht wieder im Raum. Es braucht sie wieder, die Flüchtlingsmütter (und -väter), die starken und mutigen Menschen, die aus tiefer christlicher Überzeugung und Nächstenliebe Gastfreundschaft üben und ihre Stimme erheben für die Menschen in Not, die an unsere Grenzen klopfen.
Die Flüchtlingsmutter Gertrud Kurz-Hohl