Die erste Pfarrerin in Appenzell Ausserrhoden
Nach dem Gottesdienst nahmen die Kirchbürger die Einführung des Frauenstimmrechts auf kantonalkirchlicher Ebene und die Wählbarkeit der Frauen als gleichberechtigte Pfarrerinnen mit Ja-Anteilen von 93 bzw. 97 Prozent an. In der Kirchgemeinde Schönengrund wählten sie ausserdem Ricarda Thieme (1943 – 2007) einstimmig zur Pfarrerin und nahmen das Frauenstimmrecht auf Gemeindeebene an.
Stolze Schönengrunder
«Die erste Frau an einem Appenzeller Pfarramt, das wird noch etwas zu feiern geben», notierte das «Magnet». Tatsächlich war man in Schönengrund nicht wenig stolz. Wie kam man dazu, eine 25-jährige Theologin aus Deutschland zu wählen? Damals bestand ein landesweiter Pfarrermangel, sodass die Pfarrstelle länger als ein Jahr unbesetzt war. Gleichzeitig begann die rechtliche Gleichstellung der Frauen. So wählten die Schönengrunder Kirchbürger 1967 erstmals zwei Frauen in die siebenköpfige Pfarrwahlkommission. Zwischen 1956 und 1973 beschlossen die reformierten Kantonalkirchen die Einführung des vollen Frauenpfarramts, und die letzten Kantonalkirchen führten das kirchliche Frauenstimmrecht ein. In Appenzell Ausserrhoden konnten die Kirchgemeinden dieses bereits ab 1954 einführen. Herisau machte 1956 den Anfang, Schwellbrunn 1969 den Schluss.
Nach Ordination direkt ins Appenzellerland
Als es im Sommer 1968 zum ersten Treffen mit der Pfarrwahlkommission kam, stand Ricarda Thieme kurz vor dem Schlussexamen. Ihr Theologiestudium hatte sie nach dem Abitur 1962 in Freiburg im Breisgau nach Basel, Kiel, Göttingen und Heidelberg geführt. Am 3. November 1968 wurde sie von der Evangelischen Landeskirche in Baden ordiniert und am 8. Dezember bereits in Schönengrund feierlich eingesetzt. Das Appenzellerland war für sie allerdings kein Neuland: Die Kindheit hatte sie mit ihren Geschwistern in Speicher verbracht. Im Frühjahr 1969 wurde sie als erste Frau in die Synode gewählt. Anfang Oktober 1970 verliess sie Schönengrund. Hier ist die Pfarrerin mit ihren beiden Hunden in Erinnerung geblieben. Unvergesslich blieb etwa Ernst Wenk die gemeinsame Konfreise nach Heidelberg: «Das war neu für uns Bauernkinder, ich war vorher noch nie im Ausland gewesen.»
Ricarda Thieme heiratete später den Reformationshistoriker Dr. phil. Ekkehart Fabian, zog zwei Kinder gross, wirkte als Pfarrerin im Aargau und kehrte 1977 in die Badische Landeskirche zurück. Sie arbeitete als Religionslehrerin am Gymnasium, versah Gottesdienstvertretungen und war bis zur Pensionierung im Jahr 2000 Seelsorgerin im Altersheim Katharinenstift in Freiburg.
1918 erste Frau auf der Kanzel in Reute
Als erste Pfarrerin im Kanton wurde Ricarda Fabian-Thieme zur Bahnbrecherin für viele Nachfolgerinnen. Der Frauenanteil beim Gemeindepfarramt belief sich Anfang 2026 auf 71 Prozent (17 Frauen, 7 Männer), gesamtschweizerisch lag er bei 43 Prozent. Diese erfreuliche Entwicklung war möglich dank dem unermüdlichen Einsatz der Pionierinnen im Pfarramt: Rosa Gutknecht (1885 – 1959), Pfarrerin am Grossmünster in Zürich, predigte schon 1918 in Reute und 1929 in Herisau. Später absolvierten zwei ausserkantonale Theologinnen ihr Lernvikariat im Kanton: Hedwig Roth 1937/38 in Bühler und Gertrud Beck 1946 in Heiden, «obschon das Erscheinen einer Theologin auf einer appenzellischen Kanzel da und dort als etwas Ungewohntes empfunden werden könnte», wie der Kirchenrat meinte. 1930 hätte er sogar dem Pfarrehepaar Verena und Walter Pfenninger-Stadler erlaubt, gemeinsam auf einer Pfarrstelle zu wirken. Doch die anfragende Kirchgemeinde Hundwil wählte einen Pfarrer. Schliesslich wählte die Synode zweimal eine Kirchenratspräsidentin: Marianne Schläpfer (1992 – 1999) und Pfarrerin Martina Tapernoux (ab 2022).
Zum Autor: Pierre Aerne forscht und publiziert zum Thema Frauenpfarramt und Frauenstimmrecht.
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