Zeitstrahl: Frauen, die die Kirche prägten

Pionierinnen mit Wirkung

von Nicole Noelle
min
07.09.2026
Fokusthema «Ohne Frauen keine Kirche»: eine Auswahl an Frauen, die die Kirche in der Schweiz vom Mittelalter bis heute auf ganz unterschiedliche Weise geprägt haben.

Wiborada († 926)

Erste Frau, die von einem Papst heiliggesprochen wurde. Die Inklusin aus St. Gallen liess sich freiwillig einmauern, empfing aber durch ihr Zellenfenster Ratsuchende aus der ganzen Region. Dank ihrer visionären Gaben warnte sie die Mönche vor dem Magyareneinfall. So konnten die wertvollsten Manuskripte des Klosters gerettet werden.

 

Die Nonnen vom Kloster Klingental, Basel (13.–16. Jh.)

Als Basel 1529 die Reformation einführte, weigerte sich Äbtissin Walpurg von Runs zu gehorchen. Die Dominikanerinnen trugen weiter ihren Habit, feierten weiter die Messe und trotzten dem Rat jahrzehntelang. Sie stehen stellvertretend für viele Nonnen in Schweizer Frauenklöstern, die sich nicht fügen wollten – womöglich auch, weil sie im Kloster Bildung und Eigenständigkeit besassen, die ihnen draussen verwehrt blieben.

 

Katharina von Zimmern (1478–1547)

Letzte Äbtissin des Fraumünsterklosters in Zürich. 1524 übergab sie das Kloster freiwillig der Stadt und ermöglichte damit die Reformation in Zürich ohne Bürgerkrieg.

 

Anna Reinhart (um 1484–1538)

Heiratete 1524 den Reformator Huldrych Zwingli – eine Sensation, denn er war einer der ersten Priester zur Zeit der Reformation, der öffentlich heiratete. Mit ihr begann die 500-jährige Tradition der Pfarrfrau, die erst 2024 mit der Auflösung des Pfarrfrauenvereins endete.

 

Wibrandis Rosenblatt (1504–1564)

Wibrandis Rosenblatt | Bild: Wikipedia, gemeinfrei

Heiratete nacheinander drei Reformatoren: Oekolampad, Capito, Bucer. Man schätzte sie als klug und organisationsstark, fähig, mit diesen schwierigen Männern zu diskutieren. Bucers erste Frau hatte ihm auf dem Sterbebett vorgeschlagen, Wibrandis zu heiraten, damit beide Familien versorgt blieben. Ein Beleg für den Stellenwert solcher Frauen, der erst im 19. Jahrhundert in Vergessenheit geriet.

 

Margret Zeerleder-Lutz (1674–1750)

Nach ihrem persönlichen Erweckungserlebnis wurde ihr Haus ein Treffpunkt religiöser Nonkonformisten in Bern. Sie stand mit berühmten Pietisten ihrer Zeit in Kontakt, etwa mit Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. In ihrer Autobiografie «Glückselige Freyheit» erläuterte sie ihre Frömmigkeit und ihre Glaubenserfahrungen.

 

Clara Ragaz (1874–1957)

Clara Ragaz | Bild: (Ausschnitt) Schweizerisches Sozialarchiv/F 5160-Fb-116

Als Lehrerin engagierte sich die BĂĽndnerin fĂĽr Arbeiterinnen im ZĂĽrcher Quartier Aussersihl und unterrichtete an der Sozialschule fĂĽr Frauen. Als Pazifistin und Feministin verband sie christliche Ethik mit dem Einsatz fĂĽr Frauenstimmrecht und sozialen Frieden.

 

Elise Pfister (1886–1944)

Elise Pfister | Bild: Wikipedia, gemeinfrei

Wurde 1918 zusammen mit Rosa Gutknecht als eine der ersten beiden Frauen der Schweiz ordiniert, ein europaweites Novum. Weil das Bundesgericht 1921 der Zulassung von Frauen zum vollen Pfarramt die Zustimmung verweigerte, blieb sie zeitlebens «Pfarrhelferin» am Zürcher Neumünster – mit denselben Aufgaben wie ihre männlichen Kollegen.

 

Gertrud Kurz (1890–1972)

Gertrud Kurz | Bild: (Ausschnitt) Wikipedia/ CC0

«Mutter der Flüchtlinge» aus Lutzenberg AR. Als Präsidentin der Kreuzritter-Bewegung baute sie ab 1938 die Flüchtlingshilfe auf, aus der 1947 der Christliche Friedensdienst (CFD) wurde. 1958 erhielt sie als erste Frau die theologische Ehrendoktorwürde der Universität Zürich.

 

Greti Caprez-Roffler (1906–1994)

Greti Caprez-Roffler | Bild: (Ausschnitt) Wikipedia, gemeinfrei

Bekannt als die «illegale Pfarrerin». 1931 wählte das Bergdorf Furna GR die 25-Jährige gegen den Widerstand der Bündner Kirche zur Pfarrerin – eine der ersten Gemeindepfarrerinnen Europas. Offiziell ordiniert wurde sie erst 1963 im Grossmünster Zürich. Bündner Pfarrerinnen liess der Kanton gar erst 1965 zu.

 

 

Marga Bührig (1915–2002)

Marga BĂĽhrig | Bild: (Ausschnitt) Schweizerisches Sozialarchiv/Claude Giger/F 5156-P-0121-09

Gründete 1945 das reformierte Studentinnenhaus Zürich und 1947 den Evangelischen Frauenbund der Schweiz. Als Leiterin des Tagungszentrums Boldern (1971–1981) und im Präsidium des Ökumenischen Rates der Kirchen (1983–1991) prägte sie die feministische Theologie der Schweiz massgeblich.

 

Die Theologinnen der 60er-Jahre

Leni Altwegg | Bild: (Ausschnitt) Schweizerisches Sozialarchiv/Robert Zumbrunn/F Fb-0020-32

Nach jahrzehntelangem, kantonal höchst unterschiedlichem Ringen setzte sich in den 1960er-Jahren in mehreren Kantonen das volle Frauenpfarramt durch. In Zürich wurden 1963 zwölf Theologinnen ordiniert, die Presse taufte sie die «zwölf Apostelinnen». Leni Altwegg, 1964 in Bülach ordiniert, steht stellvertretend für diese Generation der 60er. Erst 1969 war der Prozess in allen Kantonalkirchen abgeschlossen.

 

Sylvia Michel (1935–2025)

Sylvia Michel | Bild: (Ausschnitt) zvg

1964 ordiniert, führte sie als eine der ersten Frauen der Schweiz offiziell ein eigenes Pfarramt. 1980 wurde sie Aargauer Kirchenratspräsidentin. Damit war sie europaweit die erste Frau an der Spitze einer Kirche.

 

Hanna Sahlfeld-Singer (1943–2025)

Hanna Sahlfeld-Singer | Bild: (Ausschnitt) Wikipedia/ETH-Bibliothek/CC BY-SA 4.0

Pfarrerin in Altstätten SG. 1971 zog sie als eine der ersten elf Frauen in den Nationalrat ein, musste dafür aber ihre kirchliche Anstellung definitiv aufgeben. Ein Verfassungsartikel verbot Geistlichen das Parlamentsmandat. Er wurde erst 1999 aufgehoben.

 

Doris Strahm (geb. 1953)

Doris Strahm | Bild: (Ausschnitt) www.doris-strahm.ch

Studierte evangelische und katholische Theologie. Hielt 1985/86 an der Uni Bern die erste Schweizer Lehrveranstaltung zu feministischer Theologie. Mit ihrer Schwester Silvia Strahm Bernet gründete sie 1983 die Zeitschrift FAMA und die IG Feministische Theologinnen. 2024 erhielten beide den Herbert-Haag-Preis als «Pionierinnen der feministischen Theologie in der Schweiz».

 

Rita Famos (geb. 1966)

Die gebürtige Berner Oberländerin ist seit 2021 als erste Frau Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Sie führte gemeinsame Schutzstandards gegen Machtmissbrauch für alle Mitgliedskirchen ein und setzt sich für paritätische Führung ein. Seit 2024 präsidiert sie zusätzlich die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).

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