Stiftung Felsentor

Mögen alle Wesen glücklich sein

von Anna Schindler
min
01.08.2026
Schwester Theresia wirkte von 2002 bis 2022 für die Stiftung Felsentor über dem Vierwaldstättersee. Diese wurde 1999 vom Zen-Priester Vanja Palmers und dem Benediktinermönch Bruder David Steindl-Rast ins Leben gerufen. Die Magnet-Redaktorin traf sich mit Schwester Theresia zum Interview.

Schwester Theresia, Sie leben in einer Hunde-WG. Wie muss ich mir das vorstellen?
Momentan lebe ich mit sechs Hunden zusammen. Meine Hospizhunde, die ich aufgenommen habe, sind schon sehr krank und haben nur eine kurze Lebenszeit zu erwarten. In der letzten Zeit sind zwei gestorben und jetzt muss sich das Rudel wieder neu zusammenfinden. Die spüren, wenn einer gegangen ist. Ich werde jetzt wieder neue Hospizhunde aufnehmen.

Die Tiere – hatten sie einen Einfluss auf ihre Entscheidung, Franziskanerin zu werden?
Ja, natürlich. Das ist meine Herzensausrichtung. Die Tiere haben grossen Einfluss gehabt auf meine Entscheidung. Schon in jungen Jahren habe ich mich sehr interessiert für die verschiedenen Orden und ihre Spiritualität. Als ich die Bilder von Franz von Assisi sah, mit ausgebreiteten Armen ausgerichtet auf Gott und Christus und um ihn herum die Tiere, Bruder Wolf und Schwester Lerche, wie er sie nannte, da habe ich eine tiefe Resonanz gespürt.

Als Sie Franziskanerin wurden, gab es da schon den Wunsch, sich um Tiere zu kümmern?
Das hätte ich mir von Anfang an gewünscht. Weil mir bewusst war, wie die Tiere in der Landwirtschaft des Menschen leiden. Doch die Ausrichtung des Heiligen Franziskus auf soziale Aufgaben ist ebenfalls grossgeschrieben. Für die Armen, Benachteiligten und Notleidenden da zu sein, wurde und wird in unserem Orden mit sehr grossem Engagement umgesetzt. Auch ich durfte verschiedenen sozialen Aufgaben nachgehen. Zuletzt war ich in der Drogenszene von Innsbruck tätig. Bereits in der Zeit mit den Drogen gebrauchenden Menschen, habe ich mich um deren Tiere gekümmert, wenn sie ins Gefängnis mussten. Die hatten Ratten, Meerschweinchen und Hunde.

Wie ist es gekommen, dass Sie doch noch dem Ruf der Tiere folgen konnten?
Nach zwei Herzinfarkten habe ich von der Mutter Oberin die Zusage bekommen, etwas anderes probieren zu dürfen. Da ist mir Vanja Palmers eingefallen, der das Felsentor mit der Tierschutzstelle gründen wollte. Ja, das war eine Fügung, fast ein Wunder, durfte ich diese Aufgabe übernehmen.

 

Vanja Palmers ist buddhistischer Zen-Priester, auch Sie praktizieren Zen. Weist das Leben als Franziskanerin Parallelen zur buddhistischen Lebensweise auf?
Ja, unbedingt. In der Tiefe ähneln sich die beiden Religionen. Sowohl Shakyamuni Buddha als auch der Heilige Franziskus stammten aus wohlhabenden Familien, waren behütet und der ganze Stolz ihrer Eltern. Es war für sie geplant, Grosses zu erreichen. Sowohl Franziskus als auch Buddha haben früh erkannt, dass das nicht ihr Weg war. Durch den Kontakt mit armen Menschen und leidvollen Situationen haben sie viel Mitgefühl entwickelt. Beide haben ihr Zuhause verlassen, arm gelebt und waren obdachlos und mit Bettelschalen unterwegs.

Der geschwisterliche Umgang mit Tieren gehört auch dazu. Da war ich immer ein bunter Hund, weil mir das so wichtig war. Es ist eine Realität, dass Tiere genauso fühlen wie wir, dass sie wie wir Menschen Leiden, Schmerz und Stress vermeiden wollen. Nur können die Tiere das nicht in Worten ausdrücken. In der franziskanischen Spiritualität ist die Geschwisterlichkeit mit den Tieren ein Kernanliegen. Vor 800 Jahre war diese Ansicht revolutionär. Das entsprach nicht der Ausrichtung der damaligen Zeit. Und wenn wir ganz ehrlich sind, sind wir heute immer noch nicht weiter. Ich freue mich, dass Tierschutzorganisationen den Begriff Speziesismus in die breite Öffentlichkeit gebracht haben. Es geht darum, die Moral zu hinterfragen, dass die Interessen von Tieren systematisch zugunsten der menschlichen Spezies zurückgestellt werden. Es ist wichtig, da dranzubleiben. Und ich werde mich bis zum letzten Atemzug für diese Angelegenheiten einsetzen.

Kühe, Hühner und Schweine gelten in der Schweiz als Nutztiere. Sie werden gemolken, legen Eier, werden geschlachtet und gegessen. Sie haben deutlich weniger Rechte als Hunde oder Katzen, zu denen wir eine Beziehung aufbauen. Wie geht das zusammen?
Das ist eben diese Diskrepanz. Ich habe immer gedacht, wer mit einem Tier lebt und dem in die Augen schaut, würde das erkennen. Aber es ist offenbar nicht ausweitbar. Vom Hund aufs Schwein zum Beispiel. Genau da setzt die Tierschutzstelle am Felsentor an. Da ja auch viele Kinder hierherkommen, reden wir nicht über die Grausamkeiten im Umgang mit Nutztieren. Aber alle sehen, wie Tiere artgerecht und frei leben. Sie bringen ihre Botschaft selber rüber. Zum Beispiel unser Eberschwein Anton. Er hatte eine so herzliche Ausstrahlung. Die Menschen haben sein Wesen gesehen. Einmal waren Leute da, die haben mich am Anfang ein bisschen auf die Schaufel genommen und gefragt, wann es denn Würstchen von Anton gebe. Doch als sie wieder weg waren, haben sie einen Brief geschrieben. Nachdem sie Anton in die Augen geschaut haben, haben sie ihre Ernährungsgewohnheiten geändert. Die Tiere vermitteln durch ihre Ausstrahlung viel mehr als moralisches Reden. Da versperren sich Leute ganz schnell oder fühlen sich angegriffen.

Was können wir von den Tieren lernen?
Ganz, ganz wichtige Dinge. Für mich sind die Tiere ganz grosse Lehrer*innen. Sie sind im Augenblick anwesend und äusserst präsent. Wir Menschen sind immer mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt. Das Leben findet im Augenblick statt, die Gegenwart ist die Quelle. Deswegen sind Tiere so authentisch. Meine rumänischen Hunde können das. Die haben noch Gewehrkugeln im Rücken, sind geschlagen und eigesperrt worden. Und trotzdem schaffen sie es, wieder auf den Menschen zuzugehen. Das ist unglaublich. Wenn die Menschen diese Fülle der Gegenwart den Tieren abschauen könnten, das wäre viel wert. Da sind wir auch beim Motto des Felsentors angekommen: Mögen alle Wesen glücklich sein. Das ist religionsübergreifend. Es berührt alle existenziell. Es ist ein interreligiöser Dialog auf allen Ebenen.

Stiftung Felsentor

Das spirituelle Zentrum über dem Vierwaldstättersee ist eine Stätte der Begegnung mit Menschen, Tieren, der Natur, sich selbst und letztlich mit dem grossen Geheimnis, welches viele und keinen Namen hat. Schwester Theresia baute die Tierschutzstelle Felsentor auf und lebte dort mit den Tieren bis im Jahr 2022. Heute wird die Tierschutzstelle von Jessica Antusch geleitet. Schwester Theresia lebt ganz in der Nähe, zusammen mit traumatisierten Hunden aus Rumänien.

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