Die Schnecke und ich

von Lars Syring
min
01.08.2026
Unser Redaktionsmitglied sitzt auf einer Bank, die Füsse im Sand. «In loving memory» in liebevoller Erinnerung, steht auf einer kleinen Plakette. Es ist der Lieblingsplatz eines Verstorbenen. Es ist auch der Lieblingsplatz des Autors geworden. Seine Meditationsbank am Meer.

Vor mir die Weite des Atlantiks. Das nächste Festland auf der anderen Seite ist Neufundland, ziemlich weit weg. Die Bank steht auf Iona, der kleinen Insel, die zu den schottischen Hebriden gehört. Eine Tagesreise von Glasgow entfernt.

«Iona is a thin place», heisst es. Iona ist ein Ort, an dem nur ein dünnes Tüchlein die materielle von der geistigen Welt trennt. Ich hatte bei den Reisevorbereitungen davon gelesen, konnte mir aber nicht vorstellen, was das bedeutet. Erst nachdem ich angekommen war und die ersten Spaziergänge auf der Insel gemacht hatte, wurde es mir klarer.

Der Herzschlag Gottes

In der Abbey finden täglich Morgen- und Abendgebete statt. Die Texte dafür hat die Iona Community zusammengestellt, die die Abbey und das Programm verantwortet. Mich hat das sehr inspiriert und ich habe eine neue Sprache für meinen Glauben entdeckt. Die Frömmigkeit dort ist ganz unmittelbar. Im Alltäglichen finde ich Gott.

Natürlich ist mir Gott auf Iona nicht näher als an anderen Orten auf dieser Welt. Aber ich bin auf Iona empfangsbereiter für Gott. Mir geht es dann wie Jakob, der auf der Flucht in Bethel feststellte: «Fürwahr, Gott ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.» Auf Iona hat sich mir das «Tor des Himmels» geöffnet. Wenn die Wellen an den Strand klatschen, höre ich den Herzschlag Gottes. Und im Wind spüre ich seinen Atem, der die Welt durchweht. Dann wird der Strand für mich zu diesem durchlässigen Ort.

Das grosse Buch der Schöpfung

Inzwischen kann ich gut nachvollziehen, was bei den Christenmenschen auf Iona selbstverständlich ist: Gott spricht zu uns durch zwei Bücher. Da ist das kleine Buch, die Bibel. Dort haben Menschen ihre Erfahrungen mit Gott aufgeschrieben. Und dann ist da das grosse Buch der Schöpfung, die Natur. Und wenn wir etwas über Gott wissen wollen, dann tun wir gut daran, in beiden Büchern zu lesen. Beide sprechen aus dem Herzen Gottes.

Der Gedanke der zwei Bücher macht die Bibel nicht kleiner. Im Gegenteil. Sie gibt ja selbst Hinweise, dass wir in der Natur suchen sollen. Sie erzählt nicht nur von der Schöpfung der Welt. Von dem «sehr guten» Werk, wie Gott selbst fand, als er sich am 7. Tag ausruhte.

Im Buch der Weisheit heisst es: «An der Grösse und Schönheit der Schöpfung wird der Schöpfer wie in einem Bild erkannt.» Und Paulus weiss: «Gott hat es den Menschen vor Augen geführt. Denn sein unsichtbares Wesen ist seit der Erschaffung derWelt erkennbar geworden. – Und zwar an dem, was er geschaffen hat.»

Columbans Worte

Columban, der im 6. Jahrhundert das Kloster auf Iona gegründet hat, sass gerne auf einem kleinen Hügel vor der Kirche. Dort hat er gebetet. Direkter Blick auf das Meer. So kam er zu diesen Worten:

«Gott, du bist meine Insel. In deinem Schoß bin ich geborgen. Du bist die Ruhe im Sturm. In diesem Frieden kann ich ruhen. Du bist in den Wellen, die auf die Küste rollen und die Steine zum Glitzern bringen. Dieses Meeresrauschen ist meine Hymne. Du bist das Lied der Vögel. Ihre Melodie singe ich. Du bist die See, die gewaltig auf den Felsen prallt. Ich preise dich in deiner Kraft. Du bist der Ozean, der mein Wesen wie das Wasser umspielt. In dir verweile ich.»

Langsam tauche ich aus meiner Meditation auf. Neben mir auf der Bank ist eine Schnecke zu Besuch gekommen. Neugierig streckt sie ihre Fühler aus. Gott ist in dir und in mir, denke ich. Friedlich bleiben wir noch eine Weile beieinander. Dann trennen sich unsere Wege. Die Verbundenheit bleibt.

 

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