Der Schöpfungsheilige
Als Kind fiel mir ein Büchlein des Manesse-Verlags aus der Hausbibliothek meiner Eltern in die Hand. Es heisst «Franz von Assisi - Legenden und Laude». Das dünn bedruckte Büchlein trägt auf vielen Seiten Lebensgeschichte, Legenden und Lob zusammen. Ich las es und habe es bis heute behalten.
Ich erinnere mich an eine Erzählung, in der die Rosen ihre Stacheln verloren, als er sich in sie werfen wollte, um sich selbst zu strafen, denn er sah sich selbst als Büssender. Dies gehörte zu den üblichen Busspraxen.
Die Rosen, welche auf ihn zurückgehen sollen, sah ich auf einer Reise nach Assisi als Teenie zusammen mit meinen Eltern, was mir eher suspekt erschien. Sie befinden sich im Rosengarten der Kirche Santa Maria degli Angeli, eine unscheinbare rosafarbene Hundsrose, als Einzige der Gattung dornenlos. Doch immerhin, KI sagt mir heute, dass dies bis heute der einzige Ort ist, an dem sie wächst. Auch eine Verpflanzung soll nicht funktionieren. Dennoch fand ich damals die Führung durch die mit viel himmlischem Blau ausgestattete Kirche mit ihren Fresken viel eindrücklicher.
Obiges Beispiel zeigt: Legenden sind ausgeschmückte Heiligengeschichten. Doch wenn etwas als Legende bezeichnet wird, heisst das nicht, dass alles reine Phantasie ohne jeden historischen Kern ist. Natürlich wurden die Erzählungen über die Heiligen angereichert, ausgeschmückt und mit Wundern versehen. Doch oft bleibt auch etwas Unerklärliches. Warum wachsen weltweit nur an diesem Ort dornenlose Hundsrosen, Franziskus zu Ehren rosa canina assisiensis genannt?
Werdegang
Die Geschichte des Franziskus enthält viele Zutaten, die einen Heiligen ausmachen. Er wurde als Sohn eines reichen Tuchfabrikanten 1182 in Assisi geboren und führte das luxuriöse Leben eines reichen jungen Mannes, der bereits mit 14 Jahren in das Geschäft seines Vaters eintrat. Zur damaligen Zeit galt man in diesem Alter als erwachsen.
1202 zog er in den Kampf gegen die benachbarte Stadt Perugia und geriet in Gefangenschaft. Die Städte gehörten unterschiedlichen Machtbereichen der Staufer und Welfen an. Erst 1204 kam er durch eine Lösegeldzahlung seines Vaters wieder frei, krank und zutiefst erschüttert. Aus war es mit seinem Jugendwunsch, Ritter zu werden. Im Traum soll Gott ihm gesagt haben, er solle ihm geistlich dienen. Er zog sich in die Einsamkeit zurück, und unternahm dann eine Wallfahrt nach Rom. Dort soll er sein gutes und reichhaltiges Gewand mit dem schäbigen Kleid eines Bettlers getauscht haben. Als er jedoch immer freigebiger mit dem Gut seines Vaters umging und Almosen verteilte, geriet er mit ihm in Konflikt. Da verzichtete er auf sein Erbe und zog als Bettelmönch umher, zuerst nur mit ganz wenigen Gefährten. Freiwillige Armut war dabei oberstes Gebot.
Im Traum soll Christus ihm gesagt haben, er solle seine Kirche wieder aufbauen, weil sie in schlechtem Zustand sei. Dies verstand er zuerst wörtlich und baute eigenhändig drei kleine Kirchen wieder auf.
Seine Bewegung wurde als eigener Orden anerkannt, der Franziskanerorden war geboren. Seine Gefährtin Clara von Assisi gründete ebenfalls einen Orden für Frauen – die Klarissinnen.
1226 starb er und wurde in Assisi beigesetzt. Er galt schon zu Lebzeiten als Heiliger.
Der Schöpfungsheilige
Doch wie kam es, dass Franziskus zum Schöpfungsheiligen wurde und nicht zum Armutsheiligen?
Seinen Lebensstil der freiwilligen Armut verstand umfassend als nicht ausbeuterisch – das wäre ein erster Grund. Ein weiterer Grund ist seine Auffassung, dass Gottes Schöpfung gut sei, dass das Materielle nicht im Gegensatz zum Geistigen stehe. Das überrascht vielleicht, wenn man an seine Busspraxis denkt, doch er war darin nicht extrem und weltverneinend. Seinen Körper nannte er immerhin Bruder Esel, also ein Bruder, aber eben ein wenig störrisch. Und gerade die Legende von den Rosen ohne Dornen zeigt, dass sich die Schöpfung sogar für ihn und sein Wohlbefinden verbündet.
Von ihm wird auch erzählt, dass er immer wieder in eine Art ekstatische Verzückung fiel, und dass er dann erfüllt war von Frieden und Liebe für Mensch und Natur
Sein Sonnengesang, in welchem er die Gestirne, die Elemente, Mutter Erde und die Friedensstiftenden besingt, ist dafür ein beredtes Zeugnis. Er erinnert an die Seligpreisungen am Anfang der Bergpredigt an (Mt 5, 3-12). Wir haben ihn in drei Versionen in unserem Gesangbuch: 526, 527, 529.
Sein Wunsch nach Frieden bezieht sich sowohl auf Frieden unter den Menschen als auch auf den Frieden mit der Schöpfung.
Und das ist der letzte Grund, weswegen Franziskus zum Schöpfungsheiligen wurde, er lebte diesen Frieden auch. Meine Lieblingslegende ist diejenige, in der er einen Wolf befriedet.
Franziskus und der Wolf
Im Dorf Gubbio gab es einen Wolf, der das ganze Dorf in Angst und Schrecken versetzte. Er begnügte sich nicht etwa mit Schafen und Ziegen, nein, er hatte es auch auf Menschen abgesehen. Das versetzte alle in Angst und Schrecken und man wagte sich nicht mehr aus den Mauern des Dorfes heraus. Als Franziskus predigend nach Gubbio kam, bestürmten sie ihn sofort, er solle ihnen helfen und sie beschützen. Trotz der Angst der Dorfbewohner beschloss Franziskus nach einem Gebet, mit dem Wolf zu reden und zog am nächsten Tag in den Wald. Als er diesen erblickte, ging dieser drohend mit offenem Rachen auf Franziskus zu. Doch der schaute ihn ruhig an, schlug das Kreuzzeichen und sprach ihn als Bruder an. Der Wolf hielt inne, liess sich von Franziskus herbeirufen und legte sich sanft wie ein Lamm zu dessen Füssen. Franziskus redete ihm ins Gewissen und sagte ihm, dass doch alle Geschöpfe Geschwister sind und der Mensch ein Ebenbild Gottes. Franziskus benannte aber auch den Hunger des Wolfes und sagte ihm, er wolle Frieden stiften zwischen ihm und den Dorfbewohnern, diese sollten künftig dafür sorgen, dass er keinen Hunger mehr leiden müsse. Und so kam es. Abwechslungsweise sorgen die Dorfbewohner für sein Fressen, und als er zwei Jahre später an Altersschwäche stirbt, trauerte das ganze Dorf um ihn.
Dieser Friede zwischen Mensch und dem Raubtier Wolf hat in der Schweiz gerade eine gewisse Aktualität. Wolfbefürworter und Wolfgegner bräuchten wohl auch einen Franziskus, der zwischen ihnen vermitteln könnte. Natürlich darf man Wölfe nicht wie in der Legende anfüttern.
Doch als Gleichnis für den Frieden taugt diese Geschichte sehr gut. Friede zwischen Mensch und Tier wird erreicht durch Geschwisterlichkeit. Darüber hinaus mit Mut, Offenheit, Gewaltfreiheit und der Bereitschaft, gut zuzuhören und sich in den andern hineinzuversetzen.
Feindschaft und Aggression werden überwunden durch Verständnis und Sorge füreinander. Das kann man durchaus auch auf Konflikte mit Menschen übertragen.
Der Schöpfungsheilige