500 Jahre Reformation im Appenzellerland

"Da verbinden sich Himmel und Erde..."

von Hajes Wagner, Mitglied Projektkommission
min
01.04.2024
Mitten im Alltag dem Himmel etwas näherkommen. Erleben Sie Kirche einmal anders: Auf den Türmen, in den Türmen und um die Türme herum. Die reformierten Kirchtürme stehen ganz im Zentrum des Jubiläumsjahrs.

Als damals in Babel ein Turm bis an den Himmel gebaut werden sollte, hatte Gott bekanntlich keine Freude (Genesis 11,1-9). Der Turmbau von Babel steht f├╝r die Selbst├╝bersch├Ątzung und den Gr├Âssenwahn der Menschen. Auch christliche Kircht├╝rme und ihre Gel├Ąute haben als Machtsymbole und Herrschaftszeichen eine schwierige Vergangenheit.Christentum geht ganz gut auch ohne T├╝rme und Glocken. Die ersten christlichen Kircht├╝rme wurden ab dem 6. Jahrhundert gebaut. Erst im 11. Jahrhundert wurden Kircht├╝rme zum Normalfall. Christliche Kircht├╝rme waren dabei nicht unumstritten: Zisterzienser, Dominikaner und Franziskaner untersagten das Errichten von T├╝rmen bei ihren Kl├Âstern.

 

Neu reformieren vom Himmel her

Und trotzdem ÔÇô die Reformierten feiern im Appenzellerland ihr 500-j├Ąhriges Jubil├Ąum, indem sie ihre Kircht├╝rme bespielen. Nicht ohne Grund: Unsere T├╝rme sind weitherum sicht- und h├Ârbare Zeichen f├╝r den Glauben. Sie weisen den Menschen ├╝ber sich selber hinaus. Sie verbinden Himmel und Erde. Sie sind Wegmarken f├╝r die unsichtbare Welt und Aussichtspunkte f├╝r den Weitblick auf die Sch├Âpfung. Sie strukturieren mit ihrem Stundenschlag und ihren Uhren unsere begrenzte Lebenszeit. Ihr Gel├Ąut ruft zum Feiern und zum Gebet, zum H├Âren auf das Wort Gottes, zum Innehalten im Alltag; es begleitet den Segen f├╝r den Eheschluss und die Taufe genauso wie die traurigen Stunden des Abschieds. Die Kircht├╝rme zeigen: Wir k├Ânnen uns auf unserem Lebensweg immer wieder von neuem nach der Botschaft des Himmels ausstrecken.

 

T├╝rme sind keine Denkm├Ąler

Sicher kennen Sie gotische Kircht├╝rme, die aussehen, wie wenn sie nicht ganz fertig gebaut w├Ąren, weil ihnen die Spitze oder der Helm fehlt wie beispielsweise bei der Kathedrale von Fribourg. Bei diesen T├╝rmen hat nicht die Baustatik, sondern die Theologie die Architektur bestimmt. Solche T├╝rme sind ein Symbol daf├╝r, dass das Menschenmachwerk nicht das Letzte ist: Die Gebete sollen frei zu Gott aufsteigen. Die Gottesbeziehung soll die menschengemachte Architektur ├╝berragen. Das Tun der Menschen muss offen bleiben f├╝r den Himmel.

Und in diese Richtung weisen unsere Kircht├╝rme bis heute: Sie sind keine Denkm├Ąler. Sie sind Wegweiser zu einem Glauben, der sich an himmlischen Werten orientiert. Kircht├╝rme ┬źerden┬╗ den Himmel und sie ┬źhimmeln┬╗ die Erde. Es gibt H├Âheres als die Kirchenordnung. Der himmlische Geist soll unsere Kirche so freudevoll erneuern, dass Menschen auch heute noch zur Freiheit im Glauben angestiftet werden.┬á

Türme ohne Helm zeigen: Die Gottesbeziehung soll die menschengemachte Architektur überragen. Kathedrale von Fribourg. | Quelle: unsplash.com

Türme ohne Helm zeigen: Die Gottesbeziehung soll die menschengemachte Architektur überragen. Kathedrale von Fribourg. | Quelle: unsplash.com

Ein buntes Festprogramm

Mit Ausnahme von Appenzell gibt es rund um alle 19 reformierten T├╝rme im Appenzellerland ein buntes Festprogramm. Von der Lichtinstallation in Rehetobel bis zum Abseilen von den T├╝rmen in Sch├Ânengrund und B├╝hler, von musikalischen Turmbespielungen in Reute, Teufen, Waldstatt, Grub, Rehetobel, Walzenhausen und Trogen, bis zur Ch├╝gelibahn im Turm von Heiden, wartet eine breite Palette an Angeboten. Durch verschiedene Fachvortr├Ąge und Ausstellungen soll ein breites Publikum auf die T├╝rme und in die Kirchen gelockt werden. An verschiedenen Orten werden die Jubil├Ąumsfeiern zus├Ątzlich mit Familienfeiern, Festgottesdiensten und einem gemeinschaftlichen Essen begangen.

 

Hereinspaziert und herzlich willkommen!

 

Den ├ťbersichtsflyer ├╝ber das Jubil├Ąumsprogramm finden Sie auf: www.ref-arai.ch

Unsere Empfehlungen

Wie heissen sie, die im Meer ertrinken?

Wie heissen sie, die im Meer ertrinken?

Wie in neun weiteren Städten der Schweiz findet in St.Gallen die Flüchtlings-Gedenkaktion «Beim Namen nennen» statt. Am kommenden Wochenende vom 8. und 9. Juni werden die Namen und die Todesursache von Flüchtenden genannt und ihre Namen aufgehängt. An der Aktion, die in und um die ...
Wenn geistliche Macht zu Machtmissbrauch führt

Wenn geistliche Macht zu Machtmissbrauch führt

Die Studie über sexuellen Missbrauch in der Evangelischen Kirche in Deutschland hat die reformierten Kirchen erschüttert. Ende Mai beschäftigten sich Kirchenvertreter und Expertinnen mit der Frage, was die Ergebnisse der deutschen Studie auch für die Schweiz bedeuten.