«Widerspruch ist auch eine Form von Ernstnehmen»
Lukas Pellio steht am Spremberger Tor, einem Wahrzeichen der Stadt Cottbus. Oft wird der Mann mit der markanten Frisur und dem pinken Schal von Leuten angesprochen. Der evangelische Studentenpfarrer führt in die unweit gelegene alte Schlosskirchpassage. Hier bezog er mit «Losmachen» Raum. Den Verein hatte er zusammen mit Mitstreitenden 2024 gegründet, um die Zivilgesellschaft zu stärken – gefördert von der Evangelischen Kirche Deutschlands.
Cottbus liegt im Süden Brandenburgs, nahe der polnischen Grenze. Doch was sich dort und in den benachbarten Bundesländern politisch abspielt, betrifft auch Pellios Alltag als Pfarrer: Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wählten diesen September neue Landtage – mit Rekordergebnissen für die AfD. Auch in Brandenburg selbst lag die Partei in Umfragen zuletzt bei 34 bis 37 Prozent.
Lukas Pellio, am 6. September wurde die AfD in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent der Stimmen mit Abstand die stärkste Kraft, am 20. September auch in Mecklenburg-Vorpommern. Was bedeutet das für Ihre tägliche Arbeit als Pfarrer?
Das kann reale Konsequenzen für mich haben. Was heisst es, wenn Leute kirchliche Angebote und Beratungsangebote nicht mehr in Anspruch nehmen können, weil diesen Einrichtungen die Kürzung oder gar die Streichung droht? Auch viele Kulturangebote sind akut bedroht. Gewalt gegen politisch Andersdenkende hat stark zugenommen. Manche können sich jetzt zu Gewalttaten ermutigt fühlen, weil sie denken: Jetzt haben wir den Volkswillen hinter uns.
Zum Beispiel eingeschlagene Scheiben, so wie beim Club «Rosa», an dem wir gerade vorbeigelaufen sind?
Genau! Hier befindet sich ein kleiner Umsonstladen. Es finden Veranstaltungen und Partys statt. Hier engagieren sich Leute, für die es wichtig ist, dass es diesen Ort gibt. Nach diesen Wahlen kommt für viele Leute womöglich der Punkt, an dem sie sich sagen: Jetzt reicht es mir. Ich ziehe weg. Das sind Leute, die eine Stadt mitgestalten und sie auch lebens- und liebenswert machen. Das macht mir grosse Sorgen.

Lukas Pellio ist evangelischer Pfarrer. Er wurde 1986 in Rheinland-Pfalz geboren und studierte Theologie in Marburg, Groningen und Berlin. Von 2020 bis 2024 war er Gemeindepfarrer in Spremberg, wo er das Bündnis «Unteilbar Spremberg» mit aufbaute. Seit 2023 ist er Seelsorger der evangelischen Studierendengemeinde in Cottbus, seit 2025 Sprecher der Initiative «Sichere Orte Südbrandenburg».
Die AfD machte einen Strassenwahlkampf im Stile des Kultfilmes «Mad Max» mit alten Simsons (DDR-Mofas). Das kam cool rüber. Wo sehen Sie die wichtigsten Gründe für diesen Wahlerfolg?
Die AfD konnte in den letzten Jahren das Wutbürgertum der Leute erfolgreich auf die Strasse bringen. Das Land, speziell Sachsen-Anhalt, ist in einer schlechten Verfassung. Ich merke das ja auch an mir selbst. Ich bin auch auf viele Sachen in unserem Land wütend. Ich bin beispielsweise wütend darüber, dass das Vermögen extrem ungleich verteilt ist. Zudem erleben wir gerade einen starken Sozialabbau.
Wir glauben an ein Leben in Fülle. An Liebe, die, wenn man sie teilt, mehr wird.
Die AfD verspricht ein anderes, ein besseres Deutschland.
Im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt hat man gut gesehen, dass diese Partei ein anderes Lebensgefühl vermittelt: nicht mehr nur dieses destruktive Gefühl im Stil von «Ich will alles brennen sehen», sondern Hoffnung – der Glaube, dass mit ihr eine neue, andere Zukunft möglich ist. Das ist neu für die AfD: dass sie diese Wut mit einer Hoffnungserzählung kombiniert. So verströmt sie viel positiven Drive. Das, was jetzt passiert, ist sehr gefährlich.
Warum ist die Hoffnungserzählung gefährlich?
Das Angebot der AfD an die weisse, deutsche Mehrheitsgesellschaft ist: Wir werten dich auf, indem wir andere abwerten – also vor allem Migrantinnen und queere Menschen. Das ist eine Idee von Gesellschaft als Nullsummenspiel. Was der eine gewinnt, muss die andere verlieren. Es ist eine Vorstellung von Gesellschaft, die Menschen gegeneinander aufhetzt und unserem christlichen Glauben diametral entgegensteht. Wir glauben an ein Leben in Fülle. An Liebe, die, wenn man sie teilt, mehr wird.
Sie sprechen von einer «rechten Normalität» in Teilen Ostdeutschlands. Woran zeigt sich diese im Alltag?
Rechtsextreme Demos haben sich um neue Gruppierungen erweitert. Es ist unglaublich, was auf den Strassen manchmal für ein Mix an Leuten zusammenkommt: Rentner und junge Mütter laufen mit ihren Kindern neben Baseball-Schläger-Typen mit. Spreche ich sie dann darauf an, kommen Antworten wie: Das war doch keine Nazi-Demo! Fakt ist: Auch Leute, die nicht so aussehen, können rechtsextreme Positionen vertreten.
Eingeschlagene Scheiben am Club «Rosa» in Cottbus. Lukas Pellio befürchtet, dass engagierte Menschen nach den Wahlen wegziehen könnten. | Foto: Vera Rüttimann
In den vergangenen Monaten gab es in Cottbus wiederholt rechtsextreme Gewalttaten. Im Visier stehen vor allem kulturelle Orte, die Offenheit, Vielfalt und alternative Lebensentwürfe thematisieren. Wie erleben Sie die Stimmung aktuell in Cottbus?
Wir erleben eine neue Welle rechtsextremer Gewalt. Sie ist nicht nur intensiver geworden, sondern auch brutaler. Das reicht von Beleidigungen, Markierungen mit Hakenkreuzen von Orten wie der Synagoge in Cottbus bis zu regelmässigen Übergriffen auf offener Strasse. In Cottbus gab es neulich einen Anschlag auf ein linkes Wohnprojekt, die «Zelle 79». Es gab einen grossen Knall mitten in der Nacht. Dann hat eine Bewohnerin das Fenster aufgemacht und gefilmt. Daraufhin hat einer der Täter einen Molotow-Cocktail gezündet und versucht, ihn durch das offene Fenster zu werfen. So was macht mir Angst.
Als Sie noch Pfarrer in Spremberg waren – einer Hochburg Rechtsextremer in der südbrandenburgischen Lausitz –, hissten Sie die Regenbogenfahne an der evangelischen Kirche. Nachts flog ein Molotow-Cocktail gegen den Glockenturm. Kurz darauf wurden Sie auch persönlich bedroht. Wie haben solche Anfeindungen Sie verändert?
Damals hat mich das aus der Bahn geworfen. Ich war monatelang krankgeschrieben. Ich habe darauf gewartet, dass sich Leute mit mir solidarisieren. Mein Bischof und Freunde haben das gemacht. Aber von manchen Leuten kam nichts. Darüber war ich sehr enttäuscht. Ich bin aber auch selbst in der Opferrolle stecken geblieben, bin verstummt. Diese passive Rolle hat mir nicht gutgetan. Ich habe mich selbst zum Schweigen gebracht.
Wie kamen Sie da raus?
Irgendwann habe ich gemerkt: Ich muss wieder ins Handeln kommen. Es ist eine Auferstehungserfahrung, wenn man wieder lebendig wird und ins Handeln kommt.
Gab es einen Moment, in dem Sie ernsthaft überlegt haben, aufzuhören oder wegzuziehen?
Solche Gewalterfahrungen sind Wendepunkte. Da entscheidet sich, ob man gestärkt oder geschwächt aus einer Situation rausgeht. Verwundet ist man auf jeden Fall. Aber auch auf eine Weise, dass man seine Wunde mit Stolz trägt. So ergeht es mir: Ich bleibe nicht in der Opferrolle. Ich habe akzeptiert, dass ich vieles gerade nicht verändern kann. Aber dass sich manchmal mehr verändern kann, als ich zuvor dachte.
Cottbus ist eine Studentenstadt. In seiner ökumenischen Arbeit hat Studentenpfarrer Lukas Pellio nicht nur mit christlichen Studierenden zu tun. | Foto: Vera Rüttimann
Sie engagieren sich im Bündnis «Sichere Orte Südbrandenburg». Was ist das für ein Netzwerk und was machen Sie da konkret?
Das ist ein Solidaritätsnetzwerk für von rechtsextremer Gewalt betroffene soziokulturelle Orte wie Jugendclubs, Hausprojekte, Kulturorte. Wir machen Angriffe öffentlich und unterstützen uns ganz praktisch untereinander, etwa bei Reparaturarbeiten oder dabei, den Alltag nach einem rechten Angriff zu bewältigen. Wir stellen zudem konkrete Forderungen an Politik und Polizei. Neulich haben wir durchgebracht, dass es in Cottbus bald wieder eine Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt geben wird. Ich bin Sprecher unseres Bündnisses, weil die Leute mir sagen: Du als Pfarrer bist besser geschützt. Das ist eine Rolle, die ich mit meiner Kirche im Rücken gut wahrnehmen kann. Ich stelle meinen Dienst gerne Bündnissen und Menschen zur Verfügung, die das verdient haben und die ich damit stärken kann.
Was erleben Sie in dieser Netzwerkarbeit?
In den letzten zwei Jahren bin ich trotz allem zuversichtlich geworden. Das gehört auch zur Stimmung in dieser Stadt. Einerseits ist da dieses schmerzhafte Eingeständnis, dass wir diese rechtsextreme Gewalt gerade nicht verhindern können. Wir können uns jedoch gegenseitig unterstützen und gehen manchmal sogar gestärkt aus solchen Angriffen hervor, weil wir verbundener sind. Überraschenderweise bekommen wir sehr viel Zuspruch. Auch von weit weg.
Woher kommt dieser Zuspruch?
Wir haben zu Spenden aufgerufen. Für zerbrochene Fenster beispielsweise. Und dann kommen sie sogar aus den USA, aus Tschechien und aus Österreich. Dass diese Leute unseren Aufruf wahrgenommen haben und handeln, das hat mich extrem berührt. Zudem haben wir dazu aufgerufen, Postkarten zu schreiben an jene Orte, die von Rechtsextremen angegriffen wurden. Daraufhin erhalte ich einen Brief aus der deutschen Gemeinde in Dublin. Sie schreiben: «Wir haben das mitbekommen, wir denken an euch.»
Die Kirche hat die herausragende Fähigkeit, sehr unterschiedliche Menschen an einem Tisch zusammenzubringen.
Sie sind Studentenpfarrer in Cottbus. Wie sieht Ihre Arbeit dort aus?
Cottbus ist eine Studentenstadt. Etwa 8000 Studierende aus unterschiedlichen Ländern leben hier. In meiner ökumenischen Arbeit habe ich daher nicht nur mit christlichen Studierenden zu tun. Einmal pro Woche trifft sich ein kleiner Chor zu einer Singstunde in unseren Gemeinderäumen. Zudem organisiere ich einen feministischen Bibelbrunch.
Inwiefern ist der Wahlerfolg der AfD eine Chance für die Kirche und für das Gemeindeleben in Ostdeutschland?
Die Kirche hat die herausragende Fähigkeit, sehr unterschiedliche Menschen an einem Tisch zusammenzubringen. Ich erlebe das auch, wenn ich einen Gottesdienst halte. Da kommen manchmal Leute von ausserhalb, die mich aus den Medien kennen und wissen, dass ich gerade predige. Wenn ich sie dann frage, wie der Kirchenbesuch denn war, sagen sie oft: «Richtig krass war ja dieses Kaffeetrinken danach. Da habe ich das erste Mal mit einer Oma geredet, die nicht meine eigene war.» Für sie ist das ein völlig fremdes Gefühl, dass so unterschiedliche Leute zusammenkommen.
Wie reagieren Sie auf Gemeindemitglieder, die offen Sympathien für die AfD äussern?
Bei der Begegnung mit solchen Leuten habe ich einen Lernprozess durchgemacht. Erst ging ich nach dem Muster vor: Komm zu mir als Pfarrer. Ich höre dir zu und verurteile dich nicht. Ich fühlte mich danach jedoch oft unzufrieden, weil ich nicht klarer widersprochen habe. Einmal platzte mir bei einem Disput der Kragen und ich wies einen Mann in die Schranken. Ich fühlte mich danach besser, weil ich mich nicht kleingemacht hatte. Er wiederum nahm mich ernst, denn Widerspruch ist auch eine Form von Ernstnehmen. Das war für mich in der Seelsorge ein wichtiger Lernprozess, weil ich glaube: Leute wollen nicht immer nur Zustimmung erhalten, sondern sie wollen ernst genommen werden.
Dabei sprechen Sie auch über ihr christliches Menschenbild …
Genau. Der Vorteil von Kirche ist, dass wir eine gemeinsame Basis haben, auf die wir uns besinnen können. Wenn in der Gemeinde einer eine AfD-Position vertritt, dann habe ich als Pfarrer die Verpflichtung, ihn darauf hinzuweisen – auch im Sinne der Gemeinde –, dass wir uns nicht an einem beliebigen Ort befinden.
Sehen Sie in der Positionierung gegen die AfD einen status confessionis – einen Bekenntnisnotstand, wie ihn die Bekennende Kirche 1934 in der Barmer Erklärung gegenüber dem Nationalsozialismus formuliert hat?
Kirche, bin ich fest überzeugt, funktioniert heute anders als damals. Gemeindemitglieder, Christinnen und Christen, sind mündiger geworden. Statt Beschlüsse von oben umzusetzen, agieren sie heute von der Basis aus. Sie bekennen ihren Glauben öffentlich, indem sie in einer Gemeinde, wo die AfD besonders stark ist, Flüchtlingsarbeit machen. Das ist für mich ein Bekenntnisausdruck.
Wo erleben Sie Hoffnung, Kreativität und demokratischen Aufbruch in Ihrer Region? Gerade auch in der Kirche in Ostdeutschland?
Wenn ich mir vor Augen führe, wie sich die evangelische und katholische Kirche in Sachsen-Anhalt im Vorfeld des Wahlkampfes mit Veranstaltungen eingebracht haben, dann freut mich das. Auch das «Hoffnungskulturfest», das die Evangelische Landeskirche Anhalts in Dessau-Rosslau kurz vor der Landtagswahl organisiert und damit ein Zeichen für Zusammenhalt und Demokratie gesetzt hat. Wir als Kirche in der Gesellschaft können den Unterschied ausmachen.
Die Autorin
Vera Rüttimann pendelt seit 1990 zwischen Berlin und Zürich. Als Journalistin und Fotografin arbeitet sie für deutsche und Schweizer Medien. Eines ihrer Fachgebiete ist Ostdeutschland. Den Transformationsprozess dort erlebt sie auf ihren Reisen bis heute hautnah mit.
«Widerspruch ist auch eine Form von Ernstnehmen»