Zwischenwahlen in den USA

«Trump sieht sich als Erlöser Amerikas»

von Tilmann Zuber
min
01.11.2026
Warum unterstützen Evangelikale in den USA einen Präsidenten, der so gar nicht dem christlichen Ideal entspricht? Andreas Heuser, Experte für theologische Strömungen im weltweiten Christentum, erklärt, wie die sogenannte Herrschaftstheologie Donald Trump vom «Gesalbten» zum Messias gemacht hat.

Für Christen in Europa ist kaum nachvollziehbar, wie Evangelikale Donald Trump unterstützen können. Er gibt sich sexistisch und stellt seinen Reichtum zur Schau. Ein Franz von Assisi ist er sicher nicht. Trotzdem verehren ihn viele Evangelikale. Was ist da passiert?

Von seinem Lebenswandel her ist Trump tatsächlich kein Kandidat, der für Evangelikale infrage käme. Im Hintergrund steht aus meiner Sicht eine theologische Richtung, die sich in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren in evangelikalen und pfingstlichen Frömmigkeitskulturen, vor allem in den USA, herausgebildet hat: die Theologie der Herrschaft, englisch «Dominion Theology». Sie hat verschiedene Ausprägungen. Doch ihre Deutungsmuster haben dazu geführt, dass Trump sich heute selbst als Erlöserfigur inszenieren kann. Das lässt sich an seinen drei Präsidentschaftskampagnen gut nachzeichnen.

Beginnen wir mit der ersten.

Als Trump 2015 seine Kandidatur ankündigte, galt er keineswegs als kommender Präsident. Evangelikal-charismatisch-pfingstliche Prediger wie Lance Wallnau deuteten Trump schon 2015 als ihren Kandidaten. Man wusste: Dieser Mann gewinnt unsere politische Zustimmung nicht durch seinen Lebenswandel. Also suchte man im Alten Testament eine Begründung und fand sie im Buch Jesaja, Kapitel 44 und 45. Dort wird der Perserkönig Kyros als «Gesalbter des Herrn» bezeichnet – ein Nichtjude, der das Volk Israel aus dem Exil heimkehren liess. Diese Analogie übertrug man auf Trump: Ein Aussenstehender, der nicht nach dem Gesetz lebt, wird adoptiert und als Erwählter Gottes erkannt. Ich spreche von einer Adoptionstheologie. Dazu kam ein Zufall, der als schlagender Beweis galt: Die Stelle steht in Jesaja 45, und Trump kandidierte als der 45. Präsident der USA.

Für Europäer klingt das abstrus. Was genau will die Herrschaftstheologie?

Klassischerweise zogen sich evangelikal-pentekostale Milieus aus der Politik zurück, weil sie als verderbt galt. Die Herrschaftstheologie dagegen ist eine Variante von politischer Theologie des konservativen Lagers. Sie will einen christlichen Nationalismus aufrichten und stützt sich auf eine eigene Gesellschaftsanalyse – nicht von Soziologen übernommen, sondern, so die Behauptung, vom Heiligen Geist eingegeben. Demnach ist jede Gesellschaft in sieben Sphären gegliedert, die «sieben Berge», etwa Familie, Bildung, Medien, Kultur, Wirtschaft und Politik. Diese gilt es zu besetzen, und zwar mit Persönlichkeiten, denen man zutraut, vermeintliche christliche Werte durchzusetzen. Eine Theokratie streben sie ausdrücklich nicht an. Für die politische Sphäre fiel die Wahl auf Trump.

Benutzt Trump das als Machtinstrument, oder fühlt er sich tatsächlich als Messias?

Als Messias erst jetzt. Es ist ein Prozess erkennbar, in dem Trump biblische Fremdzuschreibungen allmählich zu seiner eigenen macht. 2016 wusste er kaum, wie ihm geschah. Im Wahlkampf 2020 intensivierte sich die biblische Deutung. Paula White, seine religiöse Beraterin und Pastorin einer pfingstlichen Megakirche in Florida, prophezeite im November, noch vor dem eigentlichen Urnengang Anfang Dezember 2020: «Victory, victory, victory.» Sie bezog sich damit auf Eingebungen des Heiligen Geistes, die den Wahlsieg Trumps vorzeitig besiegelt hätten. Was als göttliche Vision galt, musste sich bewahrheiten. Daher die spätere Weigerung im Trump-Lager, die Wahlniederlage gegen Joe Biden anzuerkennen. Im Umfeld des Sturms aufs Kapitol am 6. Januar 2021 wurde Trump von Predigern neu gedeutet: nicht mehr als gesalbter Kyros, sondern als unschuldig Leidender, als Hiob. Dieses Hiob-Motiv hat seine nächste Kampagne stark beflügelt.

Und heute?

Erst im jüngsten Wahlkampf greift Trump auf eine biblisch inspirierte Selbstdeutung zu. Es geht nun nicht mehr um eine Fremdzuschreibung von Aussen. Trump greift ins oberste Register und schreibt sich selbst eine messianische Rolle zu. Entscheidend war wohl eine Art Bekehrungserlebnis: das Attentat in Pennsylvania, bei dem ihn eine Kugel am Ohr streifte. In seiner Antrittsrede am 20. Januar 2025 sagte er, Gott habe ihn gerettet, um Amerika wieder gross zu machen. In zehn Jahren sehen wir also eine Steigerung von Fremd- zu Selbstzuschreibung. Sichtbar wurde das auch in einem berühmt gewordenen KI-generierten Bild, das Trump auf seinen sozialen Medien als messiasähnliche Figur zeigte. Dagegen gab es heftigen Protest aus dem eigenen Lager, selbst erzkonservative Politikerinnen distanzierten sich. Trump musste das Bild entfernen. Das MAGA-Lager kriselt, und er weiss, dass er vorsichtiger formulieren muss.

Am 12. April 2026 postete Donald Trump ein KI-generiertes Bild, das ihn als Messias und Heiler zeigt. Es solle ihn als Arzt darstellen, der Menschen gesund mache, erklärte Trump danach. Bild: Executive Office of the President of the United States / Wikipedia

Am 12. April 2026 postete Donald Trump ein KI-generiertes Bild, das ihn als Messias und Heiler zeigt. Es solle ihn als Arzt darstellen, der Menschen gesund mache, erklärte Trump danach. Bild: Executive Office of the President of the United States / Wikipedia


Warum hält das Lager trotzdem zu ihm?

Weil er dessen Agenda bedient: gegen Abtreibung, Homosexualität und Migration, für den Vorrang eines weissen Christentums, für Kreationismus statt Evolutionslehre in den Schulen. Es ist eine doppelte Instrumentalisierung. Trump spielt mit diesem Lager, aber er muss liefern, um dessen enorme Unterstützung zu behalten.

Neben den Evangelikalen gibt es die Katholiken. Mit Papst Leo XIV. hat sich Trump angelegt. Wie stehen sie zu ihm?

Auch die katholische Kirche der USA ist gespalten. Es gibt ein erzkonservatives und ein liberales Lager, zu dem sicher der Papst gehört. Die Zustimmung zu Trump ist bei Katholiken weit geringer als bei Evangelikalen, wo man von rund 80 Prozent ausgeht. Aber Vizepräsident JD Vance kommt aus diesem Lager. Er ist zum Katholizismus konvertiert und hat ein Buch mit dem Titel «Communion» veröffentlicht, das bei uns bisher kaum wahrgenommen wurde. Anders als Trump denkt er theologisch, sehr strategisch und verfolgt eine christlich-nationalistische Agenda. Die Tech-Elite um Peter Thiel sieht in ihm ihren eigentlichen Auserwählten.

In Europa prägen etwa der liebende Jesus, der barmherzige Samariter oder Franziskus das christliche Bild. In den USA stört sich niemand daran, dass die Wortführer Multimillionäre sind. Ist dies aufgrund des Wohlstandsevangeliums, das verspricht, wer an Jesus glaubt, wird reich.

Das amerikanische Christentum ist nicht einheitlich. Das Wohlstandsevangelium würde ich aber von der Herrschaftstheologie trennen. Es stammt aus der Pfingstbewegung, die sich seit den 1960er-Jahren der Welt und dem materiellen Wohlstand zugewandt hat, bezieht sich stärker auf individuelle Belange und ist keine politische Theologie. Trumps pfingstliche Klientel, Paula White oder die Fernsehprediger, hängen ihm an. Doch gerade manche Stimmen der Südstaaten-Baptisten, die Trump politisch unterstützen, kritisieren das Wohlstandsevangelium scharf als unbiblisch. Um Trumps politische Basis zu verstehen, braucht es diesen Begriff nicht.

Ist die Herrschaftstheologie vergleichbar mit dem «Marsch durch die Institutionen» der 68er?

Mit einem entscheidenden Unterschied: Die 68er wollten basisdemokratisch von unten nach oben, hier geht es von oben nach unten. Man sucht Leute an der Spitze jeder sogenannten «Sphäre», deshalb Berge. Ein aristokratisches Modell, das auch Alltags- und Medienkultur erfasst. Es knüpft an ein theokratisches Modell aus dem erzkonservativen calvinistischen Lager der 1970er-Jahre an, vor allem an Rousas John Rushdoony und sein Werk «The Institutes of Biblical Law». Dieses Denken hatte unter Ronald Reagan Anhänger, scheiterte aber. Die Herrschaftstheologie übernimmt davon die Grundidee, dass Evangelikale gesellschaftspolitisch relevant werden können – jedoch ohne Theokratie.

Ehrlich gesagt ist das eine Schweizer Erfindung. Calvin und Zwingli wollten auch, dass das Christentum die ganze Gesellschaft durchdringt.

Genau, das ist calvinistische Tradition. In Südafrika mündete sie in die Apartheid. Auch Pete Hegseth, der US-Verteidigungsminister, gehört zu einem Verbund von rund 150 erzkonservativen reformierten Gemeinden. Daher auch der Angriff auf die liberalen Universitäten, die finanziell ausgetrocknet werden. Das ist ein Angriff auf die akademische Freiheit, der in der Schweiz oder in Deutschland undenkbar wäre.

Gleichzeitig wird Amerika immer säkularer.

Der Trend ist da, auch wenn religiöse Sprache im Alltag präsent bleibt. Jared Huffman, ein demokratischer Politiker aus Kalifornien mit mormonischer Vergangenheit, hat im August das Buch «No Prophets: The Fights to Save Democracy from Christian Nationalism» veröffentlicht. Der bekennende Humanist warnt, der christliche Nationalismus könne die Verfassung zerstören, und fordert die konsequente Trennung von Kirche und Staat.

Wie empfänglich ist Europa für diese Entwicklung? Fällt hier der christliche Nationalismus auf fruchtbaren Boden?

Die europäischen Kirchen sind theologisch zu kritisch und verstehen sich zu sehr als prophetisches Gegenüber des Staates, um Parteigänger zu werden. Stellen Sie sich vor, hier hielte jemand ernsthaft politische Predigten über Armageddon und zwar als schematische Vorlage für real eintretende politische Ereignisfolgen – die Leute würden wahrscheinlich sagen: Da spinnt jemand. Selbst Schweizer Pfingstkirchen sind längst nicht so konservativ wie viele in den USA.

Wie geht es mit den Evangelikalen in den USA weiter?

Ich bin kein USA-Spezialist und schon gar kein Prophet; meine Einsichten in die Theologie der Herrschaft kommen von der Erforschung der globalen Pfingstbewegung her. Ich vermute aber, dass Vance kandidieren wird; er wird nicht zuletzt von der Tech-Elite gepusht. Als Katholik dürfte er bei Evangelikalen anfangs weniger Zustimmung finden als Trump. Es kann auch sein, dass das breite evangelikal-charismatisch-pentekostale Lager jemand Neuen aus dem Hut zaubert, so wie vor zehn Jahren Trump, der für Evangelikale eigentlich ein Aussenseiter war. Solche Figuren entstehen über Prophezeiungen, die sich in sozialen Medien wie ein Schneeball verbreiten.

Werden Propheten nicht entlarvt, wenn ihre Prophezeiungen nicht eintreffen?

Das Feld der prophetischen Stimmen ist so unüberschaubar, dass es immer andere gibt. Entscheidend sind soziale Medien und Sender wie Fox News. Sie erreichen Menschen irgendwo in den Appalachen. In der Blase Manhattans verfängt das nicht, dort aber schon.

In der Schweiz hätte ein solcher Glaube wohl wenig Chancen. Hier gilt: Ich stehe selbst vor meinem Herrgott und lasse mir nichts vorschreiben. Deshalb haben die Reformierten in der Schweiz kein Glaubensbekenntnis.

Ja, das ist ein Schweizer Prinzip.

Experte für aussereuropäisches Christentum

Andreas Heuser wurde 1961 geboren und ist seit 2012 Professor für Aussereuropäisches Christentum und Interkulturelle Theologie an der Universität Basel. Er studierte Evangelische Theologie und Politikwissenschaften. Zunächst Studienleiter der Missionsakademie der Universität Hamburg (1998–2005). Später Dozent für Systematische Theologie und Missionswissenschaften an der Tumaini Universität Makumira in Tansania (2008–2011).

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