Toleranz trainieren

von Heinz Mauch-Züger
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01.01.2026
Menschen, die als Migrantinnen und Migranten zu uns ins Appenzellerland gekommen sind, berichten anschaulich und eindrücklich, wie sie ihre Zeit bei uns erlebt haben. Ihre Geschichten mahnen zur Offenheit.

Eine Zusammenstellung solcher Geschichten finden sich im Jahrbuch 2025 der Appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft im ersten Teil mit der Überschrift «Arbeitsmigration». Einmal mehr gelingt es dem Jahrbuch, unaufdringlich Zusammenhänge aufzuzeigen, die von aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen mehr und mehr in Frage gestellt werden.

Toleranz ist ein kulturelles Element

Selbstverständlich kann man Verständnis haben, wenn Veränderungen verunsichern und das Fremde, das mit diesen Veränderungen verbunden ist, Angst und Abwehr auslöst. Toleranz*, das heisst das Ertragen von Andersartigkeit, ist keine menschliche Grundeigenschaft. Sie ist ein kulturelles Element, das mit Bildung und mit der Fähigkeit zur kritischen Verarbeitung von Erfahrungen verbunden ist. Technische Veränderungen durch Neuerungen verlangen den Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten, damit sie sinnvoll in den alltäglichen Lebensvollzug integriert werden können. Das ist mit Mühe verbunden und wird mit zunehmender Lebensdauer nicht einfacher. Gesellschaftliche Neuerungen, wie die Integration von Menschen als Arbeitskräfte und Mitmenschen in unseren Lebensraum, stösst auf beiden Seiten zuerst auf Distanz oder gar Ablehnung. Die Fremden bleiben unter sich, die Einheimischen ebenfalls. Man spricht übereinander und da sind negative persönliche und gehörte Erlebnisse gerne erzählte Themen. Man erlebt sich als informiert und macht sich seine Meinung. Heute hat diese Entwicklung mit den sozialen Medien eine kaum abschätzbare Wirkung erhalten.

Und wie hält es die Religion mit der Toleranz? Die Antwort ist von vielen rasch gegeben: Toleranz und Religion sind Widersprüche. Punkt. Die Klischees sind uralt und zementiert. Was oft genug und von einer grossen Menge von Leuten gesagt wird, wird wahr. Unabhängig von tatsächlichen Einflüssen und neueren Erkenntnissen aus verschiedensten Forschungszweigen.

Der Gipfel des Missbrauchs

Die mediale Gegenwart zeichnet noch häufig das Bild von Verfolgung und Hass, von Rechthaberei und Machtansprüchen mit göttlicher Legitimierung. Politisches Kalkül unterfüttert mit religiösen Formeln, gleich welcher Religion, ist der Gipfel des Missbrauchs dessen, was Glaubensbewegungen einst hat wirksam werden lassen. Und so wenden die einen sich ab, wie es Kirchenaustritte bei uns dokumentieren und andere radikalisieren sich, entweder innerhalb ihrer Religion oder dann ausserhalb. Auf der Strecke bleibt die Toleranz, bleibt das Ertragen von Andersartigkeit und darüber hinaus die Entdeckung, dass Andersartigkeit eine Bereicherung sein kann. Wir haben das in den letzten Jahren nur schon in der Entwicklung unserer Speisezettel erleben dürfen. Pizza geniessen, aber Italiener meiden, Dürüm lieben, aber Türken hassen, ist keine Toleranz, sondern Denkfaulheit. Toleranz und damit das Vertrauen, dass Veränderung gelingen kann, funktioniert nur gemeinsam. Die Basis heisst Respekt. Respekt, wie ihn alle Religionen kennen. Respekt vor Schöpfung und Geschöpfen. Toleranztraining braucht Geschichten, wie sie im Appenzellischen Jahrbuch 2025 erzählt werden.

 

*Ursprung des Wortes Toleranz: Lateinisch tolerāre = ertragen, erdulden, unterstützen

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