Vielfalt macht das Leben bunt

Wie bunt darf das Leben sein?

von Ulrike Hesse, Pfarrerin in Rehetobel
min
01.01.2026
Farben machen das Leben bunt und vielfältig. Sie haben Signalwirkung und sind Geschmackssache.

In unserem Sprachgebrauch finden sich viele Metaphern, die von Farben sprechen. Herr Müller sieht rot und Frau Meier sieht immer schwarz. Der Alltag ist oft grau. Mathilde trägt oft eine rosarote Brille. Herr Stöckli ist ein Grüner. Und braun möchte wohl kaum jemand als seine Lieblingsfarbe outen. Farben haben als solche keine Bedeutung. Wir Menschen geben den Farben Bedeutung, je nach Gesellschaft, Kultur und Kontext. Rot ist die Farbe der Liebe, Weiss die der Reinheit, Schwarz steht für Unheil und Grün für Vitalität. Bunt ist heute das Zeichen für Diversität. Wer bunt «denkt» und Farbigkeit liebt, kennt keine Grenzen, fühlt sich nicht durch Fremdes und Neues bedroht. Solch ein Mensch hat ein Grundvertrauen entwickelt, weil er offen und frei aufgewachsen ist, kein Schwarz-Weiss-Denken kennt, sondern neugierig ist auf das Unbekannte.

Der Regenbogen steht für den Bund mit Gott

In der Bibel spielen Farben nur eine untergeordnete Rolle für die Lebensorientierung der Menschen. Na klar, rot steht für Blut und Blutschuld, weiss hingegen für Unschuld und Heil. Aber auch dies: Schon damals galten Menschen mit dunklerer Hautfarbe als minderwertig und verachtenswert: So sagt im Hohelied das Mädchen des Liebespaars: «Ich bin schwarz und gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte Kedars, wie die Teppiche Salomos. Seht mich an, dass ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt. Meiner Mutter Söhne zürnten mit mir. Sie haben mich zur Hüterin der Weinberge gesetzt, aber meinen eigenen Weinberg habe ich nicht behütet.» (Hoheslied 1,5f) Sie meint, sie müsse sich für ihre Hautfarbe entschuldigen.
Der Regenbogen, der in der Genesis die Sintflut beendet, wird als Zeichen für den Bund gedeutet, den Gott mit den Menschen schliesst. Gott will in Zukunft das Leben erhalten und nicht mehr vernichten. (Genesis 9) Die sieben Farben des Regenbogens spielen dabei überhaupt keine Rolle. Es geht in der Bibel nicht darum, dass das Leben vielfarbig ist, wie wir es heute deuten, sondern dass Menschen Vertrauen haben dürfen, dass Gott diese Welt erhalten will. Die Vielfalt der Regenbogenfarben spielt erst in jüngerer Zeit eine Rolle: in der LGBTQ- Bewegung oder im Bild der «Regenbogennation» als solche sich Südafrika nach dem Ende der Apartheid sah. Die vielen Farben stehen gleichberechtigt nebeneinander und bilden eine neue Einheit. Davon steht aber in der Bibel nichts.

Gott hat die Menschen in grosser Vielfalt geschaffen

Unsere Vorlieben für Farben sind eng mit unserer eigenen Geschichte verknüpft. Kein Mensch geht in einer einzigen Farbe auf, sondern die Wechselfälle des Lebens verändern auch immer wieder unsere Farbigkeit. Für mich heisst das: Andere nicht in eine Schublade zu stecken, sondern neugierig zu bleiben und sich nicht blenden zu lassen von allzu grellen Farbtönen. Sie dürfen im Laufe des Lebens wechseln. Dahinter steht die Botschaft, dass Gott aus seiner Liebe heraus die Menschen in grosser bunter Vielfalt geschaffen hat. Es ist an uns, diese breite Vielfalt sichtbar zu machen und sie als eine grosse Bereicherung wertzuschätzen.

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