Steine sind nicht stumm

Sie hüten Geheimnisse und erzählen Geschichten

von Judith Husistein
min
01.05.2024
«Steine sind stumm», so hiess der Titel eines Jugendbuches, das ich mit etwa zwölf Jahren geschenkt bekam. Der Inhalt war für mich zu kompliziert und vermochte mich nicht zu fesseln. Der Titel jedoch blieb in meiner Erinnerung. Vielleicht besonders, weil er mir nicht gefiel. Steine sind für mich nicht stumm. Sie erzählen Geschichten, hüten Geheimnisse und verändern sich im Laufe der Zeit.

Viele meiner Kindheitserinnerungen ranken sich um Steine. Kieselsteine als Spielfiguren. Die buckelige ¬ęBsetzi¬Ľ vor dem Haus, die jeden Samstag gewischt und regelm√§ssig gej√§tet wurde. Die riesigen Steine in der Sitter, welche uns beim Baden als Sonnenliegen dienten. Die bunten Steine im Flussbett, die meine Bewunderung weckten, leider jedoch ihre intensiven Farben verloren, sobald sie trocken waren.

 

Erinnerungsstein

Die unterschiedlichen Grabsteine auf Friedh√∂fen weckten ebenfalls meine Bewunderung. Der zierliche, weisse Marmorstein auf dem Grab einer jungen Mutter und die gl√§nzend geschliffenen, dunklen, r√∂tlichen oder gr√ľnen Steine, teilweise mit Glimmer darin und goldenen Buchstaben darauf, gefielen mir in der Kindheit besonders gut. Ich fand sie edel, wertvoll und perfekt. Heute sind es die ungeschliffenen, nicht zu grossen Grabsteine, die mir gefallen. Mit ihrer unregelm√§ssigen Oberfl√§che und der nat√ľrlichen Form symbolisieren sie f√ľr mich das Leben mit Ecken und Kanten, H√∂hen und Tiefen, Licht und Schatten, die zu jedem Menschenleben geh√∂ren.

 

Felsgestein

Doch auch Felsw√§nde lassen mich immer wieder staunen: Der Nagelfluh, der aussieht, als h√§tten Menschenh√§nde viele verschiedene kleine Steine mit Sand zusammengeklebt; die braunrote Felswand oberhalb von Vitznau am Vierwaldst√§ttersee, an der den ganzen Sommer √ľber eine grosse Schweizerfahne prangt; der Creux du Van, jene gewaltige Felsenarena an der Grenze zwischen den Kantonen Neuenburg und Waadt, deren 160 Meter hohe, senkrechte Felsw√§nde einen tiefen Talkessel umgeben; und nat√ľrlich unser S√§ntismassiv mit den deutlich erkennbaren unterschiedlichen Gesteinsarten, Schichten und Faltungen, die von der Entstehung des Alpsteins vor Millionen von Jahren erz√§hlen.

 

Freudenstein

Eine besondere Bedeutung bekamen Steine w√§hrend der Coronazeit. Menschen begannen, Steine zu bemalen, mit Lebensweisheiten oder humorvollen Worten zu beschriften und diese auf Spazierg√§ngen irgendwo abzulegen. Teilweise entstanden richtige Kunstwerke, oft auch Kinderzeichnungen. Wer einen solchen Stein entdeckte, durfte ihn behalten, an einem anderen Ort platzieren, liegenlassen oder fotografieren und auf einer speziellen Internetseite zeigen. F√ľr viele Menschen wurden diese Steine kleine Mutmacher, Freudenbringer und Gl√ľcksteine, ob beim Malen oder Finden. Sie schafften eine Verbindung zwischen Unbekannten, in einer Zeit, in der pers√∂nliche Begegnungen eingeschr√§nkt waren.¬†¬†

 

Egal ob Felsen, Kiesel-, Grab- oder buntbemalte Steine: Stumm sind sie auf keinen Fall.

 

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