Ruhe, Schutz und Sicherheit in der Pflegeanstalt

Robert Walser im «Schoss» der Psychiatrie

von Barbara Auer
min
01.11.2023
Robert Walser fand in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau Ruhe, Schutz, Sicherheit und Struktur. Knapp 24 Jahre verbrachte der Schriftsteller in der Anstalt, bis er dort, am Weihnachtsmorgen des Jahres 1956, verstarb. Er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

RandstÀndig war Robert Walser nicht. Nach bemerkenswert vielen Wohnungs-, bzw. Zimmerwechseln in Bern und auffÀlligem Verhalten aufgrund einer schweren psychischen Krise, begibt sich Robert Walser in die Obhut einer Anstalt in Herisau in seinem Heimtakanton Appenzell Ausserrhoden.

Lisa Walser begleitet ihren Bruder Robert am 25. Januar 1929 in die Heilanstalt Waldau bei Bern. Auf dem Weg dorthin fragt Robert Walser seine Schwester: «Tun wir auch das Richtige?» Sie antwortet nicht, das nimmt er fĂŒr ein «Ja» und lĂ€sst sich einweisen. Bis im Juni 1933 ist Walser Patient der Waldau. Er schreibt dort noch Texte, die auch gedruckt werden. Differenzen mit dem neuen Direktor, angestrebte Reformen, denen Walser sich nicht fĂŒgen mag, und die Sparsamkeit seiner Schwester, die seine Finanzen verwaltet, fĂŒhren 1933 zur Verlegung Robert Walsers in die Anstalt seines BĂŒrgerkantons. Walser ist zwar geboren in Biel, aber er hat Vorfahren in Teufen und Grub, geniesst also BĂŒrgerrecht in Appenzell-Ausserrhoden. In der Waldau ist er als Ausserkantonaler ein teurer, in der «Heil- und Pflegeanstalt Herisau» als Innerkantonaler ein vergleichsweise gĂŒnstiger Patient. Lisa stimmt der ÜberfĂŒhrung zu. Robert Walser wird gegen seinen Willen und gewaltsam nach Herisau verbracht. Dort gilt er als mĂŒrrischer, rauchender, spazierengehender und auf Zettel schreibender, ungeselliger, aber «ruhiger» Patient.

Den eigenen Tod beschrieben

Ab 1936 besucht ihn regelmĂ€ssig Carl Seelig, ZĂŒrcher Journalist, Förderer und MĂ€zen unzĂ€hliger deutscher, jĂŒdischer oder homosexueller KĂŒnstler und politisch Verfolgter. Seelig und Walser unternehmen lange SpaziergĂ€nge miteinander, wobei der 15 Jahre Ă€ltere Walser viel schneller lĂ€uft und Seelig meist weit voraus ist. 43 SpaziergĂ€nge beschreibt Carl Seelig in seinem Buch «Wanderungen mit Robert Walser». Es entsteht das Bild eines sehr belesenen und politisch informierten Dichters. EindrĂŒcklich auch die Beschreibung der gemeinsamen Mahlzeiten in GasthĂ€usern, BĂ€ckereien, Bierhallen und Bahnhofsrestaurants. Walser scheint ein grosser Esser und keinem GetrĂ€nk abgeneigt gewesen zu sein. Den letzten Spaziergang am 25. Dezember 1956 unternimmt Robert Walser allein. Er stirbt im Schnee. In seinem Roman «Geschwister Tanner» - der 28-JĂ€hrige schrieb den Roman 1906 innerhalb von sechs Wochen - lĂ€sst Walser seine Romanfigur Simon Tanner den Dichter Sebastian tot im Schnee auffinden. Es liest sich, als ob Walser da den eigenen Tod im Schnee 50 Jahre vor seinem Tod beschrieben hĂ€tte. (1)

Verschont von damals ĂŒblichen Methoden der Psychiatrie

Obwohl unfreiwillig eingetreten, fand Walser in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau doch Ruhe, Schutz, Sicherheit und Struktur. Von Alltagssorgen war er entlastet. Als Carl Seelig ihm anbot, fĂŒr ein Leben ausserhalb der Anstalt aufzukommen, lehnte Walser ab. Er war wohl eher «im Schoss als in den FĂ€ngen» der Psychiatrie gelandet. (2)

Der Klinikdirektor Hinrichsen in Herisau, selbst Dichter, verhielt sich Walser gegenĂŒber herablassend, aber er liess ihn auch in Ruhe. Er behandelte ihn nicht mit den ringsum in den Psychiatrien neuerdings angewandten Methoden wie Insulinkuren, Lobotomie oder Elektroschock. (3)

Heutzutage wĂ€re es Robert Walser wohl kaum möglich, 23.5 Jahre auf der Station einer psychiatrischen Klinik zu leben. Eher wĂŒrde man den Sozialdienst bitten, einen Platz in einem betreuten Wohnheim fĂŒr ihn zu finden.

Ob Robert Walser das gefiele, ist offen.

 

Quellen:
(1) Robert Walser, Geschwister Tanner, Roman, 1907, S. 129f.
(2) Marcel ZĂŒnd, In der psychiatrischen Klinik Herisau, IN: Robert Walser, Herisauer Jahre 1933-1956, hrsg. Museum Herisau, Appenzeller Verlag, 2. Auflage, 2003
(3) Margit Gigerl, Weshalb Robert Walser nicht geheilt wurde. IN: ebda.

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