Film «David»

Ein Kinderheld ohne Schatten

von Noemi Harnickell
min
14.10.2026
In den USA brach der biblische Animationsfilm «David» in seinem Genre Rekorde, in der Deutschschweiz ist er nach knapp vier Wochen aus den Kinos verschwunden. Das Musical zeigt David als makellosen Helden. Wird es so einer widersprüchlichen Figur gerecht?

Die Erde bebt unter Goliaths Schritten, er überragt mit seiner Grösse alle anderen Soldaten und deren Pferde. Mit einem solchen Hünen traut sich niemand, den Kampf aufzunehmen.

Ausser, natürlich, David.

Ein unbedeutender Hirtenjunge, der Goliath mit einer einfachen Steinschleuder zu Fall bringt und damit den Sieg der Israeliten über die verfeindeten Philister entscheidet. Es ist ein prägendes Bild, das den Kampf der Kleinen gegen die Mächtigen beschreibt und deutlich zeigt, auf wessen Seite Gott steht.

Im September kam «David» als animierter Kinderfilm in die Deutschschweizer Kinos. Während er in den USA den erfolgreichsten Start eines christlichen Animationsfilms hingelegt hatte, blieb hierzulande das Publikum aus. Inzwischen ist der Film bei Streamingdiensten abrufbar, vorerst nur auf Englisch und Französisch. Produziert hat ihn das südafrikanische Filmstudio Sunrise Productions gemeinsam mit dem christlichen US-Medienunternehmen Angel, das unter anderem am internationalen Erfolg «The Chosen» beteiligt war. Handwerklich muss sich der Film nicht verstecken: Die Animation kann mit grossen Studios mithalten, und die Lieder bleiben im Ohr. Aber kann ein Kinderfilm einem ambivalenten Antihelden wie David überhaupt gerecht werden? Und welche Botschaften verbergen sich hinter den popmusikalischen Worship-Liedern, die sich als roter Faden durch die Geschichte ziehen?

Der Elvis der Bibel

Wir alle kennen sie, die Geschichte von David, dem zweiten Israeliten-König und Vorfahren Jesu. Nicht nur, wie er den, so die Bibel, drei Meter grossen Goliath mit einer Steinschleuder tötet, sondern auch, wie er, der sanfte Schafhirte, mit seiner Musik den jähzornigen König Saul beruhigt. Bono, Sänger der Band U2, bezeichnete David als «den Elvis der Bibel» und auch Leonard Cohen widmet ihm eine Zeile in «Hallelujah»: «I've heard there was a secret chord that David played and it pleased the Lord.» Es ist also nur passend, dass die Neuverfilmung über David auch ein Musical ist.

Ein Held ohne Fehler

Weniger bekannt ist Davids dunkle Seite, die sich vor allem in seiner Zeit als König zeigt. Er führt blutrünstige Kriege, begeht Ehebruch mit Batseba und schickt deren Ehemann Urija in den sicheren Tod. Genau das macht die David-Figur bis heute so spannend. Er ist durch und durch Mensch, ruchlos und verletzlich zugleich und wird mit allen seinen Fehlern von Gott auserkoren, König über das Volk Israel zu werden.

Es ist ein Irrtum, dass man Kindern keine Ambivalenzen zutrauen kann.

Von dieser Ambivalenz ist im Film wenig zu sehen, denn er endet mit Davids Aufstieg zum König. David wächst von einem grossäugigen, mutigen Hirtenjungen zu einem «überwältigend gutaussehenden jungen Mann» heran, wie es ein Rezensent im Guardian beschreibt. Dieser David tötet nur für den guten Zweck, etwa als ein Löwe seine Schafherde bedroht. Ansonsten ist David durch und durch gutmütig, bescheiden und obendrein auch noch ein begnadeter Musiker.

Jörg Schwehn von der SCM Verlagsgruppe, die den Film im deutschsprachigen Raum vertreibt, sieht jedoch genau in dieser David-Darstellung ein inspirierendes Vorbild für Kinder. «Schon in den ersten fünf Minuten kommen mir noch immer die Tränen», erzählt er. Es ist die Szene, in der David seine Schafe vor dem gefährlichen Löwen rettet. Dabei singt er ein Lied über Abenteuer und Mut. «Er ist einfach unglaublich sympathisch», so Schwehn. «Er verkündet durch den ganzen Film hindurch immer wieder die Botschaft ‹Hab Mut!›» Für ihn sei «David» nebst der «Herr-der-Ringe»-Trilogie der beste Film aller Zeiten.

 

 

Kindern Zwiespalt zutrauen

Auch Andreas Köhler-Andereggen, Vorstandsmitglied von Interfilm, der Internationalen Kirchlichen Filmorganisation, sieht in dem Film viel Potenzial. «In einem Lied singt David ‹Warum Gott? Sag, warum, lässt du mich allein?› Das ist angelehnt an den Psalm 22, der in der Bibel David zugeschrieben wird», sagt Köhler-Andereggen. In dem Psalm gibt sich David selbst Antworten auf seine verzweifelten Fragen. Im Film allerdings ist es Davids Mutter, die auf sein Flehen antwortet: «Und wenn niemand mehr den Weg recht weiss, sei der Stern in dieser Dunkelheit.»

«Das Stück war für mich eine der stärksten Szenen in dem Film», sagt Köhler-Andereggen. «Szenisch war das sehr schön umgesetzt.» Biblisch steht die Szene aber auf dünnem Boden: Davids Mutter wird in der Bibel nicht namentlich erwähnt. Dass die Filmemacher ihr eine so tragende Rolle geben, hat für Köhler-Andereggen auch mit einem bestimmten Familienbild zu tun. «In amerikanischen und freikirchlichen Kreisen wird gerne ein starkes Mutterbild transportiert. Die Mutter hält die Familie zusammen, sie vermittelt Glauben und Religiosität.»

Vielleicht holt das eine oder andere Kind danach ja die Bibel aus dem Bücherschrank!

Eine weitere Ambivalenz lässt der Film ganz weg: Davids Urgrossmutter, die Moabiterin Rut, war als Ausländerin nach Israel gekommen und gehörte damit nach israelitischem Gesetz nicht zum Volk Gottes. Dennoch wird David von Gott selbst als König über Israel erwählt. Dieses Spannungsfeld fehlt Köhler-Andereggen im Film. «Man wird David nicht gerecht, wenn man ihn nur von einer Seite darstellt», sagt er. «Es ist ein Irrtum, dass man Kindern keine Ambivalenzen zutrauen kann. Sie verstehen sie oft sogar viel besser als wir Erwachsene.»

Dass Kinderfilme solchen Zwiespalt durchaus aushalten, beweist etwa «Der Prinz von Ägypten». Der Trickfilm von 1998 erzählt die Geschichte von Mose: Er tötet einen ägyptischen Aufseher, verwandelt den Nil in Blut und lässt zu, dass der erstgeborene Sohn seines Stiefbruders Ramses stirbt. Alles für die Freiheit seines Volks, der Hebräer.

Biblisches Israel, politische Brille

In Kommentarspalten auf YouTube und Social Media wird dem Film pro-israelische Propaganda vorgeworfen. Seit dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und dem Krieg in Gaza wird auch das biblische Israel durch eine politische Linse betrachtet. Dabei liegen zwischen Davids Königreich und dem heutigen Staat Israel rund 3000 Jahre: Die Geschichte spielt 1000 Jahre vor Christus, der Staat Israel wurde 1948 gegründet. Köhler-Andereggen sagt zum Vorwurf: «Kommentare auf Social Media sind leider selten Diskussionsbeiträge, sondern häufig Statements. Und dann läuft die Diskussion aus dem Ruder. Die Leute sollen den Film als Film anschauen und dann entscheiden, was sie daraus machen. Von mir aus dann gerne begründet.»

Anders als in manchen christlichen Nacherzählungen wird David nicht von Beginn an als Vorläufer Jesu gedeutet, merkt Köhler-Andereggen positiv an. Gott tritt im Film als Licht auf, ein Bild, das die ganze Bibel durchzieht: «Der Herr ist mein Licht», heisst es in Psalm 27, der David zugeschrieben wird. Jesaja ruft die Menschen auf, selbst Licht zu werden, und im Johannesevangelium nennt sich Jesus das Licht der Welt. Köhler-Andereggen sieht im Film eine typische Gewichtung: «In der freikirchlichen Tradition fokussiert man sich eher auf Gott als Licht, dem man folgen kann, als auf die politisierte Forderung, selbst zum Licht zu werden.»

Hollywood liebt die Bibel

Biblische Filme sind kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. 1956 erschien «Die Zehn Gebote», 1959 eroberte der Monumentalfilm «Ben Hur» die Kinos. «Der Prinz von Ägypten» wird heute auf Musicalbühnen aufgeführt und «Jesus Christ Superstar» lässt selbst atheistische Zuschauerinnen und Zuschauer laut mitsingen. «Die amerikanischen Filmproduzenten merkten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass biblische Texte den Menschen sehr bekannt sind», erklärt Köhler-Andereggen. «Also haben sie angefangen, diese zu verfilmen. Das hatte nicht in erster Linie religiöse Gründe.»

Auch «David» lässt sich als unterhaltsamer Kinderfilm vermarkten. Jörg Schwehn hofft, dass er mehr bewirkt: «Der Film lädt ein, sich tiefer mit der Bibel zu befassen. Wer weiss: Vielleicht holt das eine oder andere Kind danach ja die Bibel aus dem Bücherschrank!» Köhler-Andereggen ist zurückhaltender. «Die Bibel ist Weltliteratur», sagt er. Darum eigne sie sich auch so gut als Filmgrundlage. «Aber in einem guten Bibelfilm wird für mich auch die Ambivalenz der biblischen Texte aufgegriffen. Ein guter Bibelfilm hat Vertrauen in die biblischen Geschichten, in die Mehrdeutigkeiten des Textes. Zumal die Geschichten voller Action und Humor stecken!»

Als leichte Familienunterhaltung kann man «David» trotzdem geniessen: Die Geschichte ist spannend inszeniert, die Botschaft ermutigend. Für jüngere Kinder lohnt es sich, auf die deutsche Fassung zu warten, die im Dezember erscheinen soll. Von Davids Schattenseiten müssen Eltern ihnen allerdings selbst erzählen. Die Bibel bietet dafür genügend Stoff.

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