Ein grosses Wort
In den 1970er-Jahren besang Udo Jürgens in einem seiner Lieder eine Szene, die damals bittere Realität war: Ein unverheiratetes Paar lebt zusammen – und wird von der Hausgemeinschaft kurzerhand vor die Tür gesetzt. Eine «wilde Ehe» passte nicht ins Bild eines ehrbaren Hauses. Der Song trifft den Nerv jener Zeit: Uneheliche Kinder, konfessionell gemischte Paare, Beziehungen über Hautfarben hinweg, Scheidungen oder unkonventionelle Kleidung galten als Provokation. Wer davon abwich, riskierte Ausgrenzung, Ablehnung oder gar Verachtung.
Es brauchte Mut, sich gegen gesellschaftliche Normen zu stellen – und Kraft, den eigenen Weg zu gehen. Ich erinnere mich gut an meine eigene Konfirmation: Als erstes Mädchen unserer Gemeinde trug ich weder Schwarz noch Dunkelblau. Dank meiner weltoffenen Mutter erschien ich in Hosen, farbiger Bluse und roter Lederjacke. Ich war stolz – und wusste doch, dass dieser Auftritt auf manche Gäste provozierend gewirkt haben musste.
Sind wir toleranter?
Heute sind wir in vielen Bereichen zweifellos toleranter. Modisch und musikalisch scheint alles erlaubt. Starre Rollenbilder von Frauen- und Männerberufen lösen sich auf. Unterschiedliche Lebens- und Beziehungsformen werden mehrheitlich akzeptiert. Schulen integrieren Kinder mit besonderen Bedürfnissen, ökumenische Zusammenarbeit ist selbstverständlich geworden, Hierarchien sind flacher. Ob jemand Fleisch liebt oder vegan lebt, spielt kaum noch eine Rolle. Und doch ist nicht alles besser geworden.
Oder doch nicht?
Besonders deutlich wurde dies während der Covid-Pandemie. Die Gesellschaft spaltete sich in Lager, und oft fehlte die Bereitschaft, andere Meinungen auszuhalten. Unterschiedliche Sichtweisen führten zu Rissen in Familien und Freundschaften. Ganz allgemein scheint seither eine zunehmende Respektlosigkeit Einzug zu halten: Mitarbeitende im öffentlichen Verkehr, im Gastgewerbe und im Detailhandel erleben täglich Ungeduld, Aggression und Gehässigkeit. Vandalismus und Gewalt gehören fast schon zum Alltag. Dabei gibt es Grenzen der Toleranz – und die müssen klar benannt werden. Ohne Regeln, Normen, Anstand, Verlässlichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme kann kein Zusammenleben funktionieren. Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit.
Unter einem Dach
Wie weit Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit gehen können, erfuhren wir, als wir vor einiger Zeit aus unserem Eigenheim in eine Mietwohnung zogen. Im selben Haus lebt eine Asylbewerber-WG mit zwei jungen Männern aus Sri Lanka. Mehrfach wurden wir von anderen darauf angesprochen, ob die «Ausländer» nicht zu laut seien, ob es nicht unangenehm rieche. Die Untertöne waren unüberhörbar. Die Realität sah anders aus. Die beiden Männer und wir freuten uns, Nachbarn zu werden. Ihre Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft und ihr ehrliches Interesse an unserem Leben sind beeindruckend. Wir tauschen uns über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten aus, unterstützen einander bei Fragen und Problemen. Ja, manchmal sind sie laut – besonders wenn sie Gäste haben. Aber das ist unsere Familie mit den vielen Grosskindern auch. Und wenn feine Essensdüfte aus ihrer Wohnung zu uns heraufziehen, freuen wir uns darüber, dass sie gut und mit Freude kochen.
Wir leben nicht blosse Toleranz oder Akzeptanz. Es ist Verständnis, Menschlichkeit. Freundschaft – unabhängig von Herkunft, Alter oder Hautfarbe.
Ein grosses Wort