Die goldene Regel
Zitate aus aller Welt
«Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.» So lautet die goldene Regel als gängiges Sprichwort.
Im Folgenden nun einige Varianten aus aller Welt:
- «Was du selbst nicht wünschst, das tue auch anderen nicht an», Konfuzius, 500 v. Chr., China.
- «Man soll niemals einem anderen antun, was man für das eigene Selbst als verletzend betrachtet», aus dem Epos Mahabharata, Hinduismus, ca. 400 v. Chr., Indien.
- «Was da für mich eine unliebe und unangenehme Sache ist, wie könnte ich das einem anderen aufladen?» aus dem Pali-Kanon, Buddhismus, ca. 200 v. Chr., Sri Lanka
- «Sohn, was dir übel erscheint, tue deinem Mitmenschen nicht an. Was immer du willst, dass dir es die Menschen tun, das tue du allen», Sprüche des Achikar, 7. Jh. v. Chr., Assur.
- «Tut anderen Menschen nicht an, worüber ihr empört wäret, wenn ihr es selbst erfahren müsstet», Isokrates, Philosoph, 400 v.Chr., Griechenland.
- «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst», Leviticus 19, 18, ca 450 v. Chr., Thora, Judentum.
- «Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen», Lk 6, 31, Jesus, 30 n. Chr., Christentum.
- «Wünsche den Menschen, was du dir selbst wünschst, so wirst du ein Muslim», 670 n. Chr. Hadith von Abu Huraira, Islam.
Die goldene Regel und Verantwortung
Die goldene Regel wird entweder positiv handlungsorientiert formuliert wie beispielsweise bei Jesus, oder sie wird mit der Negation formuliert, wie das geflügelte Wort. Beide Varianten finden sich beim Weisheitsgelehrten Achikar.
Es ist ein universales Prinzip, denn das Gegenüber dieser Regel (mein Nächster) ist jede Person, egal ob fremd oder einheimisch, ob untergeben oder gleichgestellt, ob arm oder reich, die gleiche Religion teilend oder nicht.
Etwas Spannendes sehen wir jedoch bei Achikar: Die Aufforderung zur Einhaltung der Regel richtete sich an Söhne, das heisst an Männer. Und ergänzend dazu könnte man sagen, an Freie, nicht an Sklaven, an Menschen, die handlungsfähig waren.
Dies zeigt etwas Wichtiges auf. Wenn ich nicht gleichberechtigt bin, sondern in einer untergeordneten Position, bin ich davon abhängig, dass mein Gegenüber die goldene Regel beherzigt. Ob ich dies tue oder nicht, hat viel weniger Einfluss. Die goldene Regel nimmt daher Menschen mit mehr Verantwortung entsprechend mehr in die Pflicht.
Toleranz und Frieden als Frucht der Regel
Die Regel hat ein grosses Potenzial für Toleranz, Frieden und Dialog, weil Menschen aller grossen Religionen, aber auch Religionslose sich darauf einigen können. Es ist ein ethisches Grundprinzip, das eint. Darüber hinaus fördert es Empathie. Denn ich muss in der Lage sein, mich in andere Menschen hineinzuversetzen sowie natürlich in mich selbst.
Doch kann ich von mir einfach so auf andere schliessen? Wenn mir beispielsweise Rückzug guttut, wenn ich einen Schmerz zu bewältigen habe, so gibt es andere, bei denen genau das Gegenteil der Fall ist. Manchmal weiss ich nicht, was andere wünschen, auch wenn ich noch so feinfühlig bin. Daher schlägt der Philosoph Karl Popper vor, andere so zu behandeln, wie sie es sich wünschen. Das beinhaltet einen Dialog, ich muss mit dem Gegenüber sprechen, um es herauszufinden. Mich erinnert dies an die Frage Jesu an einen Kranken: «Was willst du, dass ich dir tun soll?»
Keine Diskussion braucht es bei den Grundwerten. Niemand kann wollen, Gewalt zu erleiden. Daher führt die Regel zum Frieden. Jedoch – einhalten und beherzigen müsste man sie schon.
Die goldene Regel