Der verbindende Grund
So fragte neulich jemand in einem Kommentar auf meinem YouTube-Kanal. Er hatte ein Video über den reformierten Mystiker Gerhard Tersteegen gesehen und wunderte sich, dass da vieles so ähnlich klingt wie in den Schriften Buddhas. Jetzt wollte er wissen, wie ich das sehe.
Ich habe den Eindruck, habe ich ihm geantwortet, dass Menschen, völlig unabhängig von ihrer Religion, in ihrem Leben wichtige Erfahrungen machen. Die besonders wichtigen sind grösser als wir selbst. Sie berühren uns intensiv und verändern uns. Dann gibt es ein Vorher und ein Nachher. In unserem christlichen Sprachspiel bringen wir das mit «Gott» in Verbindung. Doch was wir mit «Gott» meinen, ist ja gar nicht so klar, wie es auf den ersten Blick scheint. Jede Beschreibung Gottes engt Gott ein, legt fest, begrenzt, wird Ihm/Ihr letztlich nicht gerecht. Für das Unsagbare finden wir kaum Worte. Deshalb finden wir in der Bibel so viele unterschiedliche Bilder, Metaphern, die uns eine Ahnung davon geben, wie oder wer Gott sein könnte. Genesis 1 beschreibt Gott als Schöpfer von allem, was ist. Psalm 23 vergleicht Gott mit einem Hirten. Jesus nennt Gott «Vater». Jesus sagt aber auch: Gott ist Geist. Und im 1. Johannesbrief ist es ganz klar: Gott ist die Liebe. Paulus ist sich seiner Grenzen sehr bewusst, wenn er im 1. Korintherbrief schreibt: «Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, überlegte wie ein Kind. Als ich aber erwachsen war, hatte ich das Wesen des Kindes abgelegt. Denn jetzt sehen wir alles wie in einem Spiegel, in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin.» Und dann hält er sich fest: «Nun aber bleiben Vertrauen, Hoffnung, Liebe.»
Was bedeutet JHWH?
Mir gefällt besonders die Geschichte aus dem Buch Exodus. Dort stellt sich Gott dem geflüchteten Mose im brennenden Dornbusch nach langem Drängen mit der Buchstabenkombo «JHWH» vor. Es ist unklar, was diese vier Buchstaben bedeuten sollen. Im Judentum sind sie so heilig, dass sie nicht einmal ausgesprochen werden dürfen. In unseren deutschen Bibelübersetzungen steht immer dann, wenn JHWH vorkommt, «HERR». Dabei ist diese Buchstabenansammlung unaussprechbar. Und doch ist es ganz einfach: Sie ahmen unseren Atem nach. Wir atmen Gott. Mit jedem Atemzug bringen wir Gott zur oder in die Welt.
Erfahrungen mit Gott
Die Erfahrungen, die Menschen mit «Gott» machen, sind vielfältig. William James hat ein wunderbares Buch darüber geschrieben. Manche Erfahrungen ereignen sich einfach so. Wenn wir intensiv in die Natur eintauchen, zum Beispiel. Wenn die Sonne auf- oder untergeht. Wenn wir am Meer stehen. Oder bei einer Wanderung. Oder bei einem Konzert. Bei einer Geburt. Beim Tod eines geliebten Menschen. Plötzlich und unerwartet öffnet sich der Himmel. Und dann geht es uns so wie Jakob, nachdem er im Schlaf die Himmelsleiter geschaut hatte (Gen 28): «Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!» Andere Erfahrungen sind die Frucht eines ausdrücklichen Gebets- oder Meditationsweges. Wer sich intensiv auf so einen Weg, einlässt, wird merken, wie sich sein Leben nach und nach verändert. Davon berichtet zum Beispiel Psalm 34: «Ich suchte Gott, und er hat mich erhört, von allen meinen Ängsten hat er mich befreit.»
Die Erfahrungen sind manchmal klein und vorsichtig. Manchmal aber auch gross und überwältigend. Und dann ringen wir nach Worten, um zu beschreiben, was wir erlebt haben. Denn diese Erfahrungen können wir schlecht für uns behalten. Und wir müssen sie ja auch irgendwie in Worte fassen, um sie überhaupt – vielleicht nicht unbedingt verstehen, aber doch - integrieren zu können. Das, was wir bis dahin geglaubt haben, gerät mächtig ins Wanken. Wir müssen das noch mal durchdenken, überdenken, anders und neu denken. In der islamischen Mystik sagt Bajezid Bestami: «Dreissig Jahre lang ging ich auf der Suche nach Gott, und als ich am Ende dieser Zeit die Augen geöffnet hatte, entdeckte ich, dass er es war, der mich suchte.»
Andere Kulturen, andere Worte
Die Worte, die Menschen dann finden, sind eingebettet in die Kultur und in die Sprachstruktur, in der sie leben. Als reformierte Schweizerinnen und Schweizer bedenken wir das mit den Worten, die wir von Kindesbeinen an gelernt und erprobt haben. Wären wir in Thailand, China oder Indien geboren worden, würden wir ganz andere Worte verwenden. Ich habe neulich ein Buch von Grace Ji-Sun Kim gelesen, einer reformierten Theologin, die in Südkorea aufgewachsen ist und jetzt in Amerika lehrt. Für sie ist es sonnenklar, dass sie über das, was wir den «Heiligen Geist» nennen, nur reden kann, wenn sie ihr Wort «Chi» mitbedenkt. Das Wort kennen wir vom Tai-Chi, oder Chi Gong.
Was ist ein Mystiker?
Wovon wir sprechen, ist nicht mehr die Erfahrung selbst, sondern unsere Interpretation! Bedenke, was ich oben über JHWH geschrieben habe! Wir erzählen weiter, was wir «verstanden» haben. Trotzdem stellen wir fest: In den ganz unterschiedlichen Formulierungen wird eine Erfahrung deutlich, die auch nur versteht, wer schon einmal ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Sonst ist das, als würden wir von fliegenden Elefanten reden oder von gelbgrünen Karympaliken. Gerhard Tersteegen weist darauf hin, als er erklären soll, was ein Mystiker ist: «Das kann keiner recht sagen, oder er muss selbst ein Mystiker sein, und keiner gebührend verstehen, wo er nicht selbst auf dem Weg ist, ein solcher zu werden.»
Die Mystik entzieht sich jeder Autorität
Mystik? Genau. Nach einer alten Definition ist Mystik die Erkenntnis Gottes aus der Erfahrung. Da geht es nicht um das, was ich über Gott gelesen habe. Auch nicht um das, was ich irgendwann irgendwo irgendwie von irgendwem gelernt habe. Diese Erfahrungen sind auch nicht an eine Institution oder an eine Religion gebunden. Es gibt viele Wege, auf denen wir etwas von Gott erfahren können. Der jüdische Mystiker Martin Buber weiss: «Gott sagt nicht: ‹Das ist ein Weg zu mir, das aber nicht›, sondern er sagt: ‹Alles was du tust, kann ein Weg zu mir sein, wenn du es nur so tust, dass es dich zu mir führt.›» Und das Wunderbare ist: Jeder Mensch hat einen Zugang zu solchen Erfahrungen. Aber jeder einen anderen. Deshalb entzieht sich die Mystik auch jeder Autorität. Mystik ist das antiautoritäre Element in jeder Religion.
Die Verbindung aller Menschen in allen Religionen
Zu allen Zeiten haben Menschen an allen Orten Erfahrungen gemacht. Sie sind der Grund, der alle Menschen in allen Religionen miteinander verbindet. Mystikerinnen und Mystiker wissen, dass die Stille und das Schweigen das Eingangstor für solche Erfahrungen sind. Psalm 46 empfiehlt: «Seid still und erkennt, dass ich Gott bin.» Und der Hindu Mahatma Gandhi bekennt: «Ich kenne das grosse Geheimnis des Schweigens. Schweigen ist eine große Hilfe für einen Wahrheitssucher wie mich. Im Zustand des Schweigens findet die Seele ihren Weg in einem klareren Licht, und alles Trügerische und alle Täuschung lösen sich auf in kristallene Klarheit.» Wohlgemerkt: Diese Erfahrungen sind kein Selbstzweck. Das Entscheidende ist, welche Konsequenzen wir aus ihnen für unser Leben ziehen. Wir prüfen sie anhand dreier Fragen: Machen sie mich liebevoller? Machen sie mich freier? Dienen sie der Gerechtigkeit? Davon ein anderes Mal mehr.
Der verbindende Grund