«Auch wir Muslime haben Angst vor einer Islamisierung»

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02.06.2016
Der muslimische Befreiungstheologe Kacem Gharbi war Ende Mai in Luzern zu Gast. Im Interview sagt der Tunesier, warum Europa sich vor einer Islamisierung fürchtet, welche Definition er von Befreiungstheologie hat und wie er die Schweiz erlebt.

Herr Gharbi, welches Bild vom Islam haben wir in Europa?
Es dominiert ein sehr negatives Bild des Islams. Wir Muslime sind dafür genau so verantwortlich wie die andersgläubigen Europäer. Es steht und fällt, wie so oft, mit dem Dialog. Wir müssen viel stärker miteinander ins Gespräch kommen, mehr Arbeit an der Basis betreiben. Auch müssen die verschiedenen Forschungszentren, die sozialen Gemeinschaften und verschiedenen Institutionen besser zusammenarbeiten. Damit lässt sich sicherlich eine Menge ändern.

Wie nehmen Sie denn die aktuelle Islam-Debatte in der Schweiz und in Deutschland wahr?
Die Lage ist sehr angespannt, besonders in Deutschland. Das hängt mit den Ereignissen im arabischen Raum zusammen, mit der Revolution, dem IS, der Immigration in den Westen. In der Schweiz nehme ich das etwas anders wahr: Die Lage ist eine andere, weil die Schweiz eine lange Tradition der Integration pflegt, sowohl mit Ausländern als auch mit den eigenen Sprach- und Landesteilen.

Sind wir offener?
Die Schweiz interessiert sich für religiöse Fragen, vor allem im Zusammenhang mit Fragen der Immigration. Für mich war mein Besuch in der Schweiz mit der Chance verbunden, ein anderes Bild des Islams zu zeigen. Ich war 2012 für vier Tage in Sitten VS. Das war nicht sehr lang, und doch konnte ich innerhalb dieser kurzen Zeit eine Idee davon bekommen, inwieweit die Integration in der Schweiz zur Kultur des Landes gehört.

Ist es überhaupt möglich, die Spannungen zwischen Islam und Christentum zu eliminieren?
Diese Konflikte sind nicht neu, im Gegenteil, sie existieren schon seit Jahrhunderten. Ich bin überzeugt, dass die Befreiungstheologie es erlaubt, diese Konflikte zu lösen. Nicht, indem sie einen Dialog zwischen den Intellektuellen fördert, sondern, indem sie die historischen und sozioökonomischen Wurzeln dieser Konflikte offenlegt.

Was verstehen Sie unter der muslimischen Befreiungstheologie überhaupt?
Zuerst muss man sich berechtigterweise fragen, ob eine muslimische Theologie überhaupt existiert. Das ist eine grosse theologische und philosophische Frage. Eine grosse Anzahl bedeutender muslimischer Intellektueller sagt, wir Muslime hätten keine Theologie. Jedoch haben wir etwas, das wir «aln el kalam» nennen, die Wissenschaft oder den Diskurs Gottes. Ich für meinen Teil denke, dass wir eine Theologie haben: Eine Wissenschaft, die Gott zum Subjekt ihrer Recherche macht. Diese Wissenschaft sollte ein Diskurs der Befreiung sein. Ein Diskurs der Befreiung der Menschen. Und Gott und die Religion sollen der Anfangspunkt dieser Befreiung sein.

Was wollen Sie mit Ihrer muslimischen Befreiungstheologie erreichen?
Ich möchte eine andere Sichtweise des Islams propagieren. Eine, die auf der Arbeit für den anderen und mit dem anderen aufbaut. Wie es so schön heisst: Es gibt zwei Arten von Menschen: Wir sind entweder Brüder in der Religion oder Gleichgesinnte als Menschen.

Viele sehen sich aber nicht als Gleichgesinnte, wenn sie nicht das Gleiche glauben. Warum haben die Christen Angst vor einer Islamisierung Europas?
Weil sie in Bewegungen wie dem IS die Wiederauferstehung des muslimischen Angreifers sehen. Viele Europäer glauben, dass Gruppierungen wie der IS die Hauptgefahr für ein gutes, etabliertes System sind. Dabei ist das eine falsche Sichtweise. Der Kapitalismus im Westen befindet sich in einer Krise. Schauen Sie sich nur einmal die grosse Anzahl von Armen und Ausgeschlossenen an. Aber anstatt das System infrage zu stellen, zeigt man mit dem Finger auf den muslimischen Angreifer und denkt, die Lösung bestehe darin, die Einwanderer wieder in ihre Heimat zu schicken. Dabei ist zu bedenken: Wir als Muslime haben die gleichen Ängste, von den Gruppen des IS islamisiert zu werden.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Anna Miller / Kirchenbote / 2. Juni 2016

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