Hirnforschung

Wo wohnt die Scham?

von Heinz Mauch-Züger
min
01.03.2025
Sagen Ihnen Begriffe wie «Anteriorer cingulärer Cortex (ACC)», «Insula» oder «Temporoparietal Junction (TPJ)» etwas? Nicht wirklich? Dann sind wir gleich weit. Diese etwas seltsamen Begriffe tauchen auf, wenn man wissen will, wo die Scham im Hirn «wohnt».

Scham im Hirn

Es geht um Hirnforschung. Das Gefühl der Scham verteilt sich im Gehirn in verschiedene «Zimmer» (Areale) mit diesen nicht geläufigen Namen wie der eingangs bereits erwähnte «Anteriore cinguläre Cortex» (ACC). Dort werden emotionale Konflikte verarbeitet und reguliert. Dann die «Insula». Diese spielt eine Rolle bei der körperlichen Reaktion ausserhalb des Gehirns (bspw. Atmung). Die «Temporoparietale Junction» (TPJ), sie hilft dabei, sich in die Situation von Mitmenschen zu denken (Empathie). Dann ist da der «Mediale präfrontale Cortex» (mPFC). Dieses Hirnteil ist wichtig für das Selbstbewusstsein und die Selbstreflexion. Und zu guter Letzt ist da noch die «Amygdala». Sie gehört zum sogenannt limbischen System, das zu den ältesten Hirnteilen gehört. Dort werden elementare Gefühle wie Furcht, Angst und Wut aktiv. Diese Elemente waren jahrtausendelang für das Überleben wichtig. Der Gang durch die Zimmer, wo die Scham «wohnt», zeigt, sie wohnt in beiden Hirnhälften. Die rechte Hirnhälfte wird der gefühlsmässigen Verarbeitung zugeordnet und die linke Hirnhälfte der analytischen. Gefühle und Reflektion gehören unmittelbar zusammen und prägen unsere soziale Wirklichkeit, die wir Kultur nennen.

 

Scham und Kultur

Scham ist in sogenannten «Wir-Gesellschaften», also in Gemeinschaften, wo die Gruppe (Familie, Clan) bedeutender ist als der Einzelne, ein wichtiges Regulativ für die Stellung dieses einzelnen Mitgliedes in der Gruppe. Aus diesem Grund galten die kolonialen Europäer, bspw. in asiatischen Gesellschaften, oft als schamlos oder gar barbarisch. Scham ist ein grundlegendes Gefühl für die Selbstwahrnehmung. Genau wie die Angst ist sie nicht einfach negativ. Sie weist hin auf Defizite, welche durch eine Verhaltensänderung angegangen werden können. Wo die Angst zur Vorsicht wird, kann die Scham zu sozialer Kompetenz werden, weil man darauf achtet, in welcher Situation man sich befindet. Dieses Lernen ist dann wieder im Hirn sichtbar, wenn bestehende Areale ausgebaut und neue Areale aktiviert werden. Findet kein Lernen statt, weil es unterdrückt wird, sind psychische Probleme bis hin zur Depression möglich. Mobbing trägt oft das Element der negativen Scham in sich. Hässlich, dumm, ungeschickt, dick, zu klein, zu jung, zu alt... Wenn eine Veränderung nicht möglich ist, kann die Situation ausweglos werden. Scham wird zur Einbahnstrasse.

 

Der Nutzen von Scham

Was nützt das Wissen, wo die Scham im Kopf wohnt? Es zeigt, dass Veränderung, sprich Lernen, möglich ist. Scham wird, wie alle Gefühle, sehr stark geformt durch gesellschaftliche Leitlinien oder Werte. Religionen und Ideologien prägten und prägen unser Verhalten. Sie formen unser Gehirn bis hinein ins Alter.

Scham bietet die Chance, sich laufend in der Gemeinschaft unterstützend zu verorten. Schamlosigkeit stellt egoistische Motive in den Mittelpunkt. Mit Blick auf die Gemeinschaft wird ein neues Verhalten eingeübt, wo oben und unten, stark und schwach nicht einfach hingenommen wird. Das macht etwas mit unserem Hirn und schärft den Blick über uns selbst hinaus in die Gesellschaft und die Natur, wovon wir immer nur ein Teil sind. Wer sich schämen kann, bleibt lernfähig.

Unsere Empfehlungen

«Mein Job ist es, die Menschen aufzufangen»

«Mein Job ist es, die Menschen aufzufangen»

Der Basler Schlagersänger und Pfarrerssohn Vincent Gross singt in ausverkauften Hallen über die Liebe, über Ouzo und Aperol Spritz. Im Gespräch erzählt er, wie der Kirchenchor seine Karriere beflügelt hat und was seine Musik zum spirituellen Erlebnis macht.
Macht und Ohnmacht des Menschen in Goethes Faust

St. Gallen: Vortrag von Johannes Anderegg

Goethes Tragödie Faust ist eine Dichtung von erstaunlicher Spannweite. Sie handelt von Liebe und Betrug, Erotik und Sexualität, von Religion und Wissenschaft, von Recht und Unrecht und – besonders eindrücklich – von Macht und Ohnmacht. Es referiert Literaturwissenschaftler Johannes Anderegg.