Eine gar nicht so lustige Geschichte

Witz muss weg

von Heinz Mauch-Züger
min
14.07.2023
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Herr Witz ist fehlt am Platz und muss weg.

«Herr Witz, die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Unsere Produktivität sinkt! Was glauben sie, wird diese Entwicklung auslösen? Wir werden überholt. Der Wohlstand ist in Gefahr. Unproduktives Gelächter kostet uns letztlich unsere führende Position und hemmt den Fortschritt. Das können wir uns nicht leisten, Herr Witz.»

Geraldine Produktiv lehnte sich in ihrem Chefsessel nach vorne, «ich habe diesen Laden hier übernommen, damit wir auch in Zukunft ganz vorne mitmischen können. Da haben Leute wie sie keinen Platz mehr. Zeit ist Geld, Herr Witz, das wissen sie genau so gut wie ich. Sie müssen umdenken.»

«Aber fröhliche Menschen sind doch pro...» «Papperlapapp, Herr Witz, ernsthafte, konzentrierte Menschen sind produktiv. Mein Name ist Programm, Herr Witz, ihr Name ist das bestimmt nicht. So läuft das nun mal. Wer das Leben nicht ernst nimmt, muss sich nicht wundern, wenn er dann plötzlich im dritten oder vierten Glied steht und sich mit den Krümeln zufriedengeben muss. Wollen sie das, Herr Witz? Wollen sie das wirklich? Ich will das nicht. Und deshalb trennen sich hier unsere Wege. Ihre Funktion wird nicht mehr länger gebraucht, verstehen sie. Und nachdem ihre Versetzung in die Lagerreinigung nicht das erwartete Resultat gebracht hat, sehe ich für sie bei uns keine Zukunft mehr.»

Uproduktives gelächter hemmt den Fortschritt

«Aber das Lager war ja sauber und aufgeräumt», Moritz Witz hatte Schweissperlen auf der Stirn. «Ja, aus ihrer Sicht vielleicht,» Geraldine Produktiv beugte sich weiter vor über ihren hochglänzenden Chefpult und ihre Stimme wurde bedrohlich leise, «herumstehen und die Kolleginnen mit albernen Bemerkungen und Geschichten von ihrer Arbeit abhalten. Das geht nun einmal gar nicht, Herr Witz. Wir haben deutlich gesehen, dass die Arbeit in der Lagerreinigung tatsächlich in kürzerer Zeit geleistet werden kann, und wir haben die Pensen entsprechend angepasst. Da reichen in Zukunft zwei Leute. Da braucht es nicht mehr vier, die sich ihre Zeit mit Lachen auf unsere Kosten vertreiben. Silvia Humor und sie, Herr Witz, werden ab sofort nicht mehr benötigt. Reduce to the max! Verstehen sie?»

Moritz Witz zitterte leicht, sein Mund war trocken dafür die Hände feucht. «Wir haben gottseidank früh genug gemerkt, dass sie im Kundenservice mit ihrer unproduktiv-fröhlichen Art zu viel Zeit mit Heiterkeit verplempert haben. Und ihre Customer-Relationship-Kollegin Humor ebenfalls. Wir haben ihnen eine zweite Chance gegeben. Silvia Humor hat gestern unseren Betrieb verlassen und sie werden das heute tun. Glauben sie mir, es ist das Beste für uns alle.»

«Aber die Kolleginnen und Kollegen ...» «Werden sie und Frau Humor schnell vergessen, Herr Witz, und sie werden sich ohne störenden Einfluss und zeitfressendes Gelächter voll und ganz ihren Aufgaben widmen können. Das bringt uns vorwärts und dient am Ende allen. Ich meine, suchen sie sich doch einen Job in der Unterhaltungsindustrie. Nach Feierabend können die Leute meinetwegen lachen, soviel sie wollen. Solange sie dann zeitig auf der Matte stehen und ihren Job machen, stört mich das nicht. Doch hier, Herr Witz, hier bei uns wird es ernst. Nur so ist man produktiv. Das Leben ist kein Witz, Herr Witz, das Leben ist ernst. Wer das nicht so sieht, der ist bei uns fehl am Platz, Herr Witz. Der ist im Leben fehl am Platz, Herr Witz.» Geraldine Produktiv warf sich in ihrem Sessel zurück und grinste, «im Leben fehl am Platz! Der ist gut, Herr Witz, haha, der ist gut.» Geraldine Produktiv klopfte sich auf die Schenkel und schüttelte sich vor Lachen, «im Leben fehl am Platz, sehr gut, seeehr gut.» Umständlich klaubte sie sich ein Taschentuch aus ihrem Businesskostüm und wischte sich die Tränen aus den Augen.

Unsere Empfehlungen

Weltpremiere in St. Gallen

Weltpremiere in St. Gallen

Die Kirche St.  Laurenzen in St.  Gallen ist ein gotisches Bauwerk von nationaler Bedeutung. Die einmalige neue Surroundorgel wird ihr nun sogar zu internationaler Beachtung verhelfen. Der Rundumklang erfüllt den ganzen Raum und zieht wohl viele neue Besucher an. Nach fast achtjähriger Planungs- und ...
Gotteshaus, Gassenküche, Pferdestall

Gotteshaus, Gassenküche, Pferdestall

Kirchen und Klöster umzunutzen, ist keine neue Idee. Weil die Reforma­toren Gotteshäuser nicht mehr als ­heilige Orte betrachteten, erlebten diverse Kirchenbauten in der Schweiz seit dem 16. Jahrhundert erstaunlich ­wechselvolle Kapitel in ihrer Nutzungsgeschichte.
Jahreswechsel von Hand einläuten

Jahreswechsel von Hand einläuten

In der evangelischen Kirche in Alterswilen (TG) hängt eine Glocke, die zwar nicht mit den höchsten Superlativen punkten kann. Gerade zum Jahreswechsel spielt sie aber eine ganz besondere Rolle.