Werden wir unkritisch?

von Lars Syring
min
01.03.2026
Selbstgespräch eines Landpfarrers

Hallo Lars. Du hast ein neues Auto, habe ich gehört.

 

Es ist ein gebrauchtes. Das alte Auto ist nach knapp 200'000 Kilometern irreparabel liegen geblieben. Wir brauchten ein anderes. Leider baut VW den Sharan nicht mehr.

 

Das war ein tolles Auto. Da war so viel Platz drin! Toll. Und wie ist das eue?

 

Naja, das Auto fährt ganz gut. Aber die neue Technik nervt mich.

 

Warum das denn?

 

In dem neuen Auto gibt es viel mehr Technik. Das finde ich an sich gar nicht so schlimm. Aber leider gibt es auch Technik, die ich nicht dauerhaft ausschalten kann. Zum Beispiel piepst das Auto jedes Mal, wenn ich zu schnell fahre. Der Lenkassistent ist noch viel schlimmer! Der soll mich dabei unterstützen, die Spur zu halten. Der greift richtig in den Lenkprozess ein, das Lenkrad wackelt. Das ist absolut nervig.

 

Eigentlich sollte das Auto machen, was ich will, und nicht andersrum! [Er kratzt sich am Kopf.] Und das kannst du nicht abschalten?

 

Doch schon. Aber nicht für immer. Also stell dir vor: Du schaltest den Spur-Assistenten und das Piepsen aus, fährst zum Supermarkt, parkierst und schaltest dann den Motor aus. Dann kaufst du ein, gehst zurück zum Auto, lädst die Ware ein. Und sobald du den Wagen wieder einschaltest, sind beide Funktionen wieder komplett eingeschaltet! Und das Spiel geht wieder von vorne los.

 

Du wirst bevormundet! Die Klimaanlage bleibt ja auch auf dem letzten Wert stehen. Oder der Radiosender.

 

Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir bewusst für dumm verkauft werden. Die Technik nimmt uns gemäss Wunschliste der Politikerinnen und Politiker immer mehr Entscheidungen ab. Sie greift sogar, so wie der Lenkassistent, in meine Handlungen ein. Und je mehr ich so beeinflusst werde, desto unkritischer werde ich. Irgendwann verliere ich wesentliche Fähigkeiten. Kannst du noch Landkarten lesen und dich so orientieren? Ich will mein Denken und meine Aufmerksamkeit nicht an die Maschinen delegieren.

 

Wenn ich meinen Konfis zuhöre, ist die künstliche Intelligenz aus ihrem Schulalltag schon nicht mehr wegzudenken. Sie lösen damit alle möglichen Aufgaben. Was wir früher nicht durch eigenes Nachdenken knacken wollten, ist jetzt schwuppdiwupp gelöst.

 

Naja. Ich bin nicht technologiefeindlich. Ich finde nur, dass der Mensch letztlich entscheiden soll, was die Technik für ihn tut. Wir müssen entscheidungsfähig bleiben. Und dazu halte ich es für unaufgebbar, dass wir nach wie vor das kritische Denken pflegen.

 

Kritisches Denken? Was ist das denn? [Er grinst.]

 

Genau so fängt es an! Kannst du dich noch erinnern, damals in den Neunzigern? Da haben wir einander noch zugehört. Und wenn jemand eine andere Meinung hatte, dann haben wir nachgefragt. Wir wollten besser verstehen, was der andere meinte. Und damit haben wir unsere eigene Meinung überdacht und geprüft.

 

Manchmal frage ich mich, wie das mit der Demokratie weitergehen soll. Mehr und mehr haben wir uns von «Fakten» verabschiedet. Es gibt nur noch Interpretation und subjektive Wahrheiten. Und weil wir alle so sehr mit der Social-Media-Blase beschäftigt sind, kommt das Gespräch mit Menschen, die eine andere Meinung haben, viel zu kurz. Das ist eines der grossen Probleme der Demokratie.

 

Stimmt. Demokratie lebt von der kritischen Auseinandersetzung. Offenbar hat die Sympathie dafür massiv nachgelassen. In immer mehr Ländern, driften die Demokratien bis an den rechten Rand. Trump zeigt sehr deutlich, was dann passiert. Mit seiner sehr subjektiven Sicht auf die Welt, schert er sich einen Dreck um Fakten und demokratische Prozesse. Er entscheidet selbstherrlich.

 

Wenn wir nicht aufpassen, kann es zum Ernstfall für die Demokratie kommen. Demokratie kann sich leider selbst abschaffen. In der Weimarer Republik ist genau das passiert. Mit katastrophalen Folgen für die Menschen in Europa.

 

Lars Syring führte das Gespräch mit sich selbst kurz nach dem Angriff auf den Iran im März 2026

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