Selbstgespräch eines Landpfarrers

Wenn der Segen fliesst

von Lars Syring
min
06.04.2023
Pfarrer Lars Syring führte im März 2023 während einer Zugfahrt ein Gespräch mit sich selbst. Im Ruheabteil musste er flüstern. Der Segen wirkte trotzdem.

Herr Syring! Hallo! Schön, Sie wieder zu sehen.

Ja. Danke. Gleichfalls. Das ist mir immer eine Freude. [Er zögert.] Also eigentlich könnten wir jetzt auch Duzis machen, oder? Wir kennen uns schon so lange.

Das stimmt. Sehr gerne.

Das freut mich noch mehr. Also: Worum soll es denn heute gehen?

Um den Segen.

Oh. Toll! Mein Lieblingsthema.

Wie kommt das denn?

Mit dem Segen habe ich tolle Erfahrungen gemacht. Da gerät so viel ins Fliessen. Der Segen wirbelt durcheinander. Da wird unser Glaube so handgreiflich. Da merke ich immer, dass das, wovon uns die Bibel erzählt, nicht in erster Linie eine Sache des Kopfes ist, sondern des ganzen Körpers.

Erklär doch mal. Wie meinst du das?

Naja. Nehmen wir die Konfirmationen. Die haben ja jetzt wieder Saison. Wenn die Jugendlichen vor mir stehen und ich dann meine Hand über sie halte und die alten Worte spreche, dann sehe ich nicht nur auf dem Gesicht des Jugendlichen, dass das auch für ihn ein besonderer Moment ist. Da realisiert sich etwas, das grösser ist als wir beide zusammen. Das ist auch ganz körperlich erfahrbar. Da geht was durch mich durch, das ich selbst nicht hervorgebracht habe. Ich stelle mich quasi nur zur Verfügung. Und dann fliesst etwas.

Du meinst, dass Gottes Kraft durch Dich hindurch geht?

Ja. Genau. Das meine ich. Und das ist eine Erfahrung, die ich sonst im Alltag nicht oder nur selten mache. Aber am Ende des Gottesdienstes oder bei den speziellen Segenssituationen, zum Beispiel auch in der Seelsorge, ist das etwas anderes.

Hast Du das schon immer wahrgenommen?

Nein. Das spüre ich eigentlich erst seit meinem Vikariat. Da habe ich zum ersten Mal solche Erfahrungen gemacht. Früher hatte ich dafür noch kein Sensorium. Das kam erst bei der Konfirmation damals im Schönengrund. 2001 war das. Das hat mich fast aus den Socken gehauen. Weil ich damit auch überhaupt nicht gerechnet hatte. Bis dahin war Segen für mich einfach der Abschluss des Gottesdienstes. Mir war nicht klar, worum es da eigentlich im Kern geht. Das ist ja viel mehr als nur ein Zeichen, dass wir gleich wieder nach Hause können. Im Studium war das überhaupt kein Thema. Ich habe in dem Sinne also auch nicht segnen gelernt. Leider. Ich versuche das heute in den Kursen mit VikarInnen weiter zu geben.

Wie bist Du dem Segen auf die Spur gekommen? Hast Du jemanden gefunden, bei dem Du mehr lernen konntest?

Das war nicht so einfach. Zunächst musste ich ja überhaupt erst mal Worte finden, mit denen ich beschreiben konnte, was mir da passiert ist. Heute liest sich das so einfach. Aber das war damals überhaupt nicht leicht. Ich wollte ja auch nicht als verrückt gelten. Musste erst mal behutsam nach Worten suchen.

Wie hätte der Lars aus den Studienjahren reagiert, wenn Du ihm von deinen neuen Erfahrungen erzählt hättest?

[Er lacht.] Der hätte mir einen Vogel gezeigt. „So ein Quatsch“, hätte er gesagt. „Du spinnst. Das bildest Du Dir doch nur ein.“

Und was hättest du ihm geantwortet? [Er ist gespannt.]

Dass meine Erfahrung nicht zu hinterfragen ist. Ich weiss, was ich erlebt habe. Und dass war so eindrĂĽcklich, dass sie ausser Zweifel steht.

Und wie ging es weiter?

Ich habe von meinen Vikariatseltern den Tipp bekommen, bei Manfred Josuttis nachzulesen. Der war damals Professor in Göttingen und hat sich mit solchen Phänomenen auseinander gesetzt. Und kurze Zeit später kam tatsächlich ein Buch von ihm auf den Markt, das hiess: „Segenskräfte. Potentiale einer energetischen Seelsorge“. Und da beschreibt er sehr genau, was ich selbst erlebt hatte.

Konntest Du von ihm lernen? Ich stelle mir vor, dass das ja ein Wissen ist, das nur sehr begrenzt durch BĂĽcher weiter gegeben werden kann.

[Er nickt.] Ja. Und das ist genau das Problem. Es ist sehr sehr schwierig, auf diesem Gebiet kompetente LehrerInnen zu finden. Josuttis hat immer wieder betont, dass aus TheologInnen Geistliche werden müssten. Aber er hat in den Büchern nicht verraten, wie. Da blieb alles bei Andeutungen. Ich wollte mehr wissen und habe Manfred Josuttis irgendwann einfach angerufen und ihn eingeladen, mit unserem Pfarrkonvent eine Weiterbildung zu machen. Und er hat tatsächlich zugesagt! Ein ganzes Wochenende hat er mit uns im Missionshaus in Basel gearbeitet. Das war ganz grossartig. Aber mit seinen konkreten Übungen wollte er auch da nicht heraus rücken. Nur eine Morgenübung hat er uns gezeigt. Das war ein Teil seiner spirituellen Gymnastik. Irgendwann hat er erwähnt, dass er Kurse anbieten würde, mit dem Thema „Religion als Handwerk“. Dort würde es ganz konkret um die Praxis gehen. Meine Frau und ich haben uns sofort angemeldet. Das war eine intensive Zeit, in der ich sehr sehr viel gelernt habe.

Kannst Du uns eine dieser Ăśbungen vorstellen?

Ne. Das mussten wir ihm versprechen. Die werden nur im persönlichen Kontakt weiter gegeben. Das war ihm ganz wichtig. Und auf gar keinen Fall aufschreiben! Er wollte das schützen. Und es so auch aus der akademischen Welt heraushalten. Er hat auch immer wieder betont, dass wir zwar nachfragen konnten. Dann hat er bereitwillig alles noch mal erklärt. Aber er wollte das alles nicht diskutieren!

Diskutieren ist ja wieder nur im Kopf. Und ohne eigene Erfahrungen ist auch die Diskussion sinnlos.

Eben. Aber das verstehen viele AkademikerInnen nicht. Im Wahn, alles zu reflektieren, bringen wir uns um das Wesentliche. Aber wer die Übungen lernen möchte, kann sich gerne bei mir melden.

Sind so auch die Segensfeiern entstanden, die Du in BĂĽhler in der Kirchgemeinde anbietest?

Ja. Das ist eine der Früchte davon. Wir machen das ja fast schon seit Jahrzehnten. [Er grinst.] Ich habe ein ganz tolles Team. Wir haben geübt und jetzt übernehmen sie das Segnen. Pro Posten haben wir immer zwei Menschen. Der eine salbt und spricht. Der andere hält das Feld, in dem der Segen sich intensiviert. Auch das: sehr berührend. Nicht nur für die Menschen, die gesegnet werden, sondern für alle Beteiligten.

Aber Du kannst den Segen doch nicht erzwingen.

Nein. Natürlich nicht. Aber Gott hat sich trotzdem an unser Tun gebunden. Im Buch Numeri (4. Mose) stehen die alten Worte, die Gott den Priestern für den Segen empfiehlt. Die spreche ich in jedem Gottesdienst. „Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ Das ist der Text. Und dann kommt Gottes Versprechen: „So sollen sie [die Priester] meinen Namen auf die Israeliten legen, und ich werde sie segnen.“ Das ist doch grossartig, oder? Gott bindet sich da an unsere Worte. Gott segnet, wenn wir segnen.

Das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt. Es geht nicht um Deinen Segen. Sondern um Gottes Segen. Ihr kanalisiert ihn eigentlich nur, oder? Es geht nicht um Dich.

Das ist ganz ganz wichtig. Um mich geht es überhaupt nicht. Der Segen funktioniert für mich so wie ein Magnet. Deshalb finde ich den Namen dieser Zeitung, in der unsere LeserInnen gerade lesen, ja auch so toll. Die Worte und die Geste sind so wie ein Magnet früher im Physikunterricht, der dann die „Eisenspäne“ in unserem Körper wieder richtig ausrichtet. Und so entsteht ein schönes Feld, in dem alles wieder in Ordnung kommt. In dem auch Heilung geschehen kann – wenn Gott will.

Das ist beeindruckend. Wir mĂĽssen leider schon zum Ende kommen. Segnest Du mich bitte noch zum Abschluss?

Natürlich. Wenn Du möchtest. Ich werde dazu meine Hand auf Deinen Kopf legen. Ist das ok?

Na klar. [Er schliesst die Augen.]

[Er beugt sich zum ihm herüber und legt ihm die Hand auf den Kopf. Dann sagt er:] Lars, Gott segne Dich und behüte Dich. Gott lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden. Amen. [Er löst langsam seine Hand vom Kopf. Die beiden schauen sich kurz an. Die Stimmung, die Atmosphäre scheint sich verändert zu haben.]

Danke.

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