Führungen Waldfriedhof Schaffhausen

Von Spinnenforschern, Landesverteidigern und Bankrotteuren

von Carmen Schirm-Gasser
min
22.05.2024
SCHAFFHAUSEN | Die Waldfriedhofsführungen in Schaffhausen mit Markus Sieber widmen sich jedes Mal einem anderen Thema und bringen Erstaunliches zutage. Kein Wunder, dass sie so gut besucht sind. 

Ein sonniger Samstagnachmittag im Mai. Eine Gruppe von etwa 30 Menschen hat sich eingefunden, um an der beliebten Waldfriedhofsf├╝hrung von Markus Sieber teilzunehmen. Die Stimmung ist gel├Âst, man kennt sich noch nicht. Sp├Ąter dann werden sich die Teilnehmer austauschen, immer wieder eigene Erfahrungen einwerfen. Ein Ausflug, der Menschen zusammenbringt. Und viel Neues an Wissen liefert, w├Ąhrend man durch einen beinahe verwunschenen Wald schreitet und die Seele baumeln l├Ąsst.

Recherche im Archiv

Diesmal geht es um das Thema Verwandtschaft. Daf├╝r untersuchte Markus Sieber alle Gr├Ąber mit dem Namen Frey. Heraus kamen spannende Lebensgeschichten, ersch├╝tternde Familienschicksale, allesamt verbunden mit der historischen und wirtschaftlichen Entwicklung Schaffhausens.

F├╝r all diese Geschichten verbrachte Markus Sieber viel Zeit in Archiven. F├╝r jede F├╝hrung nimmt er sich ein anderes Thema vor, f├╝r das er dann Wochen im Voraus mit seinen Forschungen beginnt. Einmal nimmt er sich Architektur vor, ein anderes Mal Medizin.

 

Pfarrer Markus Sieber führt die rund 30 Teilnehmenden durch die Geschichten der Menschen, die auf dem Schaffhauser Waldfriedhof begraben sind. | Foto: zvg

Pfarrer Markus Sieber führt die rund 30 Teilnehmenden durch die Geschichten der Menschen, die auf dem Schaffhauser Waldfriedhof begraben sind. | Foto: zvg

 

Am Grab eines Volkshelden

Markus Sieber nimmt die Menschen mit auf eine wilde Fahrt durch die Geschichte Schaffhausens, seiner Unternehmen und Menschen. Es geht vorbei an knorrigen B├Ąumen, bl├╝hendem Rhododendron und schneeweissen Maigl├Âckchenfeldern.

Beim Grab von Oskar Frey bleibt man stehen. ┬źOskar Frey war schweizweit bekannt┬╗ hebt Markus Sieber an, ┬źwar er doch Vater der geistigen Landesverteidigung┬╗. Die Zuschauer nicken. ┬źSein Spruch aus dem Zweiten Weltkrieg ist bis heute bekannt: ÔÇ╣Wir halten fest mit hartem Grind, auch dann, wenn wir umzingelt sind.ÔÇ║┬╗

Er erz├Ąhlt noch mehr s├╝ffige Details aus dem Leben des Volkshelden, dann geht es weiter, zu einem anderen Frey, Theodor Vogelsanger-Frey. Dieser war Arzt und Spinnenforscher, hat drei B├╝cher ├╝ber Spinnen verfasst. Eine Spinne, die er in Schaffhausen entdeckt hatte, wurde nach ihm benannt: Robertus ungulatus Vogelsanger.

Geschichte wird lebendig

Unterdessen jagen sich ein paar Eichh├Ârnchen in den B├Ąumen. F├╝r einen Moment haben sie alle Aufmerksamkeit der Zuh├Ârer gepachtet. Markus Sieber sieht selbst gebannt zu den flinken Tierchen hoch. Dann holt er aus zu einem Exkurs ├╝ber die Wirtschaftsgeschichte Schaffhausens. Er erz├Ąhlt von Carl Maier, dem Gr├╝nder der Firma CMC, die Schaltanlagen produzierte und sp├Ąter 1992 von ABB ├╝bernommen wurde. ┬źCarl Maier war ein interessanter Mensch, ein T├╝ftler. Er hat zu Beginn der Elektrizit├Ąt Apparate konstruiert, was damals niemand konnte.

Ich lasse die Menschen nicht tot sein. Hier im Friedhof leben alle für mich.

Auch tragische Geschichten kommen an diesem Tag ans Licht. Wie jene von Ulrich Z├╝ndel (er hatte eine Berta Frey geheiratet, deshalb kommt er in der Frey-Dynastie vor). Die Bank Z├╝ndel war das erste Bankhaus von Schaffhausen, am Herrenacker. Irgendwann hatte man damit angefangen, Industrien aufzukaufen, in diesem Fall die Ziegeleien Hofen und Thayngen. Als diese w├Ąhrend des Ersten Weltkriegs in die Krise schlitterten, geriet auch die Bank in eine Krise. Ulrich Z├╝ndel musste seine Bank liquidieren, die es seit 100 Jahren gab. Auch seine Backsteinvilla an der Steigstrasse musste er verkaufen und zog nach Z├╝rich.┬á

Kompromisse auf dem Friedhof

Weiter geht es, vorbei an muslimischen Gr├Ąbern. F├╝r Markus Sieber ein wunderbares Beispiel der Integration, wie er sagt. ┬źIntegration heisst, Kompromisse zu machen. Wir machen einen Schritt, die anderen machen auch einen Schritt.┬╗ Die Friedhofsverwaltung des staatlichen Friedhofs erlaubte den Muslimen, dass ihre Gr├Ąber gegen Mekka ausgerichtet werden d├╝rfen. Daf├╝r mussten die Begrenzungen weg, die eigentlich typisch f├╝r muslimische Gr├Ąber sind, aber nicht in unserem Kulturkreis.

Ein tr├Âstlicher Ort

Markus Sieber, 70, macht die F├╝hrungen seit f├╝nf Jahren. Diese sind stets gut besucht, ohne dass er gross Werbung daf├╝r machen w├╝rde. Zuvor war er Pfarrer in Schaffhausen, ist mit Trauerfamilien viele Male diese Wege durch den Wald gelaufen. ┬źHier ist eine grosse Gemeinschaft. Das ist einfach ein sch├Âner und guter Ort f├╝r die letzte Ruhe, es ist auch ein tr├Âstlicher Ort, mit all diesen V├Âgeln und B├Ąumen. Wir werden irgendwann dazu geh├Âren. Es ist eine Art, sich damit vertraut zu machen.┬╗ Nimmt er mit seinen F├╝hrungen den Menschen die Angst vor dem Tod? Markus Sieber ├╝berlegt. ┬źIch lasse die Menschen nicht tot sein. Hier im Friedhof leben alle f├╝r mich.┬╗┬á

 

Waldfriedhofsführungen

Jeweils am 2. Samstag im Monat führt Markus Sieber durch den Waldfriedhof Schaffhausen. Beginn der Führungen ist um 14.30 Uhr und dauert ca. 1 Stunde und 15 Minuten. Die Besammlung ist vor der Abdankungshalle, die Führung ist kostenlos, ein freiwilliger Beitrag ist willkommen.

Von 1. September bis 3. November l├Ądt eine Kunstinstallation des K├╝nstlers Matthias Zurbr├╝gg die Besucherinnen zum Nachdenken ein. Die Ausstellung wird durch inszenierte F├╝hrungen mit Musik und Lesungen von literarischen Texten erg├Ąnzt.

N├Ąchste Daten: Samstag, 8. Juni (Eingang Waldfriedhof), 10. August, 14. September, 12. Oktober

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