Vom kreativen Prozess
Auf seiner Website können Fans Nick Cave Fragen stellen. Neulich haben zwei nach der künstlichen Intelligenz (KI) beim Schreiben von Liedern gefragt. Die Aufregung um ChatGPT, einem KI-Programm, sei gross, meinten sie. Und einer kenne einen Sänger, der das Programm zum Schreiben von Liedtexten nutze. Das sei schneller und einfacher.
Hier ist die Antwort von Nick Cave:
«In der Geschichte der Schöpfung macht Gott die Welt und alles darin in sechs Tagen. Am siebten Tag ruht er sich aus. Der Ruhetag ist bedeutsam, weil er darauf hindeutet, dass die Schöpfung eine gewisse Anstrengung Gottes erforderte, dass eine Form von künstlerischem Kampf stattgefunden hatte. Dieser Kampf ist der bestätigende Impuls, der Gottes Welt ihre intrinsische Bedeutung verleiht. Die Welt wird zu mehr als nur einem Objekt voller anderer Objekte, sondern ist vielmehr vom Lebensgeist, dem Pneuma [griech. für Geist, Wind], ihres Schöpfers durchdrungen.
ChatGPT lehnt jede Vorstellung von kreativem Kampf ab, von unserem Bemühen, unser Leben zu beleben und zu pflegen, indem wir ihm Tiefe und Bedeutung verleihen. Es lehnt ab, dass es einen kollektiven, essenziellen und unbewussten menschlichen Geist gibt, der unserer Existenz zugrunde liegt und uns alle durch unser gegenseitiges Streben verbindet.
Es ist unser Streben, unsere Anstrengung, welches zur Essenz der Bedeutung wird.
ChatGPT beschleunigt die Kommerzialisierung des menschlichen Geistes, indem es die Vorstellungskraft mechanisiert. Es macht unsere Teilnahme am Schöpfungsakt wertlos und unnötig. Dieser ‹Songwriter›, mit dem du gesprochen hast, Leon, der ChatGPT benutzt, um ‹seine› Texte zu schreiben, weil es ‹schneller und einfacher› ist, nimmt an dieser Erosion der Seele der Welt und des Geistes der Menschheit selbst Teil und sollte, um es höflich zu sagen, verdammt noch mal darauf bestehen, wenn er sich selbst als Songwriter bezeichnen will.
Die Absicht von ChatGPT ist es, den Entstehungsprozess und die damit verbundenen Herausforderungen zu eliminieren und ihn als nichts anderes als eine zeitverschwendende Unannehmlichkeit zu betrachten, die der Ware selbst im Weg steht. ‹Warum streben?›, behauptet es. Warum sollte man sich mit dem künstlerischen Prozess und den damit verbundenen Herausforderungen beschäftigen? Warum sollten wir es nicht ‹schneller und einfacher› machen?
Als der Gott der Bibel auf das schaute, was er geschaffen hatte, tat er dies mit einem Gefühl der Erfüllung und sah, dass ‹es gut war›. ‹Es war gut›, weil es etwas von seinem eigenen Selbst erforderte, und sein Kampf durchdrang die Schöpfung mit einem moralischen Imperativ, kurz gesagt, Liebe. Auch wenn der kreative Akt erhebliche Anstrengungen erfordert, wirst du am Ende zu dem riesigen Netzwerk der Liebe beitragen, das die menschliche Existenz unterstützt. Es gibt alle möglichen Versuchungen auf dieser Welt, die deinen kreativen Geist auffressen werden, aber keine ist teuflischer als diese grenzenlose Maschine der künstlerischen Demoralisierung, ChatGPT.
Als Menschen fühlen wir uns so oft hilflos in unserer eigenen Kleinheit, aber wir finden immer noch die Widerstandsfähigkeit, schöne Dinge zu tun und zu machen. Und hier liegt der Sinn des Lebens. Die Natur erinnert uns ständig daran. Die Welt wird oft als ein rein bösartiger Ort betrachtet, aber dennoch breitet sich die Freude [an] der Schöpfung aus. Und während die Sonne über dem Kampf des Tages aufgeht, tanzt der Haubentaucher auf dem Wasser. Es ist unser Streben, unsere Anstrengung, welches zur Essenz der Bedeutung wird. Dieser Impuls – der kreative Tanz – der jetzt so zynisch untergraben wird, muss um jeden Preis verteidigt werden, und so wie wir jedes existenzielle Übel bekämpfen würden, sollten wir es bis zum Äussersten bekämpfen, denn wir kämpfen für die Seele der Welt.»
Vom kreativen Prozess