Fokusthema: KI, die Allmächtige

Verstehen Sie «Orkaisch»?

von Annette Spitzenberg
min
01.02.2026
Künstliche Intelligenz (KI) ist überragend schnell. Dies verändert unsere Arbeitswelt, macht einige Berufe überflüssig und kann uns gehörig unter Druck setzen. Gegentrends sind Bewegungen, welche die Langsamkeit betonen wie Slow Food. Doch KI kann auch ein Segen sein, wenn sie uns Begegnung ermöglicht – vielleicht zukünftig sogar über Artgrenzen hinweg.

«Wir verstehen dich nicht: Was heisst jüdische Seilbahnen?» Ich sitze mit einigen afghanischen Frauen in der Stube im Flüchtlingszentrum. Wir unterhalten uns auf Dari, eine der dortigen Sprachen. Natürlich bin ich ihrer nicht mächtig, daher verständigen wir uns mithilfe des Googleübersetzers. KI ist eine grosse Hilfe, sonst wäre es mir nicht möglich, mit ihnen zu kommunizieren. Doch manchmal ist die Übersetzung lustig und sinnbefreit. Wir lachen herzlich und ich formuliere nochmals, was ich hatte sagen wollen.

Selbstlernende KI-Programme toppen menschliche Rechengeschwindigkeit um ein Vielfaches

Das Computerprogramm Alpha Zero von DeepMind brachte sich durch Kenntnis der Spielregeln, der Siegbedingungen und intensivem Spielen gegen sich selbst innerhalb von neun Stunden Schachspiel auf so hohem Niveau bei, dass die bislang besten Schachcomputer geschlagen wurden. Kein menschlicher Schachweltmeister könnte diese Lerngeschwindigkeit toppen!

Schnelligkeit ist Segen und Fluch gleichzeitig. Sie ist Segen, wenn Geschwindigkeit von Vorteil ist. Sie ermöglicht mir in Sekundenbruchteilen, Mails zu finden, und spart mir Suchzeit. Doch dieselbe Geschwindigkeit setzt menschliche Arbeitsprozesse unter Druck. Wir können nicht mithalten. Berufe verschwinden oder verändern sich, auch solche, die nicht direkt mit KI zu tun haben. Ich denke an das Gesundheitssystem. Die Medizin macht Fortschritte, minimalinvasive Eingriffe lassen Operationen verträglicher werden und führen zu schnellerer Entlassung aus dem Spital – und dennoch lassen sich etliche Heilungsprozesse nicht abkürzen. Dies gilt erst recht, wenn die Seele betroffen ist. Die Zahl der Menschen, die unter der Schnelligkeit und dem damit einhergehenden Druck leiden und deswegen krank werden, steigt.

In der Langsamkeit können Dinge reifen wie ein Käselaib.

Langsamkeit als Gegentrend

Es gibt auch gegenläufige Bewegungen. Slow Food steht für lokales, saisonales Essen, welches traditionell zubereitet wird, Spezialitäten und Sorten aus der Region werden gefördert. Slow Fashion heisst es bei der Kleidermode. Entschleunigung, langsamer werden, darin kann Segen liegen. In der Langsamkeit können Dinge reifen wie ein Käselaib. Gereiftes wird geniessbar, in der Stille und mit der Zeit wachsen Antworten. Im Innehalten können Augenblicke des Staunens möglich werden.

Ein solcher Moment wurde mir kürzlich geschenkt, als ich winterwandernd unterwegs war. Plötzlich erblickte ich ungefähr 20 Meter vor mir eine Schar Gämsen, die nacheinander den Weg kreuzten. Ich stand reglos und schaute. Als Zweitletztes der Gruppe kreuzte ein Jungtier den Weg, dieses erspähte mich und stand bockstill. Es wusste wohl nicht so recht, ob von mir eine Gefahr ausgehe oder nicht. Schliesslich ging es weiter und ihm folgte als letztes der Bock, der ebenfalls zu mir sah. Dieser hielt mich wohl eher für eine Bedrohung und er sprang bald in grossen Sätzen seiner Schar nach. Es war ein völlig KI-freier Moment des Staunens und der Dankbarkeit für diese Begegnung.

Forschen, lernen, verstehen

Staunen und Künstliche Intelligenz müssen sich nicht zwingend widersprechen. Ich sah kürzlich eine Dokumentation, in der ein Forscherteam die differenzierte Sprache der Orkas untersucht. Sie möchten herausfinden, ob es möglich ist, ihre unterschiedlichen Rufe und Dialekte zu verstehen. Dafür kombinieren sie aufwändige Beobachtungen, Aufzeichnungen der Tonfolgen und selbstlernende Programme, die die Tonfolgen zu entschlüsseln versuchen und Muster zuordnen. Ich staune. Es wäre faszinierend, wenn nicht nur Dari gelernt werden könnte, sondern auch «Orkaisch».

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