Silent Friend

Stiller, starker Freund

von Vera Rüttimann
min
17.02.2026
Im derzeit laufenden Kinofilm «Silent Friend» ist ein alter Ginkgo der Star. Regisseurin Ildikó Enyedi stellt in diesem Film Fragen wie: Können Pflanzen sprechen? Der Theologe und Autor Pierre Stutz hat sich den Film angesehen.

Der alte Ginkgo in «Silent Friend», der im botanischen Garten der Philipps-Universität in Marburg steht, strahlt eine spürbare Energie aus. So eine Erfahrung mit einem Baum kennt auch Pierre Stutz. Der Schweizer Theologe und spirituelle Bestsellerautor lebt mit Bäumen. «Als einmal einer meiner Lieblingsbäume gefällt wurde, entstand in mir eine Leerstelle. Das zeigt, dass wir mit der Schöpfung viel mehr verbunden sind, als wir es annehmen», sagt er.

So folgte auch Pierre Stutz unlängst im Kino den drei Lebensläufen aus verschiedenen Epochen, die mit dem Ginkgo-Baum eng verknüpft sind: Der Neurowissenschafter Tony wird als Gastprofessor an der Philipps-Universität in Marburg 2020 vom Lockdown überrascht. Die Langeweile vertreibt er sich, indem er die Energieströme des Ginkgos misst. Anfang der 1970 will die Studentin Gundula und ihr Mitbewohner Hannes mithilfe einer selbst gebauten technischen Konstruktion an einer empfindsamen Geranie beweisen, dass auch Pflanzen eine Form von Wahrnehmung besitzen. Und hundert Jahre zuvor wird die talentierte Grete am selben Ort als erste Frau zum Biologiestudium zugelassen.

 

Pierre Stutz: «Das Wesentliche geschieht nicht im Spektakel, sondern im aufmerksamen Wahrnehmen der Natur.» | Foto: Andrea Göppel

Pierre Stutz: «Das Wesentliche geschieht nicht im Spektakel, sondern im aufmerksamen Wahrnehmen der Natur.» | Foto: Andrea Göppel

 

Doch wie reden mit Pflanzen? Pierre Stutz beschreibt seinen eigenen Erfahrungen so: «Wir können mit Bäumen kommunizieren, indem wir entschleunigen, langsamer und achtsamer werden. Alles ist beseelt von einem göttlichen Lebensatem.» Immer, wenn er an einen Ort komme, suche er gezielt einen Baum auf und umarme ihn: «Einen Baum zu umarmen und himmelwärts zu schauen, das tut mir immer wieder sehr gut. Ich werde körperlich aufgerichtet, spüre meine eigenen Wurzeln und trete mit etwas Grösserem in Kontakt.»

Wenn Bäume zu uns sprechen

Wie aber reden Pflanzen zu uns? Pierre Stutz schreibt in seinem Buch «Die spirituelle Weisheit der Bäume – Eine Entdeckungsreise» davon, dass Bäume auf eine ganz eigene Weise «mit uns sprechen» können. Nicht im wissenschaftlichen Sinn, sondern als spirituelle Erfahrung, in der Mensch und Baum in einen inneren Dialog treten können.

Der Autor sagt, dass die Bäume ihm «tiefe Lebensweisheiten» vermittelt haben. «Die Bäume sagen mir beispielswiese, dass es wichtig sei im Leben, Wurzeln zu haben. Je tiefer meine Wurzeln sind, umso mehr kann ich mich auf meine Äste hinauslassen und ich verliere die Angst vor dem Fremden. Wir brauchen die Weiten, wenn wir uns entfalten wollen.»

Im diesem cineastischen Meisterwerk erleichtert sich der Neurowissenschaftler Tony nach einem nicht bekömmlichen Essen zu Füssen des Ginkgos. Leute lehnen sich an seinen Stamm oder besteigen sein Geäst. Was nimmt der Baum wahr? Haben Pflanzen ein Gefühlsleben? Pierre Stutz sagt dazu: «Ich weiss, dass die Wurzeln der Bäume gehirnähnliche Strukturen haben und sie untereinander über Wurzelsysteme und chemische Signale kommunizieren.» Sogar auf Licht, Berührung und Verletzungen könnten sie reagieren, so Stutz.

 

 

Aufmerksam wahrnehmen

«Silent Friend» ist eine äusserst poetische Meditation über die Grenzen unserer Wahrnehmung. Die Kamera führt den Betrachter in das Innere des Wurzelwerks des Ginkgos und visualisiert sie als ein weit verzweigtes Netz von Nervenströmen. Sie begleitet Schnecken, die langsam die Baumrinde hochkriechen. Es zirpt, raschelt und fiept aus dem Baum. Pierre Stutz sagt: «Das Kino wird hier zur Schule des Sehens und des Hörens.»

Besonders sinnlich ist auch die Art, wie hier Stille inszeniert wird. Man hört den Baum atmen. Diese Stille ist nicht leer, sondern erfüllt. «Dieser Film scheint zu sagen: Das Wesentliche geschieht nicht im Spektakel, sondern im aufmerksamen Wahrnehmen der Natur», sagt der Pierre Stutz.

«Silent Friend» ist wohl der erste Film, in dessen Abspann Pflanzen als gleichrangige Hauptdarsteller genannt werden.

 

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Pierre Stutz ist einer der bekanntesten spirituellen Lehrer der Schweiz. Zu seinem 70. Geburtstag hat er eine Autobiografie geschrieben, die erzählt, wie er zu sich selbst fand. Im Februar kommt er in die Citykirche Zug.