Rita Famos in Teufen

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29.03.2023
Die reformierte Kirche Teufen hat Rita Famos eingeladen. Am 17. März war sie für ein Podiumsgespräch zu Gast. Dort stellt sie sich den Fragen von Pfarrerin Andrea Anker. Der TP hat sie jetzt schon verraten, weshalb Kultur und Unterhaltung in der Kirche durchaus Platz haben, eine ökumenische Zusammenarbeit nicht überall Sinn macht und «Alltagstrott» für sie ein Fremdwort ist.

Sie kommen diese Woche nach Teufen. Haben Sie unser Dorf bereits gegoogelt?

Im Appenzellerland war ich natürlich schon oft, aber ich muss gestehen: Bisher war ich noch nicht in Teufen. Aber ich habe gegoogelt und gesehen, dass Teufen den Bär als Wappentier hat. Da wird mir als Bernerin natürlich warm ums Herz.

Man sagt, die Schweiz endet hinter Winterthur. Gilt das auch für die Kirche?

Nein! Das stimmt keinesfalls! Der «Ostgipfel» ist eine starke Fraktion in unserer Synode (nationales Kirchenparlament). Unsere Kirche hat ohnehin kein Ende, sie geht rund um die Welt.

Teufen ist eine ländliche Gemeinde. Sie waren Pfarrerin in Uster und Zürich-Enge. Hat der Glaube auf dem Land einen höheren Stellenwert als in den Städten?

Der Glaube wohl nicht. Aber die Kirche als Institution vielleicht schon.

Jedes Jahr treten mehrere tausend Menschen in der Schweiz aus der Kirche aus. Als häufigsten Grund dafür geben Menschen «fehlenden Glauben» an. Kann die Kirche etwas tun, um Menschen diesen «Glauben» wieder näherzubringen?

Die Kirche ist ja keine Glaubensagentur, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die seit 2000 Jahren versuchen, was uns Jesus Christus gelehrt hat, zu leben. Ich glaube, heute müssen wir uns gegenseitig Mut machen, von dem zu sprechen, was uns trägt, dem, was wir hoffen und über den, an den wir glauben.

«Die Kirche ist ja keine Glaubensagentur, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die seit 2000 Jahren versuchen, was uns Jesus Christus gelehrt hat, zu leben.»

Dafür erfreuen sich Freikirchen grosser Beliebtheit. Was machen sie anders?

Sie wachsen eigentlich auch kaum. Aber sie verlieren keine Mitglieder. Das hängt damit zusammen, dass ihre Mitglieder häufig sehr engagiert und involviert sind. Jede einzelne Freikirche hat eine theologisch und soziologisch definierte Zielgruppe, die sie anspricht. Die Landeskirchen sind demgegenüber auch für Menschen da, die ihre Mitgliedschaft weniger aktiv leben. Und das finde ich nach wie vor gut so. Aber wir brauchen Menschen, die auch mit denen in Beziehung bleiben, so dass sie sich in der Kirche gut aufgehoben fühlen.

Auch die katholischen und evangelischen Kirchen sind kreativ und offen für Neues. In Teufen wurde zuletzt ein «Fasnachts-Gottesdienst» gefeiert – mit Guggenmusik und Clownin. Ist die Kirche der richtige Ort für Konzerte, kulturelle Anlässe, Podiumsgespräche etc.?

Aber sicher! Die Menschen, die in der Kirche sind, sind ja nicht nur Kirchenmitglieder. Sie sind auch in einem Sport- oder Musikverein, gehen ins Theater, lesen Bücher. Es gehört zu der Kirche dazu, dass alle ihre Talente einbringen und wir diese Vielfalt abbilden und leben.

Die katholische und die reformierte Kirche teilen sich die sinkende Anzahl Mitglieder. Braucht es da noch mehr ökumenische Zusammenarbeit?

Ich finde ökumenische Zusammenarbeit zwar in vielen Bereichen hilfreich. Etwa wenn es um Seelsorge in Institutionen oder die Diakonie geht. Aber bei viel Gemeinsamem trennt uns ja auch einiges und es macht einen Unterschied, ob ich reformiert oder katholisch bin. Gerade als Frau. Den Mitgliederschwund werden wir deshalb wohl nicht gemeinsam angehen.

Die Kirche ermutigt ihre Mitglieder, die ja auch Bürgerinnen, Arbeitgeber, Politikerinnen, Wissenschaftler etc. sind, ihre christliche Position in ihrem Verantwortungsbereich umzusetzen.

Ihr Auftritt in Teufen wird unter anderem damit angekündigt, dass Sie die erste Frau an der Spitze der evangelisch-reformierten Kirche sind. Ist das überhaupt relevant?

Ja. Vielleicht weniger für uns Reformierte in der Schweiz. Aber ökumenisch und global schon. Wir reformierten Frauen stehen damit in der weltweiten Kirche auch in einer besonderen Verantwortung.

Wie muss man sich den Alltag der Präsidentin der evangelischen Kirche vorstellen?

Ich habe kaum einen Alltag. Kaum ein Tag gleicht dem anderen. Ich treffe spannende Menschen aus vielen verschiedenen Zusammenhängen, leite die Ratssitzungen, schreibe Predigten und Vorträge, gebe Interviews, informiere mich über wichtige politische Vorlagen und repräsentiere die Reformierte Kirche gegenüber den Bundesbehörden und in der internationalen Ökumene.

Die Kirche hat eine lange, humanitäre Tradition. Welche Verantwortung kommt ihr in der aktuellen Weltlage zu?

Die Kirche ermutigt ihre Mitglieder, die ja auch Bürgerinnen, Arbeitgeber, Politikerinnen, Wissenschaftler etc. sind, ihre christliche Position in ihrem Verantwortungsbereich umzusetzen. In ihr finden sich viele Menschen guten Willens zusammen, die ihre Zeit als Freiwillige im humanitären Engagement zur Verfügung stellen. Und ich bin davon überzeugt, dass die Kirche mit ihren Gottesdiensten, Gebeten, der Seelsorge auch ein Ort ist, wo Menschen, die verunsichert sind durch diese sich überlagerten Krisen, Orientierung, Hoffnung und Halt finden.

Zum Abschluss: Welche ist Ihre Lieblingsgeschichte aus der Bibel und warum?

Ich habe viele Lieblingsgeschichten und je nach Lebenslage wird die eine oder die andere zur Lieblingsgeschichte, die mich gerade besonders anspricht. Immer wieder gerne lese ich die Geschichte der Emmausjünger, die nach der Katastrophe von Karfreitag unterwegs sind, einander ihre Verzweiflung erzählen und erst spät merken, dass Jesus an ihrer Seite geht. Sie zeigt, dass es keine gottverlassenen Momente gibt, auch wenn wir das manchmal so empfinden (zu lesen im Lukasevangelium 24, 13-35).   nek

Autor/in: Nerina Keller | 16.03.2023 |

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