Perfekt im Unperfekten

von Judith Husistein
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01.01.2026
An unserem Kühlschrank hängt diese Karte, herausgegeben vom Ostschweizer Forum für Psychische Gesundheit ofpg.ch. Sie erinnert mich stets daran, dass es keine perfekten Menschen gibt und führt dazu, dass auch unsere Grosskinder nach der Bedeutung dieses Bildes fragen.

Doch wie wäre der perfekte Mensch, falls es ihn gäbe? Wie sahen die Ansprüche aus, die Sie in Ihrer Kindheit und später als Erwachsene an sich stellten? Strebten Sie vielleicht gute Schulleistungen, attraktives Aussehen, Erfolg im Beruf, Glück in der Partnerschaft, Perfektion in der Rolle als Eltern an? Die Liste dessen, was für viele Menschen erstrebenswert ist, liesse sich beliebig verlängern. Was uns Ältere oft unter Druck setzte, ist für die heutigen Jungen durch die sozialen Medien noch bedeutend schlimmer geworden. Vorbilder, welche unerfüllbare Massstäbe setzen, Kritiken, Abwertungen und Verletzungen in Chats können das Selbstwertgefühl besonders bei Jugendlichen nachhaltig schädigen.

Vorwärts leben und rückwärts verstehen

Rückblickend weiss ich, dass auch ich von mir, unseren Kindern und meinem Umfeld oft zu viel erwartet habe. Mit mehr Lebensjahren und Erfahrungen kann sich vieles relativieren. Der Blick richtet sich nicht mehr so sehr auf das, was nicht gelungen ist, sondern auf die vielen Dinge, die sich gut entwickelt haben. Bei meiner Arbeit im Umfeld der Schule wurde mir besonders bewusst, wie unterschiedlich Menschen sind. Oft waren es genau jene Kinder mit schwachen Schulleistungen, welche sich durch Hilfsbereitschaft, Höflichkeit oder besonderen Begabungen auszeichneten. Unvergessen ist jener Lehrer, welcher ein Mädchen, dem der Schulstoff Mühe bereitete, ermutigte, an einem grossen Dorffest auf der Bühne ein Solo zu singen. Es schaffte das mit Bravour und genoss den Applaus. Das Wissen, dass die Schule zwar wichtig ist, das Leben später jedoch ungeahnte Stärken zum Vorschein bringen kann, macht gelassener.

Selbstvertrauen stärken

Mit einer gewissen Altersmilde nehme ich heute am Leben und der Entwicklung der Menschen in meinem Umfeld teil. Das Vertrauen, dass unsere Grosskinder ihren Weg finden werden ist gross. Ich bin überzeugt, dass das Kind, dem lesen und schreiben etwas schwerer fallen, durch seine Herzenswärme und seine handwerklichen und mathematischen Fähigkeiten im Leben und im Beruf Erfüllung finden wird. Ich weiss, dass der Enkel mit einer Aufmerksamkeitsstörung dank seiner sozialen Art und dem ausgeprägten Interesse für alles Technische seinen Weg gehen wird. Dankbar nehme ich zur Kenntnis, wie eines der Kinder nach einem Schulwechsel aufblüht.

Wichtiger als überhöhte Leistungen und Perfektionismus zu erwarten, scheint es mir, in jedem Menschen die Stärken zu sehen und sein Selbstvertrauen zu fördern. Dazu gehört wohl auch, uns selbst mit mehr Nachsicht zu betrachten und nicht überzubewerten, was nicht gelungen ist. Kürzlich durfte ich einen Ausschnitt aus dem Brief eines Jugendlichen mitten in der Pubertät lesen. Altersentsprechend herrscht zwischen ihm und seinen Eltern oft dicke Luft. Und doch schreibt er: «Liebes Mami, du hast mich neun Monate in deinem Bauch getragen, bist seit Tag Eins immer für mich da. Du glaubst auch in schweren Minuten an mich und liebst mich bedingungslos.» Ist es nicht genau das, was zählt? Bedingungslos.

Perfekt im Unperfekten

Könnte das Bild auf der Karte möglicherweise auch so aussehen, dass alle auf der linken Seite stehen? Vielleicht sind wir ja genau so perfekt, wie wir sind. Durch unsere Unvollkommenheit und Unterschiedlichkeit in Aussehen, Verhalten, Leistung und Charakter.

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Wenn ich mir anschaue, was mir in den mehr oder weniger sozialen Medien vorgeschlagen wird, habe ich manchmal den Eindruck, als wollten mir ganz viele Leute erklären, wie ich besser leben kann.
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Dieser Beitrag bringt mich weit zurück an’s Ende der regulären Schulzeit. Das dritte Sekundarschuljahr neigte sich seinem Ende zu und mir war das mehr als recht.