Mach dies, dann...

von Lars Syring
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01.01.2026
Wenn ich mir anschaue, was mir in den mehr oder weniger sozialen Medien vorgeschlagen wird, habe ich manchmal den Eindruck, als wollten mir ganz viele Leute erklären, wie ich besser leben kann.

«Mach dies und du wirst…», «Werde gesund und fit in 5 Schritten.» Dazu Übungen für den Mann ab 50. Ernährungstipps, weil ich mich ja grundsätzlich völlig falsch verhalte, schlicht, weil ich es nicht besser weiss. Und das soll sich jetzt endlich ändern. Verschiedene Anbieterinnen und Anbieter, die alle wunderschön aussehen, wissen sehr viel besser, was für mich gut ist, als ich selbst. Sie erklären mir auch, wie ich bessere Fotos machen kann, ohne dass sie jemals ein Bild von mir gesehen haben. Weder kenne ich sie, noch sie mich.

Woher kommt dieses Geschäftsmodell, dass mir gänzlich unbekannte Menschen den Eindruck haben, ich müsste mich verändern, bestenfalls verbessern? Warum ist so vieles, was mir auf den sozialen Medien begegnet, so an meinen Defiziten orientiert? Oder besser gesagt, an meinen Entwicklungspotenzialen?

Ich habe den Eindruck, dass das eine seltsame Frucht der abendländischen Kulturgeschichte ist. Seit Augustin, der Kirchenvater, im 4. Jahrhundert mit seiner unseligen «Erbsündenlehre» die westlichen Kirchen geprägt hat, sind alle von der grundsätzlichen Verderbtheit des Menschengeschlechts überzeugt. Sogar unsere westlichen Reformatoren sprachen zwar nicht so direkt von der Erbsünde, betonten aber die Sündenlast, die die Menschen niederdrückt. Das spielt dem Kapitalismus natürlich wunderbar in die Hände, weil sich so immer neue Bedürfnisse wecken lassen, um uns «heil», «komplett» zu machen - oder zumindest zu besseren Menschen.

Christus hat niemanden zur Selbstoptimierung aufgefordert. Im Gegenteil.

Interessanterweise spielt die Erbsünde in anderen Kirchen überhaupt keine Rolle. In der Ostkirche ist sie ganz unbekannt und das, was wir heute das keltische Christentum nennen, das sich von Irland über Schottland auf dem Kontinent ausgebreitet hat, betont die grundsätzliche Gutheit des Menschen, der schlicht anfällig für die Sünde ist.

Der biblische Befund ist klar. In der Bibel gibt es keine Erbsünde. Zur Begründung wird gerne die Geschichte von Adam und Eva herangezogen. Wie sich aber inzwischen herum gesprochen haben sollte, kommt das Wort «Sünde» in der ganzen Geschichte überhaupt nicht vor. «Sünde» betritt erst in der Geschichte von Kain und Abel die Bühne. Sie wird als Macht vorgestellt, die an der Türschwelle lauert und uns anfallen will. Und dann der ausdrückliche Auftrag: «Du aber herrsche über sie!» (Gen 4). Das ist nicht nur Auftrag. Das ist auch Ermutigung! Du kannst das, sagt die Geschichte. Du hast alle Möglichkeiten. Also mach was draus.

Damit bleibt Gottes Feststellung am siebten Tag der Schöpfung bestehen: «Und siehe, es war alles sehr gut!» Der Anfang des Johannesevangeliums nimmt diesen Faden auf und stellt klar: «Er war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der zur Welt kommt.» Mit «Er» ist der Logos gemeint, der am Anfang der Schöpfung bei Gott war. Das Licht, das anders ist als das Licht der Sonne oder der Glühbirnen. Dieser Logos ist dann in Christus Fleisch geworden. Und hat, soweit ich weiss, niemanden zur Selbstoptimierung aufgefordert. Im Gegenteil. Er war da und hat geliebt. Bedingungslos. Und gerade dadurch hat er den Menschen in seiner Nähe neue Möglichkeiten des Lebens eröffnet. Gottes Licht ist tiefer in uns eingepflanzt als alles, was falsch läuft. Gottes Licht leuchtet in dir!

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