Jesus, der (S)In(n)fluencer
«Jesus sah die Volksmenge an und stieg auf den Berg… Und er begann feierlich zu reden und lehrte sie.» «Die Volksmenge hörte davon und folgte ihm aus den Städten… Es waren etwa 5.000 Männer, nicht mitgerechnet Frauen und Kinder, die gegessen hatten.»
Diese zwei Zitate aus dem Matthäusevangelium zeigen, Jesus hatte Zulauf. Viele weitere Stellen schildern, dass Menschen kommen, um ihn zu hören oder Krankheiten heilen zu lassen.
Jesus hatte lokalen Einfluss
Jesus war so überzeugend, dass einige sein Leben mit ihm teilten, in seinem Namen predigten und sogar Kranke heilten. Jesus hatte Einfluss, Influence. Und das ganz ohne soziale Medien, Handy und Internet. Der Einfluss war lokal begrenzt auf Judäa, Galiläa, Samaria, und wenige andere Gebiete inmitten der römischen Grossprovinz Syria. In Roms Kaiserpalästen hatte man nie etwas von ihm gehört.
Posts auf Papyri
Lokal funktionierte die Mund-zu-Mund-Propaganda jedoch gut, Jesus hatte viele Follower. Die Menschen machten sich Notizen zu dem, was er sagte. Sie posteten es nicht in den sozialen Medien, sondern schrieben es auf Papyri, die später zu den Evangelien wurden.
Doch stellen wir uns Jesus, wie auf dem Bild, als modernen Influencer vor. Er sässe auf einem Berg, postete Selfies, verkündete etwas, tränke Sekt und wäre er in der Schweiz, hätte er ein paar trendige Aromat Chips, um deren Hype zu verstärken. Tatsächlich hat Jesus mit der modernen Form von Influencer:innen nur sehr wenig gemeinsam, die den Traum einiger Jugendlicher zu leben scheinen. Sie posten regelmässig ihre Inhalte auf verschiedenen Kanälen, propagieren Produkte, Orte und bestimmte Lebensstile, werden zu Gratisaufenthalten eingeladen und führen ein Leben im Licht von Kameras, scheinbar ständig glücklich.
Medienwirksame Streitgespräche
Jesus würde sich vielleicht eher mit einem anderen modernen Trend vergleichen lassen, mit den Sinnfluencer:innen. Diese nutzen soziale Medien, um Werte zu vertreten (z.B. Ökologie, Nachhaltigkeit, mentale Gesundheit, Feminismus etc). Wenn wir Jesus als Sinnfluencer verstehen, war er ziemlich radikal, er predigte Umkehr, erwartete ernsthafte Nachfolge von seinen Freunden, lebte Konsumverzicht und Weggemeinschaft und stieg aus damaligen Rollenvorgaben und Familienstrukturen aus. Die Streitgespräche, die er mit Glaubensgenossen führte, wären auch heute medienwirksam. Als es ernst wurde und er den Konsum im Tempel anprangerte und mit diesem Angriff auf ein florierendes Wirtschaftsunternehmen für die römische Besatzungsmacht gefährlich wurde, waren sie plötzlich weg, die vielen Follower. Selbst seine engsten Freunde hatten Angst und versteckten sich.
Der Sinn im Scheitern
Jesu Hinrichtung war das pure Gegenteil eines erfolgreichen Sinnfluencertums, es war Scheitern pur. Und doch ging es genau da weiter: Auferstehung, Leben, Liebe Gottes, alles stärker als sein gewaltsamer Tod. Sinn im Scheitern, Rechtfertigung der Verletzlichkeit und Verwundbarkeit, Feindesliebe, die sich als wirksam erweist, Bekenntnis zu Gewaltlosigkeit, welche die Gewalt überwindet. Freund:innen Jesu gewannen wieder Mut, verkündeten begeistert, was er gelebt hatte, was ihm Sinn gab, so sehr, dass er sogar bereit gewesen war, dafür zu sterben. Auch ich finde Sinn in Jesu Wirken, Leben, Sterben und Auferstehen, er gehört definitiv zu meinen Sinnfluencern!
Jesus, der (S)In(n)fluencer