Innere Demokratie
Die innere Bühne bevölkert sich
Ich stehe vor einer Entscheidung für ein neues Projekt. Verschiedenes gilt es abzuwägen. Auf meiner inneren Bühne versammeln sich unterschiedliche Mitspieler. Zuerst ein risikofreudiger, abenteuerlustiger, neugieriger Anteil, der sich sofort in das neue Vorhaben stürzen will: die Neugier. Sie hüpft freudig aufgeregt vorne auf der Bühne herum. Schon nähert sich von hinten eine ernsthaft dreinblickende Gestalt und stellt sich vor sie. Mit strenger Miene weist sie sie zurecht und gibt ihr zu bedenken, dass viele Gefahren lauern. Sie zählt ihr auf, was alles schieflaufen könnte. Ein sicherheitsbewusster, ängstlicher Anteil hat die Bühne betreten: die Furcht. Die Neugier gerät in den Hintergrund und wirkt weitaus weniger begeistert.
Erneut betritt ein Anteil die Bühne. Er zieht ein Blatt hervor und beleuchtet ausführlich die Vor- und Nachteile des Neuen: die Vernunft. Die Furcht scheint sich ein wenig zu beruhigen. Die Neugier wagt sich wieder ein kleines bisschen nach vorne.
Von der Seite schiebt sich nun eine Gestalt auf die Bühne, langsam, aber unübersehbar und gewichtig: die Trägheit. Sie möchte keine Veränderungen haben, denn das ist ihr zu mühsam und anstrengend. Sofort verbündet sie sich mit der Furcht, die sich bestärkt fühlt.
Entschlossen kommt von hinten ein weiterer Mitspieler und mahnt ungeduldig, dass es endlich vorwärts gehen solle, dieses ewige Zögern sei nicht auszuhalten und eine Entscheidung längst fällig: die Ungeduld.
Die Regisseurin greift ein
Zeit, dass ich als Regisseurin eingreife. Ich lasse die Trägheit und die Ungeduld in den Hintergrund der Bühne treten. Die Vernunft darf in der Mitte bleiben, aber nicht ganz vorne, sodass sie jederzeit ihre Sichtweise einbringen kann. Die Neugier und die Furcht stelle ich gegenüber und lasse sie miteinander ins Gespräch kommen. Doch die Neugier scheint nicht die geeignete Gesprächspartnerin zu sein, denn sie redet und hört nicht zu und das verstärkt die Bedenken der Furcht. Umgekehrt scheint die Neugier so die Furcht abwehren zu wollen. Ich richte meine Aufmerksamkeit zum hinteren Teil der Bühne, und siehe da, jetzt, da sich im Prozess etwas bewegt, erscheint die Ungeduld eher als Mut. Sie wird das neue Gegenüber der Furcht. Nun werden Argumente ausgetauscht, die Vernunft wirft ab und zu ihre Gesichtspunkte ein und schliesslich einigt sich das Dreiergespann, dass die Furcht die Aufgabe bekommt, zu warnen, wenn etwas überstürzt wird oder schiefzugehen droht. So fühlt sie sich sicher und kann für das Neue gewonnen werden.
Die Neugier hüpft wieder nach vorne und freut sich tierisch, es scheint fast, als hätte sie den Part der Ungeduld übernommen. Die Vernunft weicht ein wenig nach hinten, bleibt aber in der Mitte.
Ganz hinten auf der Bühne lauert immer noch die Trägheit. Auch sie bekommt eine wichtige Aufgabe, denn sie wird dafür sorgen, dass zwischendurch Pausen gemacht werden, dann darf sie ganz nach vorne. Und im Hintergrund bietet sie Gewähr, dass nicht alles neu wird, sondern genügend Vertrautes bleibt.
Alle haben ihren Ort auf der inneren Bühne gefunden, die Entscheidung ist gefallen. Die Stimmung auf der Bühne ist friedlich.
Innere und äussere Demokratie
Diese Form der inneren Demokratie können wir auch Anteilen gegenüber einüben, die wir sonst im Hintergrund lassen. Meist identifizieren wir uns mit bestimmten Selbstbildern, zum Beispiel: «Ich bin fleissig». Dann ist Trägheit ein Anteil, der ein Schattendasein führt, wir lassen ihn nie vorne mitspielen. So könnte es passieren, dass er plötzlich ein Spiel verdirbt und gewaltsam die Bühne stürmt. Wenn wir solchen Anteilen auch Raum geben, wird unser inneres Team grösser und harmonischer.
Die gelebte innere Demokratie führt dazu, dass wir sie auch in unseren Beziehungen leben: Zuhören können, andere Standpunkte achten und eigene vertreten. Und manchmal, wer weiss, sogar Gegner als Verbündeten gewinnen.
Innere Demokratie