«Ich fühle mich frei, wenn ich sicher bin»
Im Herbst des letzten Jahres hat sich die junge Frau auf den Weg nach Europa gemacht, von ihrem Dorf aus, in den Bergen des Saharaatlas. Auf Wegen, über die sie nicht sprechen mag, gelangte sie nach Istanbul, dann über Albanien und Bosnien nach Norden. Vor zwei Wochen ist sie in der Schweiz gestrandet. Vorerst. Schwanger sei sie. «Ich weiss nicht, welches Land mein Ziel ist.» Sie wolle nur Sicherheit für sich und ihr Baby. Freiheit eben. Freiheit sei für sie aber auch: «Machen, was ich will.» Das wäre in der Heimat zwar halbwegs gegangen. Aber nur privat. «Poli-
tisch und gesellschaftlich war es unmöglich.» Ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Sicherheit gäbe es aber keine Freiheit. Oder nur auf dem Papier. Deswegen sei sie weggegangen. Trotz Baby. Oder gerade deswegen. Und noch etwas fällt ihr ein zur Freiheit. «Wenn ihr Europäer nach Afrika kommt, habt ihr jede Freiheit, ihr könnt kommen und gehen und tun, was ihr wollt. Wenn ich aber als Afrikanerin nach Europa will, kann ich nicht kommen und gehen und tun, was ich will.» Ob ihr das jemand erklären könne? Offenbar messe man Freiheit mit zweierlei Mass. Ob das vielleicht am Geld liege? Und wenn ja, – was das dann eigentlich für eine Freiheit sei? Eine, die man sich kaufen könne? «Und was ist mit denen, die es sich nicht leisten können?»
* Name anonymisiert
Text | Foto: Reinhold Meier, Wangs – Kirchenbote SG, April 2018
«Ich fühle mich frei, wenn ich sicher bin»