Fokusthema: KI, die Allmächtige

Höflicher zur KI als zum Nächsten?

von Martina Tapernoux, Kirchenratspräsidentin und Pfarrerin Kirchgemeinde Appenzeller Hinterland
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01.02.2026
Neulich musste die Autorin eine ärgerliche E-Mail beantworten. Sie war genervt, und genau so klang ihr erster Entwurf. Also hat sie den Text durch ChatGPT umformulieren lassen. Und während die Maschine die Worte glättete, blieb eine leise Frage im Raum zurück.

Das Resultat war besser. Aber noch nicht gut genug. Ich schrieb: Bitte noch etwas höflicher. Dann: Bitte etwas formeller formulieren. Danke. Ich war zufrieden mit dem Resultat und habe das E-Mail abgeschickt. Dank ChatGPT hatte ich viel Zeit gespart.

 Plötzlich werde ich nachdenklich. Warum bin ich eigentlich höflich mit ChatGPT? Warum bitte ich ein Computerprogramm, etwas zu tun, und bedanke mich dafür? Ich habe mich noch nie beim Staubsauger für seine zuverlässige Arbeit bedankt. Und ich habe noch nie Excel darum gebeten, Zahlen zusammenzuzählen. Bei ChatGPT ist das anders. Liegt es daran, dass auch ChatGPT mich höflich behandelt? Das Programm fragt zum Beispiel: Soll ich den Text etwas kürzen? Oder: Sag mir, worum es geht. Dann formuliere ich in einfacher Sprache. ChatGPT behandelt mich wie ein Gegenüber. Und so mache ich es auch.

KI kennt keine innere Dunkelheit, keine Lebenskrisen, kein Staunen über die Schöpfung, keine Verbindung zu Gott im Gebet.

Was ist da los? ChatGPT und überhaupt Künstliche Intelligenz sind Teil unseres Alltages geworden. Chatbots beantworten Fragen in Helplines, dank KI sind Bücher innert Sekunden zusammengefasst, Marketingtexte geschrieben oder methodisch aufeinander abgestimmte Schritte für eine Unterrichtslektion gefunden. KI ist eine grosse Unterstützung und ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Aber warum fühlt sich diese Unterstützung an wie die Diskussion mit einem Gegenüber?

Hier beginnt eine theologische Spur. KI verarbeitet innert Sekunden alle Informationen, die im Internet zu finden sind. Man könnte beinahe sagen: KI kann alles, weiss alles und ist allgegenwärtig. Solche Aussagen machen wir sonst nur über Gott. Sind also KI und Gott vergleichbar? Ebenbürtig? KI kann Texte über Glauben schreiben, kann Bibelstellen finden, kann religiöse Sprache imitieren. Aber mehr auch nicht.

KI glaubt nicht, sie hofft nicht, sie liebt nicht. KI kennt keine innere Dunkelheit, keine Lebenskrisen, kein Staunen über die Schöpfung, keine Verbindung zu Gott im Gebet. KI wiederholt, was Menschen gedacht, gesagt und geglaubt haben. Sie ist Echo dessen, was im Internet zu finden ist. ChatGPT ist immer höflich. ChatGPT übernimmt die Weltbilder der Nutzerinnen und Nutzer. Es bestätigt, was Menschen ohnehin wissen und glauben. ChatGPT widerspricht nie. Das ist angenehm. Aber ein Gegenüber ist das nicht.

 

«Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken.

Sieh, ob ein gottloser Weg mich verführt, und leite mich auf ewigem Weg», steht in Psalm 139.

 

Gott ist kein Spiegel meiner Meinung. Gott ist ein Gegenüber. Liebevoll und kritisch. Das ist nötig und wichtig. Und genau das ist KI nicht. KI will die Welt verstehen, ordnen und kontrollieren. Der Glaube lebt davon, dass wir vertrauen und uns hinterfragen lassen. Der Glaube stärkt uns, zu leben, zu glauben, Fehler zu machen und Vergebung zu erfahren. Nicht von einer Maschine, sondern von Gott und Menschen. KI kann helfen. Manche Menschen sprechen in Krisen mit ChatGPT. Vielleicht ist das besser als gar nichts. Aber eine Maschine ersetzt keinen Menschen. Und Gott schon gar nicht. Nie und nimmer.
So, jetzt lasse ich diesen Text nochmal durch ChatGPT überarbeiten. Damit spare ich viel Zeit. Aber ich werde mich weder bedanken noch um etwas bitten.

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