Die Suche nach Antworten

von Marcel Steiner, Synodalpräsident
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02.03.2026
Gedanken des abtretenden Synodalpräsidenten, Marcel Steiner, zwischen Resignation und Hoffnung

Am 20. Juni 2022 wurde ich zum Präsidenten der Synode der Evangelisch-reformierten Landeskirche beider Appenzell gewählt. Einen Tag zuvor hiessen die Stimmberechtigten der Landeskirche die neue Verfassung gut. Mit der überwältigenden Mehrheit von 85,5 Prozent und mit der schäbigen Stimmbeteiligung von 14,3 Prozent. Das zeigt zweierlei: Unsere Kirche ist demokratisch bestens verfasst und (fast) keiner interessiert sich dafür.

Wir steuern gut verwaltet dem Abgrund zu

Seit Sommer 2022 durfte ich zwölf Sitzungen der Synode leiten. Dabei ging es vor allem um die Anpassung der Reglemente der Landeskirche an die neue Verfassung. Mit Fleiss und gutem Willen diskutierten die Synodalen die Gesetzesvorlagen des Kirchenrats und setzen sie in Rechtskraft. Das ist die Aufgabe der Synode als gesetzgebende Behörde der Landeskirche. Als solche ist sie eine politische Kraft in der Kirchendemokratie. Wenn ich Politik als Kunst der gemeinsamen Problemlösung erkenne, stelle ich mir nach zwölf Sitzungen die Frage, wie weit die Arbeit der Synode zur Lösung der Probleme der Kirche beiträgt, beitragen kann. Der Beitrag dürfte wohl klein sein, aber immerhin steuern wir gut verwaltet dem Abgrund zu.

Die meisten Mitglieder der Synode glauben an das Optimierungs-Paradigma. Ein Paradigma ist ein grundlegendes Denkmuster. Und im Optimierungs-Paradigma sucht man in der Kirche seit Jahren nach Konzepten und Stellschrauben, um die Säkularisierung zu stoppen oder gar rückgängig zu machen. Bei dieser Suche sind wir in der Regel auf die Strukturen unserer Kirche fixiert – Stichwort Fusionen.

Angebote der Kirche werden nicht mehr gebraucht

Doch dieses Optimierungs-Denkmuster funktioniert nicht. Als Kirche müssen wir uns eingestehen, dass Glaube, Religion und auch unsere kirchlichen Angebote von immer mehr Menschen nicht mehr gebraucht werden. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es am Sonntagmorgen für die meisten Menschen etwas gibt, das ihnen wichtiger ist als ein Gottesdienst.

Die pastoralsoziologische Forschung sagt, dass das Optimierungs-Denkmuster vom Transformations-Denkmuster abgelöst werden muss. Wenn Soziologen von Transformation sprechen, meinen sie einen tiefgreifenden Wandel von Strukturen, Haltungen und ganzen Systemen.

Weltweit totalitäre Staaten im Vormarsch

In den zwölf letzten Sitzungen der Synode ist mir klar geworden, dass wir auch im Appenzellerland vom Optimierungs-Denkmuster zum Transformations-Denkmuster wechseln sollten. Im Transformations-Denkmuster werden wir Antworten auf Fragen suchen müssen, die wir heute noch gar nicht kennen. Das ist anspruchsvoll.

Das ist besonders dann anspruchsvoll, wenn wir in die Welt hinausblicken. Wo man hinblickt, sind diktatorische Herrscher und totalitäre Staaten im Vormarsch. Werte, die sich über Jahrhunderte im christlichen Abendland entwickelt haben, sollen plötzlich nicht mehr gelten. Glaube, Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit, Solidarität, Respekt, Gerechtigkeit, Recht, Freiheit: Alles in Frage gestellt?

Unsere Kirchgemeinden sind Wertegemeinschaften

Was soll man da als Kirche tun? Im Mikrokosmos unserer Kirchgemeinden können wir noch immer Einfluss nehmen auf die Menschen. Allem Gejammer über den Bedeutungsverlust der Kirchen zum Trotz. Unsere Kirchgemeinden sind Wertegemeinschaften, neudeutsch Caring Communitys. Gemeinschaften von Menschen, die füreinander da sind. Von Menschen, die miteinander über das sprechen, was passiert; die über das sprechen, was sie nicht verstehen und ihnen Angst macht. Eine Gemeinschaft von Menschen, die einander Zuversicht geben. Da hat die Kirche ihr Betätigungsfeld. Denn wir dürfen die Welt nicht sich selbst überlassen. Sonst ist die Gefahr gross, dass sie ihre Humanität, ihr christliches und menschliches Gesicht noch ganz verliert.

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